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Ungewöhnliche Begegnung: Zahra, ihr Lehrer und die Flüchtlinge

Foto: Jan Kammann

Flucht aus Afghanistan, Abitur in Hamburg, Helferin in Athen Die Geschichte von Zahra

Zahra ist 14, als sie aus Afghanistan flieht, in Athen strandet und es irgendwann nach Hamburg schafft. Nach dem Abi geht sie zurück nach Griechenland, um Geflüchteten zu helfen. Ihr früherer Lehrer hat sie dort besucht.
Von Jan-Christoph Kammann

Der Hamburger Lehrer Jan-Christoph Kammann hatte sich 2016 eine Auszeit vom Schulbetrieb genommen, um in die Herkunftsländer seiner Schüler zu reisen. Er wollte auf diese Weise ihre Geschichte verstehen und war unter anderem in Armenien und Bulgarien, in Südkorea und im Iran unterwegs.

Zu einigen seiner damaligen Schüler hält er immer noch Kontakt - unter anderem zu Zahra. Sie stammt ursprünglich aus Afghanistan und arbeitet derzeit, nach ihrem Abitur und vor dem Medizinstudium, als Flüchtlingshelferin in Athen. Jan Kammann hat sie dort besucht.

Zur Person
Foto: Timo Neuscheler

Jan Kammann, Jahrgang 1979, ist in der Nähe von Bremen aufgewachsen und arbeitet als Lehrer für Englisch und Erdkunde am Gymnasium Hamm in Hamburg. 2016 machte er ein Sabbatjahr und bereiste 14 Länder, aus denen seine Schüler stammen.

Es beginnt in Strömen zu regnen, schnell fließt das Wasser in heftigen Rinnsalen von der U-Bahnstation im Osten des Athener Viktoriaplatzes das leicht abschüssige Gelände hinab. Der Platz leert sich rasant, eben noch war er voller Menschen, die ihn wartend, hoffend, auf ihre Handys starrend, in Grüppchen zusammenstehend oder allein, mit Leben füllten. Es sind Mütter darunter mit kleinen Kindern, Minderjährige und Alte beladen mit Plastiktüten. Es ist kurz vor Weihnachten in Athen und es ist kalt.

Neben mir unter einer schützenden Markise eines Cafés steht Zahra. Sie kennt diesen Ort gut. Vor fünf Jahren, im September 2014, kam sie hier an mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern. Hinter ihnen lag die Flucht aus Afghanistan, durch Pakistan, den Iran, die Türkei, über die Insel Lesbos nach Piräus und schließlich ins Zentrum Athens auf diesen Platz.

"Schon damals war dieser Ort Treffpunkt für Geflüchtete, die meisten von ihnen aus Afghanistan. Viel hat sich nicht geändert", sagt sie resigniert. Dieser Ort sei so etwas wie eine Kontaktbörse, hier werde die Weiterreise organisiert. "Ohne Schlepper geht es nicht, man braucht jemanden, der Pässe besorgt, Flüge bucht und sich um alles Weitere kümmert." Wir beobachten eine Szene am Rande des Platzes. Ein Mann mit Headset spricht mit einer vierköpfigen Familie. Unauffällig gehen wir im nun nachlassenden Regen an der Gruppe vorbei. Zahra schnappt ein paar Worte auf: Pass, Flug, Deutschland oder Frankreich, versteht sie auf Dari, ihrer Muttersprache.

Allein quer durch Europa

Für Zahra ging es damals, im Januar 2015, für 3.500 Euro, dem letzten Geld der Familie, mit dem Flugzeug nach Mailand - im vierten Versuch, mit dem Pass einer 28-jährigen Chinesin. Zahra war damals 14 und hatte Glück, dass die Flughafenangestellte zwar in den Pass, nicht jedoch in ihr Gesicht schaute. Ihre Eltern und die drei jüngeren Geschwister mussten vorerst in Athen bleiben. Aus Italien nahm sie einen Zug nach Paris und von da einen Nachtzug nach Hamburg. Hier war ihr 16-jähriger Bruder wenige Wochen vor ihr gelandet. Von Griechenland hatte er sich durch Nordmazedonien und Serbien mehr oder weniger zu Fuß bis nach Ungarn durchgeschlagen, von dort weiter in Bussen. Nun holte er sie vom Hamburger Hauptbahnhof ab.

Im August 2015 traf ich Zahra in der Schule. In den folgenden Jahren lernte sie Deutsch und legte im Frühjahr 2019 ein bravouröses Abitur ab. Für ein Blogprojekt im Fach Englisch  schrieb sie mir ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft ihre Geschichte auf, die mich aufwühlte. Wirklich verstanden habe ich sie damals nicht. Deshalb besuche ich Zahra in diesen Dezembertagen in Athen. Sie macht in Vorbereitung auf ein Medizinstudium ein Praktikum bei den Medical Volunteers, eine Hilfsorganisation, die die in Griechenland gestrandeten Geflüchteten mit dem Notwendigsten versorgt.

Ihr Job sind Übersetzungsdienste, leichte Versorgungen und das Ansprechen von Mädchen und Frauen. Für sie hat sie heute Morgen Flyer auf Dari geschrieben und ausgedruckt, darauf Adressen für ärztliche Behandlungen in Notfällen. Sie weiß genau, wie verloren und schutzlos man sich fühlt an diesem Ort, besonders als Frau. Immer wenn Zahra eine Adressatin erspäht, beeilt sie sich, ihr einen Flyer zu überreichen und ein paar warme Worte an sie zu richten. Die Geschichten, die sie hört, ähneln ihrer eigenen.

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Ungewöhnliche Begegnung: Zahra, ihr Lehrer und die Flüchtlinge

Foto: Jan Kammann

Zahras Handy klingelt. Es ist Cathrin, die irische Koordinatorin der Hilfsorganisation in Athen. Sie bittet Zahra, in die Behandlungszimmer der Medical Volunteers in der Nähe zu kommen. Weder die Ärztin noch die Pflegerin sprechen Dari. Deswegen sind sie hier froh darüber, dass nun eine Muttersprachlerin vor Ort ist. Mitkommen kann ich nicht. Frauensache.

Während ich warte, erkunde ich die Gegend. Die Straße des 3. September ist eine große Magistrale in Athen. Sie führt direkt am Viktoriaplatz vorbei. Schaut man von hier Richtung Süden, erkennt man die in goldenes Licht getauchte Akropolis am Horizont. An Ihren Hängen auf Hochglanz polierte Cafés und Restaurants. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Hier absolute Verzweiflung, nur ein paar Kilometer weiter gut gelaunte Reisegruppen aus aller Welt.

Ich nehme mir vor, meine ehemalige Schülerin am Ende meines Besuchs dorthin einzuladen. Ich hoffe, es gelingt ihr, dort eine normale Touristin zu sein und sich auch so zu fühlen. Von Cathrin weiß ich, dass ihr das schwerfällt. Am Tag ihrer Ankunft erlitt Zahra beinahe einen Schwächeanfall, ausgelöst durch die Erinnerungen, die der Anblick des Viktoriaplatzes in ihr auslöste. Versuche, sie wieder nach Hause zu schicken, wehrte sie vehement ab. Zu wichtig sei ihr diese Aufgabe hier, insistierte sie. Meine letzte und wohl schwierigste Unterrichtsstunde für sie wird sein: Es ist auch in Anbetracht der Umstände völlig in Ordnung, sich auch mal gut zu fühlen. Aber vorher hat sie noch ein paar Lektionen für mich.

Sie kommt mit bedrückenden Neuigkeiten. Eine schwangere Frau ist kurz vor der Niederkunft und zutiefst verzweifelt. Sie wohnt in einer kleinen, feuchten Kellerwohnung und hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Auch ein Vater fand den Weg zu den Medical Volunteers. Er braucht Medikamente für seine kleine Tochter, die von epileptischen Anfällen erschüttert wird. Er ist absolut hilflos und weiß nicht, an wen er sich wenden soll. Zahra übersetzte, dass diese Art Medikamente teuer seien, sie alle aber ihr Bestes tun würden. Er solle unbedingt wiederkommen. Ich beginne zu begreifen: So geht das hier seit Jahren und nicht nur an diesem Ort. Zahra und ihr Team berichten von Suizidversuchen, schwersten Infektionen, gebrochenen Knochen und, viel schlimmer, absoluter Hoffnungslosigkeit.

Geflüchtete als Wirtschaftsfaktor

Am nächsten Tag gehen wir gemeinsam durch die Straßen am Viktoriaplatz. Die Bebauung hat gelitten unter der Wirtschaftskrise, viele Altbauten wirken verlassen, oftmals steht nur noch die Fassade. Auf ihre Art beleben die Flüchtlinge den Stadtteil neu. Es sind Restaurants entstanden mit Namen Kabul oder Herat, orientalische Cafés in denen Gestrandete rastlos ihre Weiterfahrt planen, Reisebüros, Geschäfte mit nichts als Koffern und Rucksäcken in ihrer Auslage auf der Straße und Büros für Geldüberweisungen: Moneygram, Western Union, Ria an nahezu jeder Ecke. Hier kommt das Geld an für die Weiterreise von Verwandten, Bekannten, Freunden überall auf der Welt.

Am Ende unseres Spaziergangs stehen wir vor der Wohnung, die Zahras Familie sich mit einer weiteren für knapp fünf Monate teilte. Wir spähen durch ein Kellerfenster. Zu unseren Füßen eine speckige Matratze, eine elektrische Herdplatte und ein paar Klamotten auf maximal 15 Quadratmetern. Offenbar haben andere Menschen auf Durchreise die Wohnung bezogen. Vor dem Kellerfenster hängt eine Schnur. Hier Wäsche aufzuhängen sei gefährlich, erinnert sich Zahra. Wenn die einzige Hose, die man besitzt, geklaut wird, ist das ein Problem.

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Foto: Luisa Wolff

Am Abend unterstützen die Medical Volunteers eine lokale Einrichtung. Bedürftige können in der Nähe des Viktoriaplatzes ein warmes Essen bekommen und heißen Tee. Es gibt eine mobile Waschmaschine, sogar eine Bibliothek auf einem Anhänger. Am wichtigsten ist jedoch die medizinische Versorgung. Zahra organisiert mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Schlange. Jeder, der sich behandeln lassen muss, bekommt eine Nummer.

Es sind Menschen dabei aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, Pakistan, sogar Myanmar. Auch viele Athener Obdachlose stellen sich an. Immer, wenn im Innern des Containers eine Übersetzung auf Dari gebraucht wird, wird Zahra gerufen. Die freiwilligen Ärzte kommen an diesem Abend aus Portugal, sie sind sprachlos und brauchen Hilfe. Ich merke, wie sehr Zahra in dieser Aufgabe aufgeht. Sie weiß, wie es sich anfühlt, kein normales Leben führen zu können. Ständig in Angst leben zu müssen vor der Polizei, ihren Fragen nach Papieren und drohender Abschiebehaft.

Kontrastprogramm

An diesem Abend bittet sie mich, von meinen Einblicken in der Schule zu berichten. Ich hatte mich immer gefragt, wie es für Jugendliche wie Zahra möglich ist, so schnell Deutsch zu lernen und das Abitur zu schaffen. "Wenn man weiß, dass Bildung nicht selbstverständlich ist, lernt man umso schneller", sagt sie.

Am nächsten Tag schaffe ich uns das versprochene Kontrastprogramm an der Akropolis. Angereist sind wir mit der U-Bahn, ein Verkehrsmittel, in das Zahra sich damals niemals getraut hätte: viel zu groß die Gefahr, in eine Kontrolle zu geraten. Nun gehen wir entspannt den Hang hinauf bis zum Eingang und staunen über die antike Szenerie. Ganz oben, steinalt und über allem erhaben, der weltbekannte Parthenon. Am Kassenhäuschen prangt ein großes Schild, auf dem steht, dass EU-Bürger unter 25 freien Eintritt haben. Unsicher zeigt Zahra ihren vorläufigen Personalausweis, bekommt ein Ticket und passiert das Drehkreuz. "Die Welt ist klein mit dem richtigen Pass", sagt sie, selbst überrascht davon, wie schnell sie auf der anderen Seite steht.

Nach dem Ausflug verabschieden wir uns. Ich hoffe, es ist mehr als nur ein Lippenbekenntnis, wenn sie sagt, dass sie für ein paar Stunden loslassen konnte. Ich habe da so meine Zweifel. Weihnachten sei die Zeit, in der die Europäer sich ins Private zurückziehen. Selbst in den NGOs arbeitet dann niemand mehr, das habe sie damals selbst erfahren. Deswegen sei sie gerade zu dieser Jahreszeit hier.

Mir bleibt nichts weiter, als mich zu verabschieden - und den Hut zu ziehen vor ihrer Courage.

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