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04. Oktober 2016, 12:40 Uhr

Türkei

400.000 Flüchtlingskinder gehen nicht zur Schule

Syrische Flüchtlingskinder, die in der Türkei gestrandet sind, sollen eine Schule besuchen können. Doch die meisten von ihnen bekommen diese Möglichkeit nicht, wie ein Bericht des Europarats zeigt.

Hunderttausende Kinder im schulpflichtigen Alter, die von Syrien in die Türkei geflohen sind, konnten dort im vergangenen Schuljahr nicht zur Schule gehen. "Fast 400.000 Flüchtlingskinder haben keinen Zugang zu formeller Bildung", heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Kommission gegen Rassismus und Intoleranz des Europarats.

Der Bericht erfasst nur Entwicklungen bis zum 17. März dieses Jahres. Er geht somit nicht auf die aktuelle Lage in der Türkei ein. Nach dem Putschversuch Mitte Juli wurde der Ausnahmezustand verhängt; er gilt noch immer.

Die Regierung in Ankara hatte im Februar zugesagt, noch in diesem Jahr solle allen rund 650.000 schulpflichtigen syrischen Flüchtlingskindern in der Türkei der Schulbesuch ermöglicht werden. Aktuelle Zahlen zu dem am 19. September begonnenen Schuljahr liegen noch nicht vor. Die Türkei ist Mitglied im Europarat.

In ihrem Bericht zeigt sich die Kommission zudem besorgt über "die sich verschlechternden Bedingungen" für Minderheiten wie Flüchtlinge, Kurden, Roma und Homosexuelle in der Türkei. Das Gremium kritisiert unter anderem die Zunahme von "Hassreden" auch durch hochrangige Staatsvertreter. Diese blieben meist unbestraft und hätten "gewaltige negative Auswirkungen".

Ein Uno-Bericht hatte kürzlich gezeigt, dass weltweit mehr als die Hälfte der rund sechs Millionen geflüchteten Kinder und Jugendlichen keine Schule besuchen können. Insgesamt seien 3,7 Millionen Mädchen und Jungen in zahlreichen Ländern betroffen, heißt es in dem Bericht des Uno-Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR).

Der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, sprach von einer "Krise" für Millionen von Kindern. Schulbildung für Flüchtlinge werde schmerzlich vernachlässigt, obwohl sie eine der wenigen Chancen auf eine bessere Zukunft bieten könnte. Nur 50 Prozent der Flüchtlingskinder besuchen demnach eine Grundschule.

Zum Vergleich: Der weltweite Durchschnitt der Kinder, die eine Grundschule besuchen, liegt bei 90 Prozent. Lediglich ein Prozent junger Flüchtlinge könne studieren. Weltweit liegt die Studierquote nach Uno-Angaben bei 34 Prozent.

lgr/dpa

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