Unicef-Studie Deutschland vernachlässigt Flüchtlingskinder

Sie leiden unter Langeweile, Stress und Gewalt: Viele Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien haben in Deutschland einen schwierigen Start. Zu diesem Ergebnis kommt eine Unicef-Studie.

Kinder in einer Notunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin
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Kinder in einer Notunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin


Sie warten. Darauf, dass sie in die Kita dürfen oder in die Schule. Dass ihre Familie eine Wohnung findet. Dass ein Arzt Zeit für sie hat. Für viele Flüchtlingskinder in Deutschland sieht der Alltag trostlos aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine Unicef-Studie, für die rund 447 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften befragt wurden.

Viele Familien lebten über Monate oder sogar Jahre hinweg in Flüchtlingsunterkünften, die weder sicher noch kindgerecht seien, so die Studie. Die Unterkünfte seien beengt, Zimmer häufig nicht abschließbar, Sanitäranlagen nicht nach Geschlechtern getrennt - all dies setze Kinder und Jugendliche unter Stress.

22 Prozent der befragten Mitarbeiter gaben an, dass Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen, in denen sie arbeiten, Gewalt miterlebt haben. Zehn Prozent der Mitarbeiter berichten, dass Kinder selbst Opfer von Gewalt wurden. "Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein", so die Studienautoren.

Obwohl Helfer oder Vereine für Flüchtlingskinder Sport- und Freizeitaktivitäten, Ausflüge oder Bastelstunden organisieren, werde ein Großteil der jungen Geflüchteten dadurch nicht oder nur sporadisch erreicht - etwa weil ihre Unterkunft sehr abgelegen sei. Knapp ein Viertel der Befragten sagte, dass Flüchtlingskinder außerhalb der Unterkunft keinen Zugang zu Freizeit-, Kultur- oder Sportangeboten haben.

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"Kinder, die ihre Heimat verloren und Schlimmes durchgemacht haben, müssen rasch zur Normalität zurückfinden. Sie dürfen nicht noch mehr wertvolle Zeit ihrer Kindheit verlieren", sagt Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider. Er fordert unter anderem deutschlandweit verbindliche familien- und kindgerechte Standards für Flüchtlingsunterkünfte und schnelleren Zugang für Flüchtlingskinder zu Schulen und Kitas.

In vielen Bundesländern haben geflüchtete Kinder und Jugendliche während der Erstaufnahme keinen Anspruch auf einen Regelschulplatz. Nur 29 Prozent der befragten Mitarbeiter, die in Erstaufnahmeeinrichtungen arbeiten, gaben an, dass in ihren Unterkünften Kinder zur Schule gehen. Und 22 Prozenten sagten, dass Familien dort zwischen sechs und zwölf Monaten verbringen - obwohl die Höchstdauer laut Gesetz sechs Monate beträgt.

Ähnlich sieht es bei Kitas aus: 22 Prozent der Befragten sagten, dass Flüchtlingskinder sechs Monate oder länger auf einen Platz warten müssen. Für die Entwicklung vieler Kinder sei das fatal, da sie zuvor schon monate- oder jahrelang auf der Flucht waren. Eine psychotherapeutische Versorgung werde nur in den seltensten Fällen geleistet.

Für die Studie hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) im Auftrag von Unicef zwischen Mai und September 2016 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften online befragt. Die Ergebnisse wurden durch Interviews mit 18 geflüchteten Familien und Gesprächen mit Experten der Kinder- und Jugendhilfe ergänzt. Die Studie ist nicht repräsentativ.

vet

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