Privatvormundschaft für einen Flüchtling Mach's gut, Djawad

Madeleine Janssen hat eine Privatvormundschaft für den minderjährigen Djawad aus Afghanistan übernommen. Mit seinem 18. Geburtstag endet ihr Einsatz. Verantwortlich fühlt sie sich trotzdem noch.

Bald volljährig: Djawad aus Afghanistan
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Bald volljährig: Djawad aus Afghanistan


Zur Person
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    Madeleine Janssen, Jahrgang 1983, ist freie Journalistin und hat im Sommer 2016 eine ehrenamtliche Privatvormundschaft für den minderjährigen Djawad Akram aus Afghanistan übernommen. Sie hatte sich zuvor beim Deutschen Kinderschutzbund in Hamburg über die Rechte und Pflichten eines Vormunds schulen lassen.

Djawad wird in ein paar Tagen 18. Damit endet die Privatvormundschaft, die ich vor einem halben Jahr für ihn übernommen habe. Ich war sechs Monate offiziell erziehungsberechtigt, habe seine Schulzeugnisse abgesegnet, bin mit ihm zu Terminen bei Behörden gegangen und habe Formulare unterzeichnet.

Wenn er frustriert war über den Lärm der anderen Jugendlichen in seiner Wohngruppe oder nicht wusste, wo er sein Schulpraktikum machen sollte, habe ich ihm gut zugeredet und nach Lösungen gesucht. Jetzt entlasse ich ihn in die Volljährigkeit. Irgendwie ist es ein Abschied, wie er bei jedem Kind irgendwann ansteht - mit dem Unterschied, dass ich natürlich nicht Djawads Mutter bin und wir uns gerade aneinander gewöhnt hatten. Wie geht man damit um?

Djawad Akram* hat viel gelernt und erreicht, seit ich ihn kenne. Er ist zuverlässig und kommt immer pünktlich zu unseren Verabredungen. Einmal hat er sich verspätet, als wir bei der Bank ein Konto für ihn eröffnen wollten. Es war ihm furchtbar peinlich. Bei seinem Praktikum in einer Zahnarztpraxis lobten ihn der Zahnarzt und das ganze Team, er hätte dort sofort eine Ausbildung anfangen können. Aber seither weiß er, was er werden will: Zahnarzt. Und dafür muss er weiter zur Schule gehen.

Vor Kurzem schickte er mir per WhatsApp sein Zwischenzeugnis, lauter Einsen und Zweien. Die Vier in Deutsch, ausgerechnet, ist ein Ausreißer. Aber seine Reaktion darauf zeigt mir: Selbstständig ist er noch lange nicht.

Meine Vormundschaft endet, nicht aber mein Verantwortungsgefühl

Djawad lebt seit dem Herbst in einer von Sozialpädagogen betreuten Fünfer-WG in Wilhelmsburg, er hat ein eigenes Zimmer. Das hatte er sich lange gewünscht. Er wäscht seine Wäsche, kocht und räumt sein Zimmer auf. Er sagt aber auch: Deswegen habe er wenig Zeit, um für die Schule zu lernen.

Sein Zimmer in der WG liegt gegenüber der Küche, manche Bewohner kochen auch spät abends noch und klappern mit dem Geschirr. Das nervt ihn. Am liebsten würde er ganz allein wohnen. Ob ihm klar sei, dass er in einer eigenen Wohnung noch mehr mit Kochen und Putzen beschäftigt wäre und noch weniger Zeit fürs Lernen hätte, frage ich. Er schweigt. Vielleicht sind das die Wünsche eines Teenagers, die man nicht immer verstehen oder gar erfüllen muss, denke ich. Aber: Habe ich genug für ihn getan?

Madeleine Janssen mit Djawad
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Madeleine Janssen mit Djawad

Hätte ich mich früher durch die Angebote der Hilfsinitiativen wühlen müssen, um zusätzlichen Deutschunterricht zu organisieren? Oder um kostenlosen Klavierunterricht für ihn zu finden oder ein Bewerbungstraining? Ich fühle mich für ihn verantwortlich, und ich weiß: Dieses Gefühl wird nicht an seinem Geburtstag aufhören. Wenn ich ein tolles Projekt entdecke, werde ich ihm davon erzählen, auch wenn es vielleicht erst in ein paar Monaten ist.

Djawad will mir das nicht glauben. Als ich ihm neulich schrieb, dass ich ihn auch in Zukunft immer mal wieder fragen werde, wie es ihm geht, war seine Antwort brüsk. "Bitte, Frau Madeleine", schrieb er zurück, "bitte sagen Sie solche Sätze nicht. Ich weiß doch, wie es läuft, wenn ich 18 bin." Es klang frustriert. Woher er das wohl wissen will, frage ich mich und nehme mir vor, ihm regelmäßig zu schreiben.

Für das Familiengericht, das mir die Fürsorge für Djawad offiziell übertragen hat, soll ich jetzt einen Bericht schreiben. Wie Djawad sich in der Zeit meiner Vormundschaft entwickelt hat, wie seine Schulleistungen sind, wo ich seine Stärken und Schwächen sehe. Dieser Bericht ist mein vorletzter Schritt, um die Vormundschaft abzuschließen.

Als Minderjähriger bekam Djawad erst einen Amtsvormund, der aber Dutzende andere Jugendliche betreut und kaum einen von ihnen persönlich kennenlernt. Viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge suchen Halt und einen festen Ansprechpartner. Sie brauchen Hilfe beim Gewühl durch die deutschen Ämter und das Bürokratiedeutsch. Manche Leute übernehmen mehrere Vormundschaften gleichzeitig, das wollte ich aber nicht. Ich hatte Sorge, meinem Mündel nicht gerecht zu werden.

Wie wird man Privatvormund?
Institutionen
Am besten über eine Organisation wie den Deutschen Kinderschutzbund. Manche seiner Ortsverbände bieten ein Vormundschaftsprogramm an. Hier bekommt man eine sechsteilige Schulung rund um die deutsche Sozialgesetzgebung, ums Asylrecht und die praktische Jugendhilfe. Wenn es zwischendurch Fragen oder Probleme gibt, helfen die Sozialpädagogen.
Aufgaben
Der Vormund kümmert sich um die medizinische Versorgung des Mündels, um die Schulbildung, um das Wohlergehen in der Unterkunft und gegebenenfalls um einen Wohnungswechsel. Er unterzeichnet Schulzeugnisse und muss die Teilnahme etwa an einem Schwimmkurs gestatten. Finanzielle Verpflichtungen entstehen nicht. Hat das Mündel das 14. Lebensjahr erreicht, haftet man auch nicht für eventuelle Vergehen. Ein Vormund muss das Mündel nicht bei sich zu Hause aufnehmen. Es geht vor allem darum, eine moralische und psychologische Stütze zu sein. Einmal im Monat treffen sich die Vormünder beim Kinderschutzbund und tauschen sich aus. Wird der Jugendliche volljährig, erlischt auch die Vormundschaft.

Jetzt folgt der letzte Schritt. Alles gut, denke ich. Djawad ist inzwischen im sozialen Netz in Hamburg verankert. Er hat ja auch noch seine Betreuer und seine Lehrer. Sorge? Die empfinde ich nicht, vorsichtige Zuversicht aber schon. Ich stecke ein grünes Blatt Papier in einen Briefumschlag und schicke es ans Familiengericht. Die Bestallungsurkunde. Die Vormundschaft ist wirklich vorbei.

*Name geändert

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