Flüchtlingskinder auf dem Gymnasium "Die deutschen Schüler sind zurückhaltend"

Janina Rakow unterrichtet die erste Internationale Vorbereitungsklasse an einem Hamburger Gymnasium. Wie lernen Kinder, die vor Krieg flüchten mussten - und wie ergeht es ihnen mit ihren deutschen Mitschülern?

Janina Rakow mit Schülern der IVK 9a
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Janina Rakow mit Schülern der IVK 9a

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An einem nasskalten Hamburger Herbsttag trödeln die Schüler der IVK 9a weniger als sonst, um in den beheizten Container zu kommen, der ihr Klassenraum ist. "Ach ja, die brauchen immer ein bisschen länger", sagt Janina Rakow.

Seit April 2016 leitet Rakow, 34, die erste Internationale Vorbereitungsklasse (IVK) an dem Gymnasium Klosterschule in der Hamburger Innenstadt. In den Klassen werden Kinder unterrichtet, die neu sind in Deutschland, die erst mal ankommen und Deutsch lernen müssen. Die meisten von ihnen sind Flüchtlingskinder.

In der IVK 9a sind 17 Kinder zwischen 14 und 18 Jahren. Sie kommen aus Palästina, Syrien, Irak, dem Libanon, Afghanistan, Guinea oder Iran. Einige erreichten Deutschland als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, ohne Eltern und Verwandte. Jetzt müssen sie nicht nur eine völlig fremde Sprache lernen und sich in einem neuen Schulsystem und einer anderen Gesellschaft zurechtfinden.

Wie lernen, wenn man sich um die traumatisierte Mutter kümmern muss?

Viele kämpfen außerdem mit Traumata. Und der großen Unsicherheit, ob sie hierbleiben dürfen. Nach einem Jahr leben die Jugendlichen noch immer in Flüchtlingsunterkünften, meistens mit ungeklärtem Status.

In diesen Containern lernen die Flüchtlingskinder der Klosterschule
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In diesen Containern lernen die Flüchtlingskinder der Klosterschule

Lernen fällt da nicht immer leicht. Ahmed zum Beispiel schreibt schon sicher und schnell die deutschen Buchstaben. Doch es kommt vor, dass er, dunkelblaues Sakko, blau-weiß kariertes Hemd, Jeans, zwei große Silberringe mit Steinen, ein Tattoo zwischen Daumen und Zeigefinger, erst kurz vor Stundenschluss die Klasse betritt, mit einer Entschuldigung in der Hand: Er musste mit seiner Mutter zum Arzt. Sie hat Depressionen und Diabetes, ist allein mit Ahmed und der jüngeren Tochter nach Deutschland gekommen. Vielleicht wirkt Ahmed auch deshalb viel älter als die 14 Jahre, die er laut eigener Aussage alt ist.

Zwei Jahre laufen die Vorbereitungsklassen an der Klosterschule, danach sollen die Schüler einen Abschluss machen können oder ganz in die gymnasiale Regelklassen wechseln. Wer fit genug ist, soll und darf auch schon vorher Kurse mit den Regelschülern belegen. Nach wenigen Monaten lernen bereits drei Jungs Englisch mit den deutschen Mitschülern, Mamadou ist im Französischunterricht dabei und Nazanin in Kunst. Und nach einem halben Jahr hospitieren schon neun Schüler, also die halbe IVK, in Regelklassen.

Lachen, um die Anspannung zu lösen

"Nazanin ist lernstark", sagt Rakow. Es gibt aber auch andere Fälle: Eine Schülerin lernt einfach nicht, spricht auch nach einem halben Jahr kaum Deutsch. Ein anderer Junge, 15 Jahre, ist allein aus Syrien hergekommen. Er ist ehrgeizig, will später Arzt werden und könnte, so seine Lehrerin, theoretisch auch bald in eine Regelklasse wechseln. Doch er kommt oft übermüdet in die Schule, hat offenbar Schlafstörungen, was seine Leistungen natürlich mindert.

Klassenlehrerin Janina Rakow
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Klassenlehrerin Janina Rakow

Lachen sei sehr wichtig, sagt Rakow, um Vertrauen aufzubauen und die Anspannung für kurze Zeit zu lösen. Wer entspannt ist, lernt leichter, weiß die Lehrerin. So spielen sie im Unterricht immer mal zwischendurch, sitzen im Kreis, werfen sich bunte kleine Bälle zu. Wer einen fängt, muss seinen Namen sagen, sein Alter, seine Herkunft, ein Hobby: "Ich bin Mansour, ich komme aus Afghanistan, ich bin 60, nein, 16 Jahre alt, und ich mag Fußball spielen."

16 Schulstunden Deutsch haben die Schüler in diesem Schuljahr pro Woche, zudem ist ein neues Fach hinzugekommen: Geschichte und Demokratie. Und in dem Fach namens Leben wird gemeinsam gekocht, eingekauft und auch mal ein Park besucht. "Von 8 bis 16 Uhr Schule zu haben, ist für die Kinder furchtbar anstrengend", sagt Rakow. "Die suchen zwischendurch auch nach Ruhe."

Kontakt mit den Regelschülern haben die Flüchtlingskinder bisher wenig. Vielleicht ändert sich das aber bald. Seit den Herbstferien haben die IVK-Schüler Lesepaten. In dem Container unter dem Klassenzimmer der 9a stehen jetzt Sofas, große Kissen und Bücherkisten. In den langen Pausen können sich die Paare hier gegenseitig vorlesen und erzählen.

Hier erzählen Schüler der IVK 9a von ihren Monaten an einer deutschen Schule:

"Frau Rakow, Frau Rakow, ich möchte auch einen Lesepaten", sagt Fahim. Es ist ihm wichtig. "Du bekommst auch einen, auf jeden Fall", beruhigt ihn die Lehrerin. "Aber erst nach den Ferien." Vor Schulferien hat die Klassenlehrerin mittlerweile keine Angst mehr. Die ersten großen Sommerferien hatten ihr noch Sorgen bereitet: Dass die Schüler viel Deutsch verlernen oder gar nicht wiederkommen, hatte sie befürchtet. Doch bis auf eine Schülerin waren alle am ersten Schultag im September da.

Neben den neuen Fächern gibt es auch eine neue Regel in diesem Schuljahr: Wer zu spät kommt, muss warten - die Klassentür wird nur alle 15 Minuten einmal geöffnet. Janina Rakow schmunzelt: "Pünktlichkeit ist schwer durchzusetzen. Aber das ist ja auch etwas typisch Deutsches, und im Moment sind erst mal andere Dinge wichtiger."



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