Fragestunde mit den Obamas "Barack ist so cool"

In Straßburg haben sich Michelle und Barack Obama den Fragen von 4000 Jugendlichen gestellt - mit dabei waren fünf Heidelberger Schüler. Den ganzen Tag ließen sie langwierige Secret-Service-Kontrollen über sich ergehen - und bekamen am Ende einen Rat fürs Leben.

Aus Straßburg berichtet Jochen Schönmann


Straßburg - Was erwartet man, wenn man den mächtigsten Mann der Welt aus der Nähe sieht? "Auf jeden Fall jede Menge Secret Service", sagt Johannes Miltner. Der 17-Jährige steht topfit am Rastplatz in Kehl, kurz vor dem deutsch-französischen Grenzübergang. Seit sechs Uhr morgens ist er mit seinem Englischkurs des St.-Raphael-Gymnasiums in Heidelberg unterwegs zum Rhenus Sport Center in Straßburg.

Das deutsch-amerikanische Institut hatte die Reise kurzfristig organisiert. Jetzt stehen die sechs Busse aus Heidelberg an der Raststätte und vereinigen sich mit einem ganzen Busgeschwader: Schüler und Studenten aus Deutschland und Frankreich.

Vor dem Autobus hasten Konsulatsbeamte hin und her. Alles muss stimmen. Wer keine Karte hat, kommt nicht zu Obama. Keine Chance, heißt es immer wieder.

"Was die hier für einen Aufwand treiben. Alles nur für einen Mann", staunt Noomi Müller. "Das ist schon irgendwie unheimlich."

Dabei ist noch gar nichts passiert. Eine halbe Stunde später fährt die Buskolonne gemeinsam los. Mindestens 20 sind es jetzt. Dutzende Polizisten auf Motorrädern eskortieren den Tross. In Straßburg sind die Straßen menschenleer. Keine parkenden Autos auf der Route. Rote Ampeln werden unter dem Jubel der Schüler schlechterdings ignoriert. Heute hat die Jugend Vorfahrt.

Im Bus immer von Neuem die selben Durchsagen: Alle zusammenbleiben, keine Taschen, keine Getränke, Personalausweise bereithalten, technische Geräte anschalten und vorzeigen, zwecks Kontrolle.

Busschaukeln gegen die Langeweile

Noomi sagt: "Ich finde es toll, dass er Jugendliche treffen will." Doch noch ist es nicht soweit. Kurz nach neun Uhr erreicht die Kolonne den Parkplatz vor dem Rhenus Center. Die Fahrer parken ein, als wären die Busse ein überdimensionales Tetris-Spiel: Rechts, links, vorne, hinten - überall nur noch Blech. Die Motoren gehen aus.

"Alles sitzen bleiben", lautet das Kommando, und heute wagt niemand ein Widerwort. Man akzeptiert: Ein Präsident ist nun mal etwas Besonderes. Also warten. Und warten. Und warten. Man flüchtet sich in Witze: "Wo sind denn jetzt die Paparazzi?"

Irgendwann wird die Zeit dann doch lang, der Bewegungsdrang zu groß. Ein paar Hyperaktive beginnen mit Busschaukeln, was der grummelige Fahrer mit ein paar saftigen Flüchen begleitet.

Dann endlich dürfen alle raus. Jetzt aber schnell, alle gemeinsam, hopp, hopp, hopp, und schon ist wieder Hektik. Uniformierte treiben die bunte Herde hinüber zur Arena. Andere Besucher der Veranstaltung gibt es nicht. Nur diejenigen, die sich bereits vor Tagen über ihre Schule mit Personalausweisnummer angemeldet haben, kommen heute überhaupt nach Straßburg, scheint es.

Dann nochmals Kontrollen vor der Halle. "Wie am Flughafen", findet Johannes. Am Check-in steht zur Enttäuschung vieler allerdings nicht der Secret Service. Aber die Franzosen versuchen nach Leibeskräften, zumindest annähernd cool zu wirken. Höflich aber bestimmt weisen sie den Weg: Blaue Zone, rosa Zone, gelbe Zone. Alles zackig, wenn's geht.

Die Heidelberger Gruppe sitzt als erste. Dummerweise hinter der Bühne. Sofort geht die Angst um: Der ganze Aufwand für einen Hinterkopf?

Dann kommt endlich der Secret Service

Um kurz vor elf Uhr sitzt die Gruppe. Die Veranstaltung soll um 14 Uhr beginnen. Die Sitze sind schäbig, aber den Schülern ist es egal.

Um 12. 30 Uhr ist die Halle etwa halb gefüllt. Immer wenn ein neuer Stoß reingelassen wird, balgen sich die Neuankömmlinge um die besten Plätze. So geht es weiter, eine Stunde nach der anderen.

Um 14 Uhr sorgt der Hallensprecher für erste Aufregung: "Wir beginnen nun unser Programm." Das allerdings kann man sehen wie man will: Ein Assistent klebt das Präsidentensiegel auf das Rednerpult, während zwei Damen die Tribüne absaugen, damit die präsidialen Füße auch einen hygienischen Stand haben.

Doch dann, endlich, kommt der Secret Service: Nicht ganz in Hollywood-Manier, aber immerhin dunkle Anzüge, finstere Blicke, Knopf im Ohr. Das ist schon mal ein Grund, um aufzustehen und zu schauen.

Und dann ist er da.

Gemeinsam mit seiner Frau betritt er die Halle. Hager sieht er aus, die Bewegungen gewohnt lässig und souverän. Ein kurzer Kuss mit der First Lady und los geht's. "Barack ist so cool", sagt Lena Mangold, und versucht, ein paar Bilder zu schießen.

Obama spult sein Programm ab, redet von Gemeinsamkeit, von Anstrengung, vom Aufbäumen in der Krise. Dann wird er plötzlich deutlich: "Ihr jungen Leute müsst führen", sagt er. "Es ist eure Verantwortung, der Planet liegt in euren Händen." Und er gesteht Fehler ein: "Wir waren oft arrogant gegenüber Europa. Wie haben euren Führungsanspruch nicht akzeptiert." Die Europäer wiederum sollten ihren Antiamerikanismus überdenken. Der sei von Unverständnis geprägt. "Keiner von uns schafft es allein", ruft er. Spätestens jetzt ist die Halle voll dabei.

"Work hard!"

Dann nimmt sich Obama Zeit für Fragen: Geduldig beantwortet er, was gegen die Armut in der Welt zu tun ist, professionell gibt er Auskunft über die Zukunftsaussichten mitten in der Krise.

Erst als eine Heidelberger Schülerin fragt, ob er bereut, Präsident geworden zu sein, kommt der Polit-Superstar ins Stocken. Er schaut die Ränge hinauf und sagt. "Weißt du, manchmal ist das Gewicht auf den Schultern sehr sehr schwer." Jeder in der Halle kann das förmlich fühlen. Doch Obama leistet sich nicht mehr als diesen Gedanken. "Worum es geht, ist, es gibt nichts Edleres, als für das Gemeinwohl zu arbeiten", ruft er und erntet Applaus.

Als die Obamas sich verabschieden, läuft das Präsidentenpaar direkt auf die Heidelberger zu. "How are you?", fragt der Präsident Lena Mangold und schüttelt ihr die Hand. Michelle greift ebenfalls danach und zieht sie zu sich heran: "Work hard!", sagt sie zu der 17-Jährigen, und geht weiter.

Jubelnd verfolgen die Schüler den Ausmarsch des Paars, bevor sie sich selbst wieder auf den Weg zu den Bussen machen. "Gesagt hat er eigentlich nicht viel", konstatieren Noomi und Johannes. "Das meiste kannte man schon." Aber das war es alle mal Wert, finden sie.

Müde ist immer noch niemand. Im Gegenteil: Auf der Rückfahrt geht es um die Fotos, um die Rede, um das Händeschütteln, und natürlich ums Abendprogramm. "Heute Abend wird gefeiert", sagt Jakob Schirmböck: "President's Party."



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