Empfang auf Schloss Bellevue Kinder an die Macht

Inszenierung im Zeichen der Kinderrechte: Für eineinhalb Stunden "übernehmen" 13 Kinder und Jugendliche den Sitz des Bundespräsidenten. Und nutzen die Zeit für Kritik an der Politik.

Wolfgang Kumm/dpa

"Nichts weniger als einen Staatsstreich haben wir heute zu verkünden", sagt Frank-Walter Steinmeier. Der Bundespräsident ist sichtlich erfreut über die 13 jungen Menschen, die "auf friedlichem Weg und ohne den geringsten Widerstand" an diesem Tag die Macht auf Schloss Bellevue übernommen hätten. Kein Wunder. Schließlich hat der Schlossherr die Kinder und Jugendlichen selbst eingeladen.

In über 60 Städten und Gemeinden haben Kinder heute Rathäuser und Gerichte gestürmt, Radiosendungen übernommen, Zeitungskommentare geschrieben und an über 200 Schulen den Unterricht organisiert. Das berichtet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, auf das die bundesweite Aktion zurückgeht. Anlass sind 30 Jahre Kinderrechte.

Am 20. November 1989 hatte die Uno die Kinderrechtskonvention verabschiedet. Die Konvention garantiert allen Kindern das Recht auf Überleben, Entwicklung und Schutz sowie darauf, ernst genommen und beteiligt zu werden. Der Besuch beim Bundespräsidenten ist einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten.

Steinmeier will den 13 jungen Menschen im Alter zwischen 10 bis 18 Jahren Gelegenheit geben, ihre Stimme zu erheben. Sie alle engagieren sich in Jugendgruppen von Unicef für die Umsetzung der Kinderrechte.

"Sie vertreten kein Land, sondern eine Generation"

Es ist eine große Inszenierung, die für eineinhalb Stunden auf Schloss Bellevue aufgeführt wird. Der Hausintendant höchstselbst kündigt die jungen Gäste an. Nach dem Protokoll macht er das sonst nur für den Bundespräsidenten und ausländische Staatsgäste. Die Jugendlichen nippen an Porzellantassen mit Goldrand und verstecken ihre Turnschuhe unter dem Tisch. Und First Lady Elke Büdenbender kommt sichtlich ins Schlingern, ob sie die Besucher nun duzen oder siezen sollen, offenbar hin- und hergerissen zwischen dem jungen Alter und dem Anstrich des offiziellen Anlasses.

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Engagement für Kinderrechte: Ernst nehmen und beteiligen

Die Botschaft aus Bellevue ist klar: Der erste Mann im Staat und die First Lady nehmen sich Zeit für die Belange von Minderjährigen.

"Sie sind ganz besondere Staatsgäste", sagt Büdenbender, die Schirmherrin von Unicef Deutschland ist, zu den jungen Gästen. "Sie vertreten kein Land, sondern eine Generation."

Aber diese Generation ist ganz offensichtlich nicht zufrieden.

Eigentlich sollte es in dem Gespräch beim Bundespräsidenten ganz generell über das Recht auf Mitsprache und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gehen. Doch es wird vor allem eine Debatte über das Versagen des deutschen Bildungssystems.

Kritik am selektiven Bildungssystem

Die Berichte der jungen Besucher bestätigen, was Leistungsvergleiche wie Pisa, Vera und Co. seit Jahren bemängeln: Herkunft und sozialer Status spielen in Deutschland eine viel zu große Rolle für den Bildungsweg. Die Alltagsbeispiele der Schüler sind bedrückend.

Bastian aus Baden-Württemberg berichtet, ihm sei in der Grundschule vermittelt worden, dass er froh sein könne, wenn er es auf die Hauptschule schaffe. Der Junge kommt aus sozial schwierigen Verhältnissen, er hörte mit an, wie seine Lehrerin seine Mutter "faul" nannte. "Ich musste mir selber helfen", sagt der heute 17-Jährige. Unterstützung von Lehrern habe er nie bekommen. Jetzt steht er kurz vor dem Abitur.

Tosca aus Nordrhein-Westfalen sagt, sie habe es als Arbeiterkind vom Dorf nicht leicht gehabt. Die 17-Jährige kritisiert, dass Schulempfehlungen vor allem von den Vorurteilen der Lehrer und dem "Gelaber" der Eltern abhingen. Ihre Sitznachbarinnen Julia aus Baden-Württemberg und Samira aus Sachsen stimmen ihr zu.

"Lehrer waren voreingenommen"

Auch Melina aus Köln hat das zu spüren bekommen, genauso wie Berkay aus Hamburg. Beide glauben, ihr schwerer Schulstart sei vor allem auf Vorurteile aufgrund ihres Migrationshintergrunds zurückzuführen. "Die Lehrer waren voreingenommen", sagt die 18-Jährige, in ihrer Klasse hätten es nur zwei deutsche Schüler aufs Gymnasium geschafft. Der 18-jährige Hamburger erklärt, ihm habe auch das frühe Aussieben nach der vierten Klasse den Aufstieg erschwert.

Am Ende fragt die First Lady die Schüler nach Lösungsvorschlägen.

Man müsse die Bildung von der Herkunft abkoppeln, fordert Tosca. "Die Schule muss so gut sein, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr unterstützen müssen."

Samira regt an, dass Schulen sich mehr austauschen sollten, zum Beispiel, wenn es um Programme geht, bei denen Schüler sich gegenseitig Nachhilfe geben. "Dann muss nicht jede Schule selbst auf eine gute Idee kommen."

"Pragmatisch" findet das präsidiale Paar die Ansätze der Kinder und Jugendlichen. Steinmeier versichert am Ende des Gesprächs, er und seine Frau würden bei ihren vielzähligen Terminen das Wort im Sinne der Schüler ergreifen.

"Ich glaube ihnen das", sagt Belina, die Gastgeber hätten ihnen ernsthaft zugehört, viel nachgefragt und sich Notizen gemacht. Jetzt setzen sie auf Steinmeiers Versprechen. "Der Bundespräsident kann die Politik erreichen", sagt Berkay, "wir können das nicht."

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