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16. Mai 2017, 09:05 Uhr

Schulabschluss für Ex-Junkies

Und dann packen sie es doch

Von Almut Steinecke

Kiffen, saufen, einwerfen: Jugendliche mit Suchtproblemen finden nur schwer in ein geregeltes Leben. Eine Schule in Frankfurt bietet ihnen eine zweite Chance - und Abschlusszeugnisse mit erfundenem Namen.

Finn lächelt. Stolz blickt er auf das große Foto vor sich an der Wand. Es zeigt ihn in Boxershorts und T-Shirt, verschwitzt und glücklich. "Das war bei dem Frankfurt-Marathon 2016", erinnert er sich, "da bin ich den letzten Streckenabschnitt mitgelaufen. 13,1 Kilometer in einer Stunde und zehn Minuten!"

Laufen ist Leben. Früher ist Finn immer weggelaufen vor dem Leben.

Das Foto vom Marathon hängt hinter Glas im Flur des Bildungszentrums Hermann Hesse in Frankfurt. Finn, 21, große braune Augen, krauses braunes Haar, ist hier Schüler und heißt eigentlich anders. Seinen richtigen Namen will er nicht sagen, zu groß ist die Sorge vor dem Stigma.

Seine Schule ist nämlich eine besondere: Das Bildungszentrum ist eine Einrichtung für Jugendliche mit Suchtproblemen, die ihren Schulabschluss nachholen - Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, Fachhochschulreife oder Abitur. Die Jugendlichen hier haben zuvor alle die Schule abgebrochen, weil sie von mindestens einer Droge abhängig waren. Finn war gleich mehrfach süchtig.

Der erste Schnaps mit zwölf

Mit zwölf trank er seinen ersten Schnaps, rauchte das erste Gras. Mit 16 soff er "exzessiv", erzählt er. Finn wuchs in einer Familie auf, in der er "null Rückhalt" spürte. "Mein Vater hat gesoffen. Meine Mutter hat gekifft. Als ich zwei Jahre alt war, haben sich meine Eltern getrennt. Meine Mutter fand einen neuen Mann, dieser Mann hat gesoffen und gekifft."

Mit dem neuen Lebenspartner seiner Mutter verstand er sich überhaupt nicht. "Es gab nur Stress." Mit 14 schmiss Finn die Schule. Er jobbte als Helfer bei einer Umzugsfirma, als Verkäufer in einem Geschäft für Reptilien. Schwarzarbeit. Mit 16 zog er zu Hause aus und bezahlte mit dem Geld aus den Jobs eine winzige Wohnung - und die "Partydrogen": Ecstasy und Speed gesellten sich inzwischen zu Joints und Alkohol hinzu, später noch LSD, Pilze. Jeder Tag sah gleich aus. Tagsüber arbeiten. Abends kiffen, schlucken, saufen.

Irgendwann hörte Finn eine Stimme in seinem Kopf. So klar, so deutlich, auch wenn er alleine war - als wäre eine zweite Person mit im Raum. Die Stimme befahl ihm Dinge. Zum Beispiel, ein Glas Wasser zu trinken, das vor ihm auf dem Tisch stand. Es ist nichts Schlimmes dabei, ein Glas Wasser zu trinken. Wenn es aber nicht die eigene Entscheidung ist, ob man das Wasser trinkt oder nicht, dann ist das schlimm. So war es bei Finn.

Diese Stimme im Kopf

Er fühlte sich seltsam - gleichzeitig als Zuschauer und Mittelpunkt von allem. "Ich dachte, ich werde verrückt", sagt er heute. Finn guckt oft weg, wenn er erzählt. Dabei verzieht er das Gesicht, als hätte er irgendwo im Körper Schmerzen.

Die Stimme in seinem Kopf machte Finn immer mehr Angst. Ende 2014 fand er schließlich den Weg in eine Entgiftungsklinik. In der Therapie erfuhr er, dass die Stimme in seinem Kopf ein psychotischer Schub war, ausgelöst durch die Drogen. Während des Entzugs entdeckte er den Laufsport für sich - und hörte vom Bildungszentrum Hermann Hesse in Frankfurt. Seit August 2015 holt er hier den Realschulabschluss nach.

Das Bildungszentrum gibt es schon seit 1971. Blankes Linoleum zieht sich durch die Flure, die weiß getünchten Wände sind blitzsauber. Für eine Schule ist es ungewöhnlich still. Durch die verschlossenen Klassentüren dringt allenfalls Gemurmel, hier und da ein kurzes Lachen. Die Atmosphäre erinnert eher an eine Behörde, in der Warten zur Tagesordnung gehört.

Hier sollen die Schüler dagegen schnell vorwärtskommen. "Deshalb müssen sie den Willen haben, suchtmittelfrei zu leben", erklärt Schulleiter Jan Große, 49. Die Jugendlichen unterschreiben einen entsprechenden Vertrag.

140 Plätze hat die Schule. 1403 junge Erwachsene haben bis heute ihren Abschluss gemacht. Hört sich für eine 46 Jahre alte Schule nach einer kleinen Zahl an. "Wir sind auch nicht besonders bekannt", sagt Große.

In der Öffentlichkeit versteckt sich die Schule ein bisschen. Auf Abschlusszeugnissen etwa steht ein neutraler Schulname, um den Schülern nicht gleich mit dem Etikett "früher mal süchtig" auf der Stirn die beruflichen Chancen zu verbauen.

Große ist Idealist: "1403 Menschen haben bisher eine Chance bekommen, die sie nicht hätten, wenn es uns nicht gäbe. Unsere Erfolgsquote liegt bei 95 Prozent. Das ist doch toll!" Von denen, die bis zum Schluss durchhalten, schaffen nur fünf Prozent den Abschluss nicht. Die Abbrecherquote in der Zeit vorher liegt bei 30 Prozent.

Einfühlen und Grenzen setzen

Jan Große, Strickpulli, Ohrring, lachende Augen, tritt anderen Menschen sehr behutsam gegenüber. Für alle ist er "der Janosch", die Schüler duzen ihn und auch die anderen Lehrer. "Wir möchten einen Kontakt auf Augenhöhe", erklärt Große.

Neben den Lehrern arbeiten auch sechs Sozialarbeiter an der Schule, jeder betreut 20 bis 25 Jugendliche. Finn fühlte sich von Anfang an wohl. Wegen der anderen Schüler, "die haben ja alle dasselbe erlebt wie ich. Aber auch wegen der Lehrer." Obwohl die Pädagogen auch streng sein können und ihn kontrollieren dürfen - etwa Urinproben verlangen. Vielleicht liegt es an der Art, wie sie das tun.

Es gehe nicht darum, die Schüler "beim Schwarzfahren zu erwischen", so Große. Die Sucht ist das Thema. Wird einer rückfällig, "fragen wir erst mal, was los ist. Wir sehen immer den Einzelfall; bei einem Rückfall fängt unsere Kunst aus Einfühlen und Grenzen setzen richtig an".

Vergangenes Jahr in den Osterferien hatte Finn einen Rückfall. Er rauchte Cannabis. Als er wieder nüchtern wurde, wollte er seinem Sozialarbeiter davon erzählen, und er konnte sich direkt auf den Weg in die Schule machen. Obwohl Ferien waren. Denn Finn wusste: Am Bildungszentrum Hermann Hesse ist immer einer da, sogar in den Schulferien. Rückhalt kennt keine Pause.

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