Anonymes Lehrergeständnis Bin ich der Glasbläser des Bildungssystems?

Stell dir vor, es wird Französisch angeboten, aber keiner geht hin. So erlebt es dieser Lehrer aus Hamburg in der Oberstufe. Nur wenige Mädchen haben sich für seinen Kurs angemeldet. Woran liegt das?
Französisch-Lehrbuch: Lehrer fürchtet um aussterbende Gattung

Französisch-Lehrbuch: Lehrer fürchtet um aussterbende Gattung

Foto: Wolfram Kastl/ picture alliance / dpa

Un, deux, trois, quatre, cinq.

Ich schaue noch mal in meine Schülerliste, ob vielleicht jemand am ersten Schultag krank ist, aber auch da stehen nicht mehr Namen. Ganze fünf Mädchen haben sich dafür entschieden, Französisch in der Oberstufe weiterzumachen.

Das ist einerseits schön: Jede kommt zu Wort, und nach den zwei Jahren werden sie alle fließend Französisch parlieren. Teures Geld zahlen Firmen, um ihre Leute in solchen Kleingruppen fit für den Einsatz im Ausland zu machen. Außerdem gibt es in so einem Kurs kaum Korrekturen oder Schüler, die sich langweilen, wenn sie früher fertig sind. Ich danke innerlich der Schulleitung, dass sie den Kurs zustandekommen lässt.

Andererseits ist diese magere Auslese auch ein wenig deprimierend. Bin ich der Glasbläser des Bildungssystems, eine kuriose, übriggebliebene, höchstens noch folkloristische Berufsart: der Französischlehrer?

Und wer sagt überhaupt, dass nur Mädchen Französisch lernen sollen? Es mag erstaunen, aber ich habe in Frankreich sehr viele Jungen getroffen, die Französisch sprechen. Ich habe dieser Sprache und diesem Land meine Jugend gewidmet, dort habe ich studiert, gelebt, dort habe ich Freunde, und jedes Wort ist meist mit irgendeiner Erinnerung verknüpft.

"Ich dachte, wir werden eine Art deutsch-französische Schweiz"

"Tu es très pédagogique" (Du bist sehr pädagogisch), an diesen Satz meiner damaligen Freundin musste ich immer wieder denken, wenn es im Lehramtsstudium mal schwierig wurde. Inmitten der Europa-Euphorie der Neunziger Jahre habe ich mich für Französisch entschieden. Das war schon damals exotisch und naiv, aber ich dachte, wir werden irgendwann mal zweisprachig, so eine Art deutsch-französische Schweiz.

Tatsächlich hat Französisch hierzulande aber immer mehr an Bedeutung verloren, ist mein Eindruck. Alle Welt spricht sowieso Englisch, und mit den Billigfliegern hat sich Spanisch als zweite Fremdsprache in den Schulen ausgebreitet.

Der deutsch-französische Motor Europas? Keine große Hilfe, wenn es darum geht, Kinder für Französisch zu begeistern, sondern ins Stottern geraten. Seitens der Politik vermisse ich in der Merkel-Ära ein besonderes Interesse für Frankreich. Emmanuel Macron versucht es zwar immer wieder mit Initiativen, aber von deutscher Seite bleiben die Reaktionen verhalten. Vielleicht gibt es diese spezielle deutsch-französische Freundschaft, wie im Élysée-Vertrag von 1963 beschlossen, nur noch auf dem Papier?

Bitte nicht nur Waren austauschen - auch Menschen

Für mich ist Europa mehr als das Verwalten von Zahlen, Schulden, Eurobonds und das Verteilen von Flüchtlingen. Es ist das ernsthafte Interesse aneinander, der Wunsch, den anderen besser kennenzulernen, nicht nur der Austausch von Waren, sondern auch von Menschen.

"Les voyages forment la jeunesse", heißt es auf Französisch, "Reisen formen die Jugend". Als Lehrer versuche ich das durch zahlreiche Schüleraustausche zu vermitteln.

Aber Deutsch als Fremdsprache ist auch in Frankreich immer mehr zurückgegangen. Eine Kollegin, die sich selbst als "dinosaure" bezeichnet, muss mittlerweile zwischen drei Schulen pendeln, zumal Lehrer in Frankreich nur ein Fach unterrichten. Förderprogramme wie die "classes bilingues" wurden eingestampft und es wird immer schwerer, Schulen für einen Schüleraustausch zu finden.

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Dabei halte ich es nach wie vor für eine schöne Idee, sich zweisprachig und nicht nur auf Englisch links und rechts des Rheins zu bewegen. Statt sich nur von Flensburg bis nach Konstanz heimisch zu fühlen, den Radius bis nach Toulouse auszuweiten, sich dort zu bewerben, zu arbeiten, zu leben und zu lieben. Und das alles gleich nebenan und nicht in New York, Dubai oder Peking.

Warum wollen also immer weniger Schüler Französisch lernen?

Ist die Sprache den Kindern nicht wichtig genug für den späteren Beruf? Von brotlosen Fächern wie Kunst, Politik oder Sport wimmelt es geradezu in der Oberstufe, daran kann es nicht liegen. Aber vielleicht haben Kinder heute zwischen Digitalisierung, YouTube und Google Übersetzer einfach keinen Platz mehr für eine weitere echte, von Menschen gesprochene Sprache?

Dazu kommt, dass Franzosen in amerikanischen Filmen und Serien, die Kinder ständig konsumieren, nicht gut wegkommen. Jedes Mal, wenn ich so einen näselnden, dümmlich adlig-arroganten Franzosen in den US-Filmen sehe, blutet mir das Herz. So einen habe ich nämlich bisher noch nicht getroffen. Die guten Komödien aus Frankreich alle paar Jahre sind da nur Schlaglichter.

Durch das Internet und Billigflüge ist die Welt viel näher zusammengerückt. New York erscheint gleich um die Ecke - von unserem direkten Nachbarn haben wir uns gleichwohl nach meinem Eindruck entfernt.

Aber wer weiß? Der Brexit, das Ende der transatlantischen Freundschaft, sinkende Mobilität durch Klimaerwärmung - all das könnte Französisch und dem ehemaligen Motor Europas wieder Aufwind bringen. Nur: Wie könnte ich mir das wünschen? Denn was bedeutet schon mein kleines Fach, wenn die Welt im Chaos versinkt?

Solange bringe ich den fünf Schülerinnen die Sprache bei, die ich so liebe, und hoffe, zumindest ihnen damit eine kleine Tür zu unserem Nachbarn zu öffnen.

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