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Bufdi im Hospiz: Jung und dem Tode nah

Foto: Arnd Zickgraf

Arbeit im Hospiz Freiwillig bei den Sterbenden

Jeden Tag sieht sie Menschen, die bald sterben werden. Sophia Üffing, 19, hat sich das so ausgesucht: Sie arbeitet als Freiwillige in einem Hospiz. Ihr gefällt es, anderen zu helfen - auch wenn der Tod sie manchmal überrumpelt.
Von Arnd Zickgraf

Am Ende des Flurs bleibt Sophia Üffing, 19, mit ihrem Tablett stehen. Die Hühnersuppe dampft. Sie klopft an die Tür von Zimmer 1 des Johannes-Nepomuk-Hauses, eines Kölner Hospizes. Sie wartet kurz, dann tritt sie ein. Auf der Bettkante sitzt eine weißhaarige Frau in Jogginganzug. Familienfotos von Inge Kaiser* hängen an der Wand oder stehen auf Tischen: der Sohn, die Schwiegertochter, die Enkelin. "Ich bin nicht ansteckend, auch wenn ich bald sterben werde", sagt die 64-Jährige.

Sophia stellt das Tablett auf den Tisch. Für eine Frau, deren Tage gezählt sind, wirkt Kaiser munter. Ohne Hilfe kann sie essen oder mit dem Rollator zur Toilette gehen. Kaiser nimmt nur wenige Löffel zu sich. Sie erzählt der jungen Frau lieber, wie sie im Sommer mit heftigen Bauchschmerzen einen Arzt aufgesucht hatte. Nach der Untersuchung sagte er: "Sie haben Leberkrebs im Endstadium - inoperabel."

Es ist 17.30 Uhr, Sophia Üffing arbeitet im Spätdienst, also heute bis 21.30 Uhr. Sie hat eine von rund 35.000 Stellen im Bundesfreiwilligendienst, der seit 2011 den Zivildienst ersetzt. Weil sie erst seit einem Monat im Hospiz arbeitet, kümmert sie sich um die geistig noch fitten Patienten. Das Pflegeteam will sie nicht überfordern. "Sophia fängt mit kleinen Tätigkeiten an: Mahlzeiten vorbereiten und servieren, kleinere Einkäufe für Patienten erledigen und hauswirtschaftlichen Arbeiten", sagt Nico Blei, 32, stellvertretender Hospizleiter.

Wenn es ihr zu viel wird, kann sie gehen

Sophia will ein Jahr lang bleiben. Sie darf jederzeit das Zimmer eines Patienten verlassen, wenn es ihr zu viel wird. Als sie einmal zusammen mit einer Schwester bei einem Patienten war, der heftigen Stuhlgang hatte, hielt sie den Geruch nicht aus. Sie ging raus.

Um 18 Uhr leistet sie Inge Kaiser immer noch Gesellschaft. Im Hospiz erholt sich die Frau von den Strapazen in der Klinik. Sie habe nun keine Schmerzen mehr, weil sie Morphium bekomme. Man merkt Sophia nicht an, ob ihr die Geschichte der Patientin zusetzt, sie bleibt freundlich und zugewandt. "Hier versucht man das Sterben so angenehm wie möglich zu machen", sagt Sophia.

Im Durchschnitt bleiben Bewohner 20 Tage im Hospiz, sagt ein Sprecher des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV). Manche leben nur wenige Tage in der Einrichtung, andere Wochen oder auch mal Monate. Während ihres Dienstes wird Sophia vermutlich mehr als hundert Patienten kommen und sterben sehen. Nicht alle sind alt, manche erst 30 oder 40 Jahre. "Es gibt Leute, die sagen, dass sie sterben wollen, weil sie nicht mehr leiden möchten", sagt Sophia. Bei solchen Sätzen fühle sie sich überrumpelt und unwohl, weil sie nichts tun kann.

Mit ihren Kollegen spricht Sophia über Belastendes, aber auch über alltägliche Dinge: das neueste Handy, gutes Essen, Filme. Wenn Sophia nicht weiß, wie sie mit einem Patienten umgehen soll, wendet sie sich an die Kollegen. "Ich kann mit allen im Team reden, auch über schwierige Gefühle", sagt Sophia.

Während andere Leute einen Bogen um schwerstkranke Menschen machen, will Sophia helfen. Sie mag es nicht, wenn Menschen leiden. Das Soziale, sagt sie, liege in der Familie, ihre Mutter arbeitet als Tagesmutter. Ihre Freunde hingegen meinten, sie könnten das nicht - jemandem helfen, der bald sterben müsse.

"Ich war erschlagen, weil es so plötzlich kam"

Sophia bekommt dafür ein Taschengeld von 300 Euro im Monat. Das Jahr als Freiwillige nutzt sie auch, um der westfälischen Kleinstadt Recke zu entkommen, in der sie aufwuchs. Jetzt wohnt sie mit drei Frauen in einer WG mitten in Köln.

Ihre erste Patientin war eine 80-jährige Frau. Sophia ging oft zu ihr aufs Zimmer. "Sie war immer gut drauf." Die Rentnerin erzählte vom Krieg und von Bombenangriffen. Und dass heute alles teurer geworden sei. Zwei Wochen, nachdem Sophia den Freiwilligendienst angetreten war, verschlechterte sich der Zustand der Dame. Und ausgerechnet dann musste Sophia eins der fünftägigen Pflichtseminare des Bundesfreiwilligendienstes besuchen.

Als Sophia zurückkam, machte die Rentnerin kaum noch die Augen auf. "Ich habe mit ihr geredet, aber es kam nichts mehr zurück." Kurz darauf starb sie. "Zuerst war ich erschlagen, weil es so plötzlich kam", sagt Sophia. Sie ging ein letztes Mal in ihr Zimmer, um sich zu verabschieden. Vier oder fünf Tote hat sie schon gesehen, sie habe es nicht so schlimm gefunden.

Sophia räumt die letzten Tabletts in den Essenswagen zurück. Sie schiebt ihn durch den Flur, vorbei an einem Baum mit vielen Ästen und über hundert grünen Blättern aus Papier - der "Lebensbaum". Auf den Blättern stehen die Namen und Todestage der Patienten, die seit vergangenem November gestorben sind. Es sei ein komisches Gefühl zu wissen, dass schon so viele Menschen in diesem Haus gestorben sind, sagt Sophia. Aber beängstigend findet sie es nicht. "Ich kann es nicht beschreiben."

Mitte November lädt das Hospiz zu einem Gedenkgottesdienst ein, bei dem die Namen all derer vorgelesen werden, die inzwischen gestorben sind. Danach können die Angehörigen die Blätter mit den Namen ihrer Lieben mit nach Hause nehmen. Inge Kaiser weiß, dass sie bald auch auf einem Blatt stehen wird. Und sie sagt: "Ich will keine lebensrettenden Maßnahmen, ich wünsche mir einfach, menschlich behandelt zu werden." Dabei sieht sie Sophia lange an. Die lächelt.

* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung: Inge Kaiser ist inzwischen gestorben. Ihren 65. Geburtstag Anfang November hat sie nicht mehr erlebt.

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