Freiwilligendienst in KZ-Gedenkstätte "Das Kapitel Rassismus ist noch nicht abgeschlossen"

KZ-Gedenkstätten sind Orte des Grauens. Simon, Tomke, Larissa, Janina und Veit sind täglich dort: Ein Jahr lang verrichten sie einen Freiwilligendienst in Theresienstadt, Dachau oder Osthofen. Hier erzählen sie, was sie antreibt.
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Freiwilligenarbeit in der KZ-Gedenkstätte: "Ich brauche Abstand zu diesem Ort"

Foto: Tomke Gerstenberg

Auch wenn sie freiwillig dort arbeiten, das Hingehen fällt ihnen nicht immer leicht: Tomke Gerstenberg glaubt manchmal zu ersticken. Larissa Zeigerer fährt jeden Tag zwei Stunden mit der Bahn von der Gedenkstätte nach Hause, um genügend Abstand zu dem Ort des Schreckens zu bekommen. Und Simon Rebiger wartet manchmal abseits der Krematorien auf seine Besuchergruppe, weil ihm die Leichenöfen so großes Unbehagen bereiten.

Während ihre Freunde ein Studium beginnen oder um die Welt reisen, arbeiten die jungen Leute in ehemaligen Konzentrationslagern. Sie wollen verhindern, dass der Holocaust vergessen wird. Und sie wollen sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen.

Veit Lorenz' Opa war Scharfschütze im Zweiten Weltkrieg. Er erzählte nicht viel über den Krieg, Fragen blockte er ab. "Ich kann nicht beurteilten, ob etwas auf dem Gewissen meines Großvaters lastete", sagt Veit. Die Frage motivierte ihn, im KZ ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen. Zweieinhalb Stunden pendelt er jeden Tag zu seiner Arbeitsstelle, der Gedenkstätte Osthofen nördlich von Worms. Seine Freunde finden das verrückt.

Hier erzählen fünf junge Menschen, warum sie freiwillig in ehemaligen Konzentrationslagern arbeiten, wie Freunde und Eltern auf ihre Arbeit reagieren und wie sie mit bedrückenden Gedanken umgehen:

Simon Rebiger, 20 - "Manchmal ertrage ich den Anblick der Öfen nicht"

Foto: Friedemann Wulff-Woesten

Manchmal halte ich es nicht aus, vor den Öfen zu stehen. Obwohl ich bei Führungen schon sehr oft in die Krematorien gegangen bin, kann ich an manchen Tagen nicht anders, als abseits auf meine Besuchergruppe zu warten.

Die KZ-Gedenkstätte beschäftigt mich. Das hört nicht auf, wenn ich das Büro abschließe. Ich versuche deshalb, zu Hause nicht über das Thema zu sprechen. Trotzdem bin ich froh, dass ich meinen Freiwilligendienst in Theresienstadt leisten kann (mehr zum KZ Theresienstadt auf Wikipedia hier ).

Ich habe von meinen Eltern gelernt, für eine Meinung einzustehen und dafür zu kämpfen. Sie haben in der DDR studiert und Schwierigkeiten bekommen, weil sie ihre Meinung gesagt haben. Meine Mutter ist Pfarrerin, mein Vater ist Judaist und arbeitet an der FU in Berlin. Wir sprachen zu Hause häufig über den Nationalsozialismus.

Theresienstadt liegt ungefähr eine Stunde von Prag entfernt. Am 1. September habe ich hier meinen Freiwilligendienst angefangen. Gemeinsam mit einem gleichaltrigen Kollegen aus Österreich bin ich für die deutschsprachigen Besuchergruppen verantwortlich, meist sind es Schüler.

Die Besucher erwarten in Theresienstadt ein Konzentrationslager mit Baracken, Stacheldraht und Gaskammern. Theresienstadt war zwar ein Konzentrationslager, aber kein Vernichtungslager. Die Nazis zwangen die Häftlinge zur Arbeit. Viele sind verhungert oder an Krankheit und Erschöpfung gestorben. Ab 1942 waren es so viele, dass ihre Leichen in Krematorien verbrannt wurden. Die noch Lebenden haben die Nazis deportiert, meist nach Auschwitz.

"Das Leben geht weiter, der Baum wird wachsen"

Häufig fragen die Besucher, warum die Häftlinge keinen Aufstand gewagt haben. In Theresienstadt gab es Hoffnung. Die Menschen glaubten, dass sie an diesem Ort überleben könnten. Sie sahen zwar die Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden, aber sie konnten sich nicht vorstellen, wohin sie fuhren.

Ich erzähle gern vom passiven Widerstand in der Stadt selbst. Dort gab es viele Aktionen, wie geheime Gottesdienste und Schulunterricht. Für mich ist der Jüdische Friedhof Theresienstadt der eindrücklichste Ort im Ghetto. Dort stand bis 2005 ein Ahornbaum. Er wurde von Ghettokindern unter der Anleitung von Irma Lauscherová gepflanzt, die den heimlichen Unterricht in der Stadt organisiert hat. "Das Leben geht weiter, der Baum wird wachsen", soll sie gesagt haben.

Das ist ein Ort, der mir viel Kraft gibt, weiterzumachen. Er ist ein Symbol für alle Kinder, die gelitten und nicht überlebt haben. Der Baum ist zwar vor sieben Jahren abgestorben. Aber es gibt einen Ableger. Und der wächst.

Janina Späth, 19 - "Meine Oma denkt, ich mähe hier den Rasen"

Foto: Tomke Gerstenberg

Meine Oma denkt, ich mähe hier den Rasen. In einer KZ-Gedenkstätte arbeiten, darunter kann sie sich nichts vorstellen. Aber sie ist sicher, dass es schrecklich sein muss. Auch manche Freunde waren schockiert, als ich ihnen von meiner FSJ-Stelle erzählt habe. Eigentlich sollte es ja "Work and Travel" in Australien werden, das hat aber nicht funktioniert.

So bin ich für mein FSJ nach Dachau gekommen (mehr zum KZ Dachau auf Wikipedia hier ). Schrecklich ist es hier nicht. Unser Büro sieht aus wie jedes andere. Nur die Geschichtsbücher im Regal erinnern an unsere Arbeit.

Bei meinen Führungen versuche ich, möglichst sachlich zu bleiben. Was bringt es, zehn Bilder mit verhungernden Kindern zu zeigen? Die Fakten sind schockierend genug. Manchmal brauche ich auch Abstand davon. Ein Ort, der ruhiger ist und an dem ich nachdenken kann, ist der Gedenkort "Hebertshausen". Das ist ein ehemaliger SS-Schießplatz auf dem Gemeindegebiet von Dachau. Er liegt etwas außerhalb der Gedenkstätte, darum sind dort nicht so viele Besucher. Dort erschossen die Nazis über 4000 sowjetische Kriegsgefangene.

Wir haben eine Kollektivverantwortung

Dachau ist auch eine Touristenattraktion, es wird sehr viel fotografiert. Der Andrang ist aber auch ein positives Zeichen. Es gibt also ein Bewusstsein für die deutsche Geschichte. Und das zeigt auch, wie wichtig unsere Arbeit ist. Deshalb verstehe ich nicht, wieso FSJler nur 300 Euro monatlich und Wohngeld bekommen, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Meine Eltern müssen mich unterstützen.

Was damals geschah, ist nicht nur Geschichte: Es gibt Ausgrenzung heute, es gibt Diskriminierung heute. Das ist etwas ganz Alltägliches. Unsere Generation unterliegt keiner Kollektivschuld, aber sicher einer Kollektivverantwortung.

Tomke Gerstenberg, 19 - "Ich habe das Gefühl, ich müsste ersticken"

Foto: Janina Späth

"Tomke geht ins KZ", so haben sich meine Freunde über mich lustig gemacht. Ein ehemaliges KZ sei doch kein Ort, wo man seine Freizeit verbringen will. Aber für mich war diese Entscheidung richtig. Ich wollte nach dem Abitur nicht sofort studieren.

Die NS-Zeit ist für mich nicht nur Geschichte, sie hat auch etwas mit mir zu tun. Mein Großvater war 17, meine Großmutter 15 Jahre alt, sie war im "Bund Deutscher Mädel" aktiv. Beide waren, denke ich, zwar keine überzeugten Nationalsozialisten, aber meiner Großmutter ist das trotzdem unangenehm. Sie hat Angst, dass ich sie verurteile. Aber das tue ich nicht, ich denke, dass man mit 15 Jahren nicht alles versteht. Natürlich, ich bin nicht viel älter. Aber ich muss keine Angst haben, meine politische Meinung zu äußern.

Wie schön es hier ist, auf der Strecke des Todesmarsches

Damals war das anders. Im "Bunker", dem Gefängnis des KZ Dachau, war etwa Martin Niemöller eingesperrt, ein Vertreter der Bekennenden Kirche. Der Bunker besteht aus einem 200 Meter langen Gang, von dem winzige Zellen abgehen. Es ist immer dunkel und nie wärmer als zehn Grad. Wenn ich dort bin, habe ich das Gefühl, ich müsste ersticken.

Es ist beeindruckend, dass sich trotz der Gefahr so viele Menschen gewehrt haben. Einer von ihnen ist Abba Naor. Er war lange in Dachau inhaftiert. Heute lebt er in Israel und hält gelegentlich hier Vorträge. Als ich ihn einmal zu einem Vortrag gefahren habe, sah ich aus dem Fenster und dachte, wie schön die Umgebung hier ist. Die Sonne schien und alles sah so idyllisch aus. Da sagte Naor: "Hier verlief der Todesmarsch, als das Konzentrationslager aufgelöst werden sollte." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Veit Lorenz, 20 - "Manche Freunde halten mich für durchgeknallt"

Foto: Martina Ruppert-Kelly

Mein Großvater war Scharfschütze im Osten. Viel erzählt hat er darüber nie. Ich kenne einige Kriegsgeschichten meiner Großeltern, aber Nachfragen wurden meistens abgeblockt. Ich kann daher nicht beurteilten, ob etwas auf dem Gewissen meines Großvaters lastete. Aber die Frage hat mich motiviert, als FSJler anzufangen. Ich denke, vielen Jugendlichen geht es so. Meine Eltern wollten lieber, dass ich nach der Schule sofort studiere und nicht für wenig Geld hier arbeite. Auch manche Freunde halten mich für durchgeknallt, weil ich jeden Tag insgesamt über fünf Stunden von Niederhausen nach Osthofen nördlich von Worms pendele (mehr zum KZ Osthofen auf Wikipedia hier ).

Ich finde, die Arbeit hier sehr spannend. Das ehemalige Konzentrationslager Osthofen ist den meisten unbekannt, obwohl es eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland gewesen ist. Viele Leute haben die Gebäude von Dachau oder Auschwitz vor Augen. Aber die Gedenkstätte Osthofen erzählt viel mehr.

Dieses KZ wurde bereits im März 1933 gegründet. Die Nazis hielten politische Häftlinge fest, Mitglieder der KPD, SPD, Gewerkschaftler und andere politisch Verfolgte. Ein berühmter Häftling war beispielsweise der SPD-Politiker Carlo Mierendorff. Die Nazis wollten ausprobieren, ob die Bevölkerung wegen der Verhaftungen protestieren würde. Das tat sie nicht. Das KZ Osthofen wurde im Spätsommer 1934 geschlossen. Politische Gegner waren zu dem Zeitpunkt emigriert, untergetaucht oder von den Nazis ermordet.

Beeindruckend ist der ehemalige Schlafsaal des Konzentrationslagers. Damals gab es darin keine Pritschen, sondern nur Strohsäcke, Wasser tropfte auf die Häftlinge herab. Mir wird jedes Mal mulmig, wenn ich dort bin.

Trotzdem behaupten bis heute einige, dass hier nie etwas passiert sei. Deswegen waren viele dagegen, aus dem ehemaligen KZ eine Gedenkstätte zu machen. Sie hätten lieber eine Jugendausbildungsstätte daraus gemacht. Viele Osthofener hatten Angst, dass man den Ort, wie Dachau, nur mit einem KZ in Verbindung bringen könnte.

Ich finde die Arbeit sehr wichtig, denn es ist längst nicht alles erforscht. Ich arbeite gerade an dem Nachlass des ehemaligen Häftlings Karl Schreiber. Er hat in den siebziger Jahren angefangen, Material über das ehemalige KZ zu sammeln. Darunter viele Briefe und Originaldokumente, die fast noch niemand gelesen hat. Ich möchte seine Geschichte für unsere Homepage aufbereiten, damit sie nicht vergessen wird.

Larissa Zeigerer, 21 - "In Ravensbrück erwartet mich die Düsternis"

Foto: Richard Langer

Ravensbrück ist ein schöner Ort. Es gibt einen See, und in der Ferne sieht man den Kirchturm einer Nachbarstadt. Alles ist grün. Das Konzentrationslager, die Krematorien, die Fundamente der Häftlingsbaracken - das passt nicht hierher (mehr zum KZ Ravensbrück auf Wikipedia hier ). Jeden Tag laufe ich die drei Kilometer vom Bahnhof bis zur Gedenkstätte durch diese idyllische Landschaft. Ich komme aus Berlin, zwei Stunden bin ich für eine Strecke unterwegs. Ich brauche die Großstadt und den Abstand zu diesem Ort. In Ravensbrück erwarten mich jeden Tag düstere Themen. In Berlin lebe ich.

Am Anfang musste ich lernen, dass es gut ist, Gedanken und Bilder auch zur Seite zu schieben. Eine Gratwanderung zwischen Auseinandersetzen und Ausblenden. Ich denke automatisch über den Nationalsozialismus nach und lese viel. Abends auf dem Weg zurück zum Bahnhof klammere ich bestimmte Bilder aus, um in den richtigen Momenten die Kraft zu haben, die ich für diese Arbeit brauche.

Wer die Vergangenheit kennt, kann viel aus ihr lernen

Das Thema Nationalsozialismus interessiert mich schon lange. Mit 17 Jahren bin ich in eine Theatergruppe eingetreten. In unserem ersten Stück ging es um das ehemalige KZ, in dem ich heute in der pädagogischen Abteilung arbeite. Ich leite Workshops mit Jugendlichen, in denen sie das Gelände mit Foto- und Videokamera erkunden. Daraus machen sie Fotogeschichten und Kurzfilme, die sie mit nach Hause nehmen können. Außerdem sprechen wir viel über den Ort und seine Geschichte. So lernen die Jugendlichen, sich eigenständig mit dem Thema Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Wie wichtig die Arbeit in den Gedenkstätten ist, hat mir die Tochter einer Inhaftierten gezeigt. Sie wollte im Archiv nach den Spuren ihrer verstorbenen Mutter suchen. Sie fand die Ankunftsdaten ihrer Mutter, die Häftlingskategorie und wann sie weitergeschickt wurde. Die Tochter war überglücklich, denn mit ihrer Mutter hatte sie nie darüber sprechen können.

Diese Geschichte hat mir gezeigt, wie eng die Geschehnisse von damals mit uns zusammenhängen. Die Frage, wo wir herkommen und wie unsere Vorfahren gelebt haben, bewegt uns alle. Und wer die Vergangenheit kennt, kann viel aus ihr lernen. Das zeigt sich auch heute. Das Kapitel Rassismus und Diskriminierung ist nicht 1945 abgeschlossen worden.

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