Freiwilliges Soziales Jahr Mondreise im Frühstücksraum

Jeden Tag taucht Sandra Wlodarczyk, 19, in eine andere Welt ein, in der Claus-Peter zum Mond fliegen will und Carolin Angst vorm Duschen hat. Seit dem Abitur betreut die Hamburgerin ein behindertes Mädchen - und erlebt in der Schulklasse allerhand Chaotisches.

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Eine ganz normale Klasse auf den ersten Blick: Umed zeigt Marvin sein neues Foto-Handy, Nida wird zickig, wenn Thomas ihr zu nahe kommt, und Carolin flirtet mit Claus-Peter. Doch ganz plötzlich wirft sich Umed lachend auf den Boden, Claus-Peter verdreht hilflos seine Augen, und Nida legt sich einfach auf der Schulbank schlafen.

In der Schule Bekkamp in Hamburg lernen Jugendliche mit geistigen Behinderungen. Unter ihnen auch Carolin, ein 16-jähriges Mädchen. Anders als ihre Klassenkameraden bekommt Carolin jedoch eine besondere Hilfe: Die Abiturientin Sandra Wlodarczyk betreut das Mädchen vom Schulbeginn bis in den Nachmittag.

Sandra ist 19 und will "später unbedingt Lehrerin" werden - das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) soll eine Art Testlauf sein. Eigentlich hatte sich Sandra für den Kindergarten beworben, um dort zu überprüfen, ob sie "überhaupt autoritär sein kann" und ob Kinder auf sie hören. Doch das Diakonische Werk Hamburg schickte sie in eine Schule für Kinder mit geistigen und auch körperlichen Behinderungen.

"Am Anfang hatte ich natürlich große Zweifel", berichtet Sandra. Sie stellte sich viele Fragen: "Schaffe ich das überhaupt? Kann ich diese Verantwortung tragen?" Inzwischen weiß sie: Sie kann, auch wenn jeder Tag eine neue Herausforderung ist.

Der Tagesablauf ist immer gleich: Carolin vom Schulbus abholen, rauf zur Klasse. Mit Carolin auf Toilette gehen, dann auf den Unterricht vorbereiten. Später zusammen frühstücken, dann wieder Unterricht, schließlich Mittagessen und erneut Unterricht bis 14.25 Uhr. Trotz der eingespielten Abläufe muss die FSJ-lerin "immer ein Auge auf Carolin werfen" - eine Behinderung "verlangt ständige Wachsamkeit und Sensibilität".

Flirtkurs im Sexualkunde-Unterricht

Die Klassen der Bekkamp-Schule sind individuell zusammengesetzt: Nicht jede Klassenstufe ist vorhanden, Schüler werden nach Leistungsvermögen versetzt. So finden sich in der zehnten Klasse von Carolin Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Sie sitzen an drei großen Tischen zusammen, davor gibt es viel Platz für Gemeinschaftsaktionen. Gleich nebenan: der eigene Gruppenraum mit Küche.

Heute steht Sexualkunde auf dem Programm. Die Jugendlichen setzen sich im Kreis zusammen. Klassenlehrer Stefan Merke hat einen Beutel mitgebracht. "Da sind doch schon wieder Kondome drin", tönt Umed. Es sind keine Kondome, es ist ein rundes rotes Herz. Kinderhändchengroß. Nida, ein Mädchen aus Pakistan, nimmt es an sich und lässt es gedankenverloren durch ihre Finger wandern.

Natürlich verlangt der Unterricht mit Behinderten besonders viel Aufmerksamkeit. Daher gibt es in jeder Klasse neben dem Lehrer auch einen Erzieher. Hier hilft Ana Almeida als pädagogische Begleitung aus - und natürlich Sandra. "Ein besonderer Glücksfall", wie Almeida berichtet.

Während die Erzieherin und Sandra unter den Jugendlichen sitzen und für Ruhe sorgen, ruft Lehrer Merke zum Rollenspiel auf: "Wie sprecht ihr ein Mädchen an?" Zwei Stühle werden aufgebaut, ein Kettchen für die Dame, ein Basecap für den Herrn - und die Suche nach der idealen Anmache beginnt: Marvin, mit Basecap, will Umed, ausnahmsweise als Mädchen mit Kette, zur gemeinsamen Hamster-Schau einladen. Im zweiten Anlauf versucht Michael mit Musik bei Carolin zu landen - doch die lässt sich lieber von Thomas die Kette umbinden.

"Die Augen ein Stück weiter offen"

"Die Jugendlichen hier sind sehr direkt und spontan", sagt Lehrer Merke. So brauche jede neu entstehende Situation "Einfühlungsvermögen, aber auch Durchsetzungskraft gegenüber den Schülern". Eine Erfahrung, die auch Sandra gemacht hat. Zum Beispiel muss vor dem gemeinsamen Schwimmen geduscht werden, eigentlich kein Problem für Carolin. "Doch einmal wollte sie nicht und warf sich auf den Boden", erzählt Sandra. Das Mädchen, das da nackt auf den kalten Fließen lag, vom Duschen zu überzeugen, war keine leichte Aufgabe. Doch "irgendwie hat es funktioniert", sagt die Freiwilligenhelferin: "Mit genügend Mut meistert man schließlich jede Situation."

Ihr Wunsch, Lehrerin zu werden, ist geblieben, jedoch "geht er nun mehr in die Richtung Sonderpädagogik", wie Sandra laut überlegt. Das Freiwillige Soziale Jahr hat ihr "die Augen ein Stück weit geöffnet". Nun erkennt sie, wo ihre Hilfe gebraucht wird, und sie hat die kleinen, alltäglichen Glücksmomente bei ihrer Arbeit mit den Behinderten lieben gelernt.

Ein solcher Glücksmoment geschah neulich in der Frühstückspause: Claus-Peter, ein schlaksiger Junge mit großen Augen, stellte die immer gleiche Frage: "Fliegst du heute mit zum Mond?" Als Sandra auf die Mondfahrt-Frage etwas entnervt mit "Woher soll ich das denn wissen?" antwortete, konterte Claus-Peter keck: "Na, du bist doch meine Antwort-Maschine!" Solche Augenblicke verzaubern Sandras Arbeit zu einem "liebenswerten Chaos".



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