Antworten in Freunde-Büchern Was siehst du aus dem Fenster? Aldi!

Wenn Dreijährige Freundebücher ausfüllen sollen, arbeiten die Eltern endlose Fragebögen ab. Was ist bloß aus dem Poesiealbum geworden? Eine Mutter und ein Vater wundern sich.

Eintrag im Freunde-Buch von Birte Müllers Tochter Olivia
Birte Müller

Eintrag im Freunde-Buch von Birte Müllers Tochter Olivia

Von und Jost Fromhage


"Ein Seehund lag am Meeresstrand / wusch sich die Schnauz' im weißen Sand. / Ach, könnte doch Dein Herz so rein / wie diese Seehundschnauze sein."

Millionen Deutsche kennen diesen Spruch. Sie haben mit dem Lineal Bleistiftlinien gezogen, um ihn möglichst gerade aufs Papier zu bringen. Sie haben die Schreibfehler mit dem Tintenkiller gelöscht und versucht, daneben einen Seehund zu zeichnen, aus dem am Ende doch ein Schmetterling wurde. Aber die Zeit der Poesiealben ist vorbei. Heute gibt es Freundebücher. Und in die schreiben nicht mehr die Kinder, sondern die Eltern. Eine Mutter und ein Vater berichten.

Jost Fromhage, Vater von Jonas, 3, und Carla, 6:

"Meine erste Bekanntschaft mit einem Freundebuch machte ich in der Kita meiner damals dreijährigen Tochter. Das Büchlein hatte ein Fifty-Shades-of-Pink-Design, vom Cover starrte mich Prinzessin Lillifee an. Ich war verwirrt: Können die anderen Kinder mit drei schon schreiben? Zu Hause schaute ich mir das Buch genauer an. Es gab Einträge von Willi, Greta, Wilma. Mit Fotos. Der einzige Beitrag der Kinder: ein Fingerabdruck. Den Rest hatten die Eltern ausgefüllt.

Augenfarbe: Blau
Lieblingsfarbe: Rosa
Ich verkleide mich gerne als: Prinzessin
Das kann ich besonders gut: Hopsen

Kurz überlegte ich, das Buch einfach wieder zurückzugeben, aber wer möchte schon sein Kind zum Außenseiter machen?

Vielleicht sind Freundebücher die Vorboten der Freundeslisten aus den sozialen Netzwerken. Ebenso lang und nichtssagend. Freunde als Sammelobjekte wie Fußballbilder. Doch mit einem Klick ist es beim Freundealbum leider nicht getan. Die drei Seiten wollen erst einmal gefüllt sein. Und wo kriege ich jetzt so schnell ein Foto her?

Schon am nächsten Tag kam das zweite Freundebuch ins Haus, dieses Mal von "My Little Pony". Und es kommen immer noch welche, von Kikaninchen, Ritter Rost, der Eiskönigin. Jedes Mal beim Ausfüllen fühle ich mich, als würde ich die Hausaufgaben meiner Kinder machen.

Ich habe schon überlegt, eine Profilseite für alle Kita-Kameraden zu kopieren oder per E-Mail an den Elternverteiler zu schicken. Aber da mag ich mir die Reaktion meiner Tochter gar nicht vorstellen.

Neulich beim Ranzenkauf fiel mir dann ein Freundebuch für Erstleser in die Hände. Endlich etwas Sinnvolles, dachte ich - bis ich den Titel sah: "Mein Top-Model-Freundebuch". Auf dem Cover vier Manga-Mädchen, die meisten Antworten zum Ankreuzen: Welches Top-Model findest du am schönsten? Wärst du gern berühmt? Schminkst du dich? Bist du Fan von jemandem? Jetzt bin ich sehr froh darüber, solche Bücher noch zusammen mit meiner Tochter auszufüllen."

Birte Müller, Mutter von Willi, 9 (Down-Syndrom) und Olivia, 7 (Normal-Syndrom)

"Wenige Sachen finde ich so sinnentleert wie Freundebücher für Kinder, die nicht lesen und schreiben können. Schlimmstenfalls haben sie auch noch eine blöde Zeichentrickserie als Motto, die wir nicht mal kennen. Olivia hockt gelangweilt neben mir, hat nach der dritten Frage keine Lust mehr und nölt herum, dass sie spielen will. Sobald ich aber etwas auslasse, ist das auch falsch und sie quengelt: Und was steht da? Was bedeutet Hobby? Was hast du da geschrieben?

Sie besitzt auch ein Freundebuch, eines, in das die Kinder die Antworten selbst malen sollen, was sie wahrscheinlich noch anstrengender finden und dabei noch mehr nörgeln. Aber egal, in ein paar Jahren freut man sich wohl über die Einträge - falls das Buch nicht bei jemandem liegen geblieben ist, dem es nach sechs Monaten zu peinlich war, es noch zurückzugeben. Über manches kann man sich übrigens jetzt schon freuen, zum Beispiel über den Eintrag im Feld "Das sehe ich aus meinem Fenster". Ein Kumpel von Olivia hat ALDI ins weiße Feld gekrakelt.

Mein Sohn Willi bringt aus seiner Förderschule auch Freundebücher mit nach Hause. Da gibt es dann aber kaum lustige Einträge, weil die meisten Kinder gar nicht selbst antworten können. Einen Eintrag fand ich sogar richtig traurig. Unter "Mein größter Wunsch" hatten die Eltern geschrieben: "Ganz gesund zu sein". Das hat mich schon sehr nachdenklich gemacht, denn soweit ich weiß, ist das Kind kerngesund, nur eben geistig behindert. Für Willi wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass er lieber nicht er selbst wäre.

Als in einem Ritter-Freundebuch die Frage kam "Wenn Du in der Zeit reisen könntest, wohin würdest Du dann reisen?" habe ich das Buch erst mal zugeklappt. Ich weiß nicht mal, ob Willi schon die Bedeutung der Wörter gestern oder morgen begriffen hat und da soll ich mir etwas über eine Zeitreise aus den Fingern saugen? Das Tolle an Willi ist ja gerade, dass er vollkommen im Augenblick lebt. Dann habe ich das Buch wieder aufgeklappt und geschrieben: "Wenn ich in der Zeit reisen könnte, würde ich trotzdem immer genau jetzt und hier sein wollen!"

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Auszüge aus einem Freundebuch: Die schönsten Sprüche


insgesamt 15 Beiträge
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andreasclevert 12.09.2016
1. Langeweile?
Ich glaube, die Autoren des Textes haben sich gerade gelangweilt (zu wenig Freundebücher zum Ausfüllen zuhause?) und sich daran versucht, ein völlig unspektakuläres Thema spektakulär zu gestalten. Gewürzt mit einer Prise ?Früher war alles besser.? Ich beteilige mich gerne an völlig unnötigen Diskussionen und meine: Gehopft wie gesprungen, ob gestrige Poesiealben oder heutige vorstrukturierte Freundebücher. In beiden Exemplaren kann gemalt und geschrieben werden. Fingerabdruck und Foto geht auch überall. Und ob Eltern nun ausfüllen oder nicht, hängt auch nicht gerade von diesem Medium ab. Aber vielleicht wollen Sie ja einen Facebook-Gruppe ?Gegen Freundebücher? gründen?
Newspeak 12.09.2016
2. ...
Eltern füllen Freundebücher aus? Selbst schuld, würde ich sagen. Man muß doch nicht jeden Unsinn mitmachen. Freundebücher sind dazu da, vom Kind selbst ausgefüllt zu werden, wenn es lesen und schreiben kann, und nicht anders.
buppert 12.09.2016
3. Heute gibt es Freundebücher?
Aha, so, so. Sachen gibt's. Bei uns gab's diese Freundebücher "Das ist meine Schulklasse" allerdings schon in den 80ern, parallel zum Poesiealbum. Nur verteilten wir die nicht schon im KiGa (das wäre dann schon in den 70ern gewesen), sondern erst ab dem 3./4. Schuljahr, als jeder auch alles selbst lesen und beantworten konnte. Später, im Teeniealter erstellten wir diese Bücher aus Heften oder Blöcken selbst, ergänzt und ausgeschmückt mit dem zum Alter passenden Fragen (Lieblingsbiersorte o.ä.). Ich habe alle Jahrgänge dieser Freundebücher bis heute aufbewahrt. :-)
patrick6 12.09.2016
4. Sinnfrei
Zu meiner Grundschulzeit gab es noch die grässliche Poesiealben (nur von Mädchen). Da bekam man so ein Teil und wusste nix damit anzufangen. Und genauso wie in der Fotostrecke gab es dann einen Spruch von den Eltern (nein, von der Mutter), den man krakelig da hinein schrieb, so wie alle Eintragenden vorher auch. Wozu? Der Sinn hat sich mir nie erschlossen. Ich glaube kaum, dass sich eine meiner Grundschulklassenkameradinnen durch heutiges Lesen eines dämlichen Spruches an irgendetwas positives bzgl. meiner damals noch völlig unausgereiften Person erinnert. Und heute scheint so etwas ja eh nur noch so eine Art Prestigeobjekt der Eltern zu sein (Motto: "mein Sohn hat aber mehr Freunde als Ihre Tochter"). Eigentlich ziemlich krank, zumal wenn es sich um Kita- oder Vorschulkinder handelt. Aber heute müssen Kinder ja auch zur Schule gefahren werden. Als wenn die keine Beine hätten.
lachina 12.09.2016
5. Solche Fragebögen sind doch uralt,
gab es schon im 18. Jahrhundert. Meine Kinder kannten sie aber auch erst in der Grundschule, da macht es Sinn und ist sogar ein Ansporn, zu lesen und zu schreiben. Poesiealben hatten sie aber auch, also beides. Freundebücher dann auch im Gymnasium, da wurden sie philosophisch und stellten sich gerne selbst da, verhangener Blick und Weltschmerz. Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, die Dinger auszufüllen . Verstehe ich auch nicht, warum Kleinkinder so etwas bekommen.
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