"Fridays for Future" Aachen - eine Stadt im Ausnahmezustand

In der Grenzstadt demonstrieren Zehntausende Menschen für Klimaschutz. Die Teilnehmer kommen aus 16 Ländern, Verwaltung und Organisatoren stehen vor einer Belastungsprobe.

"Fridays for Future" - mit internationaler Unterstützung in Aachen.
Thilo Schmuelgen / REUTERS

"Fridays for Future" - mit internationaler Unterstützung in Aachen.

Von Franca Quecke


Als der Zug um 7.20 Uhr am Aachener Bahnhof einläuft, steht ein Mitglied der Aachener Ortsgruppe schon an Gleis 6 und spricht in sein Headset: "Achtung, Zug kommt." Rund 20 Polizisten machen sich bereit, ein anderer Aktivist aus dem Social Media Team zückt die Kamera. Ungefähr 520 junge Aktivisten sind mit dem Zug aus der Schweiz, Freiburg und Offenbach gekommen, jetzt strömen sie auf den Vorplatz am Hauptbahnhof. "What do we want?", schmettert einer. "Climate Justice", rufen ihm die jungen Aktivisten entgegen.

In der Grenzstadt Aachen herrscht heute Ausnahmezustand: Zehntausende Menschen aus 17 verschiedenen Ländern werden heute vier verschiedene Routen laufen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet in der Grenzstadt Aachen die ersten länderübergreifenden Streiks von "Fridays for Future" über die Bühne gehen. Die Stadt liegt an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden, in der Nähe befindet sich das Atomkraftwerk Tihange, der Hambacher Forst, im Rheinischen Revier wird in drei Tagebauen Braunkohle gefördert. In den vergangenen Monaten haben sich von den knapp 60.000 Studierenden immer mehr an den Klimademos beteiligt.


Im Video: Tausende Schüler bei erster internationaler "Fridays for Future"-Demo

Marcel Kusch/ DPA

Die Proteste stellen die Stadt aber auch auf eine Belastungsprobe. Die Polizei ist mit Hunderten Kräften aus dem ganzen Land im Einsatz, Notärzte und Rettungsdienste stehen bereit. Auch die Organisatoren von "Fridays for Future" bereiten sich seit Monaten auf diesen Tag vor: Mit 40 Bussen und zwei Sonderzügen sind die Aktivisten angereist, sie brauchen Schlafplätze, Verpflegung und müssen irgendwie zu den Demonstrationen kommen, die nicht nur heute, sondern am ganzen Wochenende stattfinden. Für viele von den Aktivisten aus der Aachener Ortgruppe ist es allerdings das erste Mal, dass sie eine Demo organisieren. Sie haben sich in den vergangenen Monaten zwar oft mit der Polizei abgestimmt, und für den Notfall gibt es ein Sicherheitskonzept. Trotzdem ist die Stimmung angespannt, denn viel steht auf dem Spiel.

"Ich bin hier, um ein Zeichen zu setzen"

Gegen Mittag setzen sich die ersten Menschenmassen in Bewegung. Sie schlängeln sich durch die ganze Stadt in Richtung Fußballstadion, wo am Nachmittag eine große Kundgebung stattfinden wird. Am Hauptbahnhof ziehen Eltern und Kinder, Lehrer, Informatiker, aber vor allem Schüler und Studierende langsam los. Immer wieder stoppt der Zug, kein Problem, "Wer nicht hüpft, der ist für Kohle", dann geht es weiter. Sie tragen Stirnbänder, schwenken Flaggen, tröten und pfeifen und fordern: Mehr Klimaschutz, endlich Kohlestopp, eine Politik, die sie ernst nimmt.

Dazu gehört auch Matthias Hecht, 23, der extra aus München angereist ist: "Ich bin hier, um ein Zeichen zu setzen. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass möglichst viele Leute hier sind, nicht nur junge, sondern auch ältere." Er war schon öfter auf Klimademonstrationen, heute hilft er als Organisator. Zusammen mit einem Informatiker aus Aachen läuft er am Zugende. Die beiden haben sich heute erst kennengelernt, quatschen über Fahrradwege in München, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und sammeln Müll ein: "Wir wollen, dass es hinter unseren Protestzügen sauberer ist als vorher. Immerhin wollen wir hier über das Klima reden und auf keinen Fall Angriffsfläche bieten."

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"Fridays for Future" in Aachen: Wofür die Menschen demonstrieren

An ihnen schiebt der Belgier Serge Fontaine sein Fahrrad vorbei. Vor allem mit vielen älteren Menschen ist er von der niederländischen Stadt Vaals aus in einem Fahrradcorso mehrere Kilometer über die Grenze geradelt. Fontaine hat auf einem Anhänger das Atomkraftwerk Tihange in Miniaturform gebastelt, dass sich ganz in der Nähe von seinem Wohnort befindet: "Immer wieder passieren in Tihange Pannen, das Kraftwerk ist alt, brüchig und muss endlich abgeschaltet werden. Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher."

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So dringlich die Lage, so gut die Stimmung untereinander als alle Demonstranten schließlich aufeinandertreffen. Es könnte auch ein Festival sein, das hier vor dem Stadion veranstaltet wird, allerdings ein kinderfreundliches, ohne Dosenbier. Studierende und Kinder tanzen im Rhythmus zur Popmusik, mehrere Generationen sitzen in Grüppchen auf dem Boden, stehen für Bratwurst und Cola an. Aktivisten aus Indien und Italien fordern eine Kehrtwende der globalen Klimapolitik, dazwischen immer wieder begeistertes Tröten und Klatschen. Es muss sich etwas tun, das wird hier deutlich.

Gegen 18 Uhr sind die Proteste zu Ende, alle Veranstaltungen, Reden und Auftritte vorbei. Rund 35.000 und 40.000 Menschen sollen teilgenommen haben, schätzt "Fridays for Future". Ein Sprecher der Polizei Aachen erklärt, man sei zufrieden, wie friedlich die Demonstrationen waren. Ein paar Demonstranten seien auf eine Brücke geklettert, um ein Banner aufzuhängen, aber sonst sei alles ruhig verlaufen. Dreißig Organisatoren kommen ein letztes Mal auf die Bühne, werden beklatscht und bejubelt. Ein letztes Mal rufen sie: "What do we want?" Die Antwortet ist klar.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textfassung stand, die Stadt Vaals liege in Belgien. Sie befindet sich aber in den Niederlanden. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
achterhoeker 21.06.2019
1. Hallo Aachen
Ihr, die Ihr in der Nähe von belgischen und französischen Atomkraftwerken lebt, Ihr beschleunigt einen Zustand den Ihr noch gar nicht erfasst habt. Der Antikohleweg sieht so aus: Strom in Deutschland zu teuer, daher schließt der Chemiekonzern Ineos seine Anlage in Schkopau, lässt sie abreissen bzw. ein Teil wird abgebaut, verladen und in Belgien wieder aufgebaut. Antriebsenergie? Atomstrom mit einem Abfallprodukt das 300 000 Jahre braucht um unschädlich zu werden. Das Produkt aus Belgien wird dann mit LKW auch nach Osteuropa gefahren. Von Belgien und Holland (Antwerpen und Rotterdam) fahren tägliche tausende LKW ab bzw. kommen gleichzeitig an. Alles gefördert von den von Euch gewählten Volksvertreter (auch den Grünen). Aber das berührt Euch nicht, Hauptsache der nächste Urlaub klappt, die Regale sind voll und im Büro ist prima Klima. Die Arbeit verlieren andere.
Milmo 21.06.2019
2. Was soll man dazu sagen?
Warum demonstrieren die jungen Leute nicht vor der chinesischen, amerikanischen, indischen Botschaft? Deutschland hat immerhin politisch ein Ende der Steinkohleverstromung in absehbarer Zeit entschieden - trotz minimaler Relevanz für alle Klimamodelle und irrsinnige Kosten für unsere Volkswirtschaft. Die Erneuerbaren kosten uns ca. 24 Mrd. Euro im Jahr. Warum protestieren diese Leute hier, und nicht dort, wo es relevant wäre? Sollten die Kinder wohl doch besser zur Schule gehen, um dort etwas zu lernen.
D. Brock 21.06.2019
3. Ich bin sehr beeindruckt ...
... von den jungen Leuten. Ich hatte in der Vergangenheit den Eindruck, dass "die Jugend" praktisch durch nichts wachzurütteln sei. Erfreulicherweise hab' ich mich getäsucht. Wie so oft, benötigt es wohl einen Zündfunken: Greta Thunberg. Bleibt zu hoffen, dass sie wirklich durchhalten, wir älteren täten gut daran sie zu unterstützen. Politiker wissen, dass solche Proteste generell im Sommer (Sommerzeit, Sonne usw.) wie auch im Winter (Weihnachten) einschlafen. Richtig ärgern kann man sie, wenn man sie im "Sommerloch" zum Handeln zwingt. ... Ich drück' die Daumen! Weiter so!
Arthur Dent 22.06.2019
4. Klimaschutz OMG
Was hier die Begriffe schon wieder vedreht werden, lässt einen wirklich erschaudern. Klimaschutz, wovor wollen sie denn das Klima schützen ?? Wenn es Umweltschutz wäre, dann würde es Sinn ergeben. Ein Wehrmutstropfen bleibt, die ganzen Schreihälse bekommen die Rechnungen noch dargelegt, Dann werden sie erleben das Greta eine flotte Mark macht, wärend die Johlhälse im Kalten sitzen.
f.hansche 22.06.2019
5. Niedlich: Vaals liegt in Begien
und ist über Nacht auch noch Stadt geworden. Der Ort Vaals in der Gemeinde Vaals geht übrigens direkt in das Laurensberger Vaalserquartier über und ist damit ein Ortsteil der Stadt Aachen. Man fährt also kilometerweit von Vaals nach Aachen. Auf dem Vaalser Berg liegt übrigens der Drielandenpunt. Vielleicht ist unser belgischer Freund von dort in die Niederlande "eingereist", dann war es für ihn schon ein bisschen sportlich. Bei soviel Grenzen ist das aber auch schwierig. Dummerweise haben wir die Grenzhäuschen auch nicht mehr zur Orientierung. Als Grenzstadt habe ich Aachen seit Jahrzehnten nicht mehr wahr genommen. Aber bei der Demo ging es ja auch um Grenzen - um Grenzen, die gesetzt werden müssen, um auch in Zukunft auf dieser Erde leben zu können. Übrigens: Es waren nicht alle Informatiker Aachens auf der Demo, bei uns im Büro tummelten sich noch ein Paar. Allerdings habe ich auch einen Mathematiker auf der Demo gesehen.
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