Schüler als Klima-Demonstranten Das apokalyptische Klassenzimmer

Eltern sollten Kinder weder zum Demonstrieren ermutigen, noch an den eigenen Ängsten und Sorgen in Bezug auf den Klimawandel teilhaben lassen - denn das gefährdet deren psychische Entwicklung, meint der Psychiater Jan Kalbitzer.

Jugendliche Klima-Demonstranten vor dem Kanzleramt in Berlin, 13. September 2019
DPA

Jugendliche Klima-Demonstranten vor dem Kanzleramt in Berlin, 13. September 2019


Den Schülern, die freitags für mehr Klimaschutz demonstriert haben, sei Dank: Sie haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass sich nach Jahrzehnten der Warnungen vor dem menschengemachten Klimawandel politisch endlich etwas bewegt. Dass Kinder einspringen mussten, um ihre Zukunft vor den Folgen des Egoismus der eigenen Eltern zu bewahren, ist allerdings eine Schande. Und dass Eltern ihre Kinder statt in die Schule auf "Fridays for Future"-Demonstrationen schicken, ist pädagogisch inakzeptabel.

Schüler haben weder die politische Macht noch die technischen Möglichkeiten, den Klimawandel aufzuhalten oder zu verlangsamen. Sollte es den Erwachsenen gelingen, gibt es keinen ersichtlichen Grund, die Kinder unnötig in Angst zu versetzen. Gelingt es nicht, gibt es hingegen gute Gründe, die Kinder so lange wie möglich vor den Zukunftsängsten und Sorgen der Erwachsenen zu bewahren. Denn was immer auch kommt: Kinder müssen die Möglichkeit haben, in den geschützten Räumen der Kindheit - zuhause und in der Schule - die nötigen Ressourcen zu sammeln, um sich als Erwachsene den Herausforderungen der Zukunft stellen zu können. Das geschieht nicht in einem Klima der Angst. Jede Aufforderung zu Schülerdemonstrationen gegen die Gefahren der Zukunft durch Eltern oder Lehrer ist schlicht verantwortungslos.

Erziehung zum Nihilismus

Statt Verantwortung zu übernehmen, leben einige Eltern offenbar lieber vor, wie man den Kopf einzieht und die Verantwortung anderen überlasst. Dabei spalten sie obendrein nicht selten das Bewusstsein ihrer Kinder. Indem sie sie einerseits enthusiastisch zum Demonstrieren ermuntern und ihnen auch noch passende moralische Begründungen parat legen. Andererseits aber weiterhin mit dem SUV zum Biomarkt um die Ecke fahren und für den nächsten Urlaub wieder einen Flug nach Hurghada oder auf die Seychellen buchen. Mit einer so hohlen Moral erzieht man die Erwachsenen der Zukunft im schlimmsten Fall zu verbitterten Nihilisten, die an nichts mehr glauben und keinen echten Halt mehr in den Werten unserer Gesellschaft finden.

Eltern müssten jetzt eigentlich die Notbremse ziehen und den Kindern sagen: Geht zurück zur Schule, wir kümmern uns! Stattdessen diskutieren sie auf Elternabenden, ob die Lehrer nicht freitags mit den Grundschülern einen gemeinsamen Wandertag zur Großdemonstration machen könnten. Die psychischen Folgen dieses Ablasshandels, bei dem Eltern ihre eigene moralische Haut retten wollen, indem sie die Unschuld ihrer Kinder opfern, ist dabei vielen entweder egal. Oder sie drehen sich - zerfressen von Angst und berechtigten Schuldgefühlen - so sehr um sich selbst, dass sie die Bedürfnisse der Kinder gar nicht mehr wahrnehmen.

Eltern sollten Kinder weder zum Demonstrieren ermutigen, noch an den eigenen Ängsten und Sorgen in Bezug auf den Klimawandel teilhaben lassen. Sie sollten alles in ihrer Macht stehende für die Zukunft der Kinder tun und gute Vorbilder sein. Aber bei einigen Erwachsenen scheint die Sehnsucht nach einem Zustand kindlicher Unmündigkeit größer zu sein, als das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Unschuld der eigenen Kinder.



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rainerwäscher 20.09.2019
1.
Guter Artikel. Die Waldorfeltern meiner Enkelkinder sehen das genauso.
m_s@me.com 20.09.2019
2. Gegenrede: Nicht alle Erwachsene benehmen sich komplett silly
Ja, ich esse zwar weniger (aber immer noch) Rindfleisch und habe begriffen, dass überhaupt viel Fleisch in Problem darstellt. Immer noch, aber ein wenig weniger und smarter. Wir haben unsere Auto-Kilometer um 80% reduziert. Wir haben ein e-Lastenrad, dass wir täglich statt Auto nutzen, wir produzieren erheblich weniger Plastik-Abfall, wir kaufen gezielter ein und fast nur noch bio. Ich fliege beruflich wie privat fast gar nicht mehr, fahre nur noch Bahn, wie es eben nur geht. Beruflich Auto: Ist nun Null. Lieber Autor: Nicht alle fahren "mit dem SUV zum Biomarkt". Dieses Verhalten ändern nicht nur wir, und man kann es meiner Meinung nach leicht verändern, es gibt unendlich viele Stellschrauben, an denen man drehen kann.
ancoats 20.09.2019
3. Pfff....
Guter Mann, haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie das in den frühen 80ern (bzw. allgemein im Kalten Krieg) so war, als wir kleinen unschuldigen Seelen von allgemeiner, jahrelanger Angst vor dem Atomkrieg/Atomtod erfüllt waren? Der auch objektiv an bestimmten Punkten nicht mal so unwahrscheinlich war? Und für den wir auch auf die Straße gegangen sind, jung und/oder mit Kind & Kegel? Wir haben diese "Zumutung" psychisch nicht nur problemlos überlebt, sondern wir haben entdeckt, wie inspirierend und wärmend ein kollektives Aufbegehren und wie - mindestens mittelfristig - gesellschaftlich wirkmächtig es sein kann. Kinder sind zudem keine zarten Püppchen, die man von allem abschirmen muss - eher im Gegenteil. Und was ich heute auf der Berliner Demo gesehen habe, war genau der richtige Rahmen: ein bunter, fröhlicher Protest, fast wie ein Familienausflug big time, und es gab jede Menge stolze kleine Gesichter, ob der aktivierten Eigenmasse und der allgemein wohlwollenden Betrachter und Passanten. Machen Sie sich mal keinen Kopp, dat überstehen die alle locker.
urla2 20.09.2019
4. Ist was dran
Ganz so radikal würde ich es aber nicht sehen- schließlich brauchen Kinder und Jugendliche was zum Rebellieren; wenn man ihnen alles abnimmt und sie vor allem beschützt, werden sie auch keine mündigen Bürger. Sie dürfen schon ruhig auch selbst besorgt sein über Probleme ihrer Generation; ich glaube auch nicht, dass die Angst ihnen von den Eltern eingeimpft wurde, da sind sie schon alleine drauf gekommen. Aber ich stimme zu, die Erwachsenen sollten die Sache jetzt mal in die Hand nehmen.
Matthi12 20.09.2019
5.
Warum muss das Beispiel SUV und Biomarkt immer wieder herhalten? Entspricht nicht meiner Beobachtung im Biomarkt. Kinder zur politischen Neutralität zu erziehen finde ich irreführend. Mann kann den Kindern ja das denken und fragen schwerlich verbieten. Und mit Lügen antworten ist auch keine Lösung.
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