Heike Klovert

Wahlrecht ab Geburt Lasst die Kinder an die Urnen!

Kinder und Jugendliche können und wollen sich politisch engagieren, das zeigt sich jede Woche bei "Fridays for Future". Deshalb wäre es richtig, ihnen das Wahlrecht zu geben. Und zwar von Geburt an.
Junge Demonstrantin in Berlin

Junge Demonstrantin in Berlin

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Die Schlagzeilen gleichen sich Woche um Woche: Der anstehende Brexit und US-Präsident Donald Trump prangen vorhersehbar oben auf Nachrichtenseiten und Zeitungen - und in der zweiten Wochenhälfte auch immer wieder: "Fridays for Future".

Es ist enorm, dass es Jugendliche in wenigen Monaten geschafft haben, eine weltweite Bewegung für besseren Klimaschutz anzustoßen. Dass sie Mitte März eine Protestwelle rund um den Globus organisierten - und sich seither jede Woche wieder in etlichen Städten versammeln.

Sie sitzen in Talkshows und liefern sich Streitgespräche mit altgedienten Politikern . Am Montag wollen Schülerinnen und Schüler in Berlin eine Liste mit konkreten Forderungen vorstellen, die sie an die Regierenden haben.

Kinder und Jugendliche können und wollen unsere Gesellschaften voranbringen. Ihre Stimmen sind wichtig. Aber sie sind noch nicht laut genug.

Die Welt, in die sie hineinwachsen

Sie könnten noch mehr Gehör finden, wenn junge Menschen wählen dürften. Und zwar nicht erst ab 16 Jahren, wie es in Österreich schon seit mehr als zehn Jahren erlaubt ist. Wir sollten jedem Säugling vom Tag seiner Geburt an das Wahlrecht zusprechen.

Jetzt sehen Sie ein Baby vor sich, das mit Schnuller im Mund durchs Wahllokal robbt? Klar, dass es noch keine Kreuzchen malen kann. Aber die Idee findet trotzdem seit Jahrzehnten Unterstützer. Der Bundestag debattierte 2004 darüber - nachdem prominente Juristen wie Konrad Löw und Lore Maria Peschel-Gutzeit zuvor schon jahrelang dafür geworben hatten.

Für ein Wahlrecht ab Geburt spricht: Kinder könnten viel besser mitbestimmen, wie die Welt aussehen soll, in die sie hineinwachsen. Politiker würden automatisch stärker auf Themen wie Umweltschutz und Bildung setzen, mit denen sie bei den fast 14 Millionen minderjährigen Neuwählern wohl punkten könnten.

Praktisch ließe sich das Wahlrecht ab Geburt auf zwei Arten umsetzen. Entweder dürften Kinder dann wählen, wenn sie alt genug sind, sich selbst ins Wählerverzeichnis einzutragen. Kleinkinder wären damit raus, aber ein paar Siebenjährige könnten schon darunter sein. Die sind schließlich mitunter so engagiert, dass sie gegen die Handynutzung ihrer Eltern auf die Straße gehen.

Es könnten auch Eltern stellvertretend für ihre jüngeren Kinder wählen. Die müssten dann dazu verpflichtet werden, mit ihren Kindern zu besprechen, worum es bei den Wahlen geht. Das könnte manches Gespräch beim Abendessen ungemein beleben.

Natürlich wird es dann Eltern geben, die sich nicht die Mühe machen, mit ihren Kindern über Steuerentlastungen und Rentenreformen zu reden. Oder die sich nicht darum scheren, was Kinder darüber denken.

Wie viele Erwachsene gehen freitags auf die Straße?

Doch es geht auch ums Prinzip. Demenzkranke dürfen schließlich wählen. Das Argument, dass Kinder und Jugendliche zu wenig von Politik verstehen, zieht deshalb nicht. Bei Erwachsenen fragt auch niemand nach, durch wie viele Wahlprogramme sie sich gelesen haben. Und wie viele gehen Woche für Woche für etwas auf die Straße, das ihnen wichtig ist?

Wie gut und wie früh wir Schülerinnen und Schüler auf die nächsten Wahlen vorbereiten, haben wir selbst in der Hand. Politische Bildung kommt an Schulen bundesweit viel zu kurz. Das könnte sich dann schnell ändern.

Leider hat das Kinderwahlrecht hierzulande kaum Chancen. Vor knapp fünf Jahren zogen 15 Kinder und Jugendliche vors Bundesverfassungsgericht, um die Altersgrenze bei Wahlen auszuhebeln. Sie scheiterten. Es sei von jeher als "verträglich" angesehen worden, dass das Wahlrecht an ein Mindestalter geknüpft wird, erläuterten die Richter damals.

Es ist an der Zeit, neu zu definieren, was verträglich ist und was nicht. Und zwar nicht nur in Sachen Klimaschutz.

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