Klimaprotest Schulstreik spaltet die Elternschaft

In Hunderten Städten wollen Schüler, Arbeitnehmer und Senioren am Freitag für das Klima demonstrieren. Eltern von Schulkindern haben mehrheitlich Verständnis für die Streiks - für ein Drittel aber geht die Schule vor.

Demonstrantin in Hannover (Archiv): Da in Deutschland Schulpflicht ist, müssen Erziehungsberechtigte dafür sorgen, dass ihre Kinder zur Schule gehen
Christophe Gateau/dpa

Demonstrantin in Hannover (Archiv): Da in Deutschland Schulpflicht ist, müssen Erziehungsberechtigte dafür sorgen, dass ihre Kinder zur Schule gehen

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Die Deutschlandkarte auf der Website von "Fridays for Future" ist gespickt mit Hunderten blauen Punkten: An allen markierten Orten von Westerland im Norden über Görlitz im Osten, Garmisch-Partenkirchen im Süden und Kleve im Westen der Republik haben Klimaaktivisten Aktionen zum globalen Klimastreik am 20. September angekündigt.

"In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland haben noch nie so viele Aktionen parallel stattgefunden", teilte Carla Reemtsma, eine der Sprecherin von "Fridays for Future", vorab mit.

In diesen Städten sind am 20. September Streiks geplant:

Erstmals sind Menschen jeden Alters aufgerufen, sich an dem Streik zu beteiligen. Bisher wurde die Bewegung vor allem von Schülern und Studenten getragen. Losgetreten wurde der Protest durch den Schulstreik der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg im August 2018.

Obwohl die Bewegung seither stark gewachsen ist, ist die Aktionsform des - je nach Sichtweise - Streikens oder Schuleschwänzens umstritten. So spalte der Klimaprotest die Elternschaft, teilte die Robert Bosch Stiftung anlässlich des globalen Streiktags mit.

Die Hälfte der Eltern in Deutschland findet es demnach in Ordnung, wenn ihre Kinder auch mal die Schule schwänzen, weil sie sich für Klima und Umwelt engagieren. Für ein Drittel der befragten Eltern aber geht die Schule vor: Diese Eltern lehnen es ab, wenn ihre Kinder im Unterricht fehlen, um für mehr Umweltschutz zu demonstrieren.

Das zeigt eine Sonderauswertung des Deutschen Schulbarometers, einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der Wochenzeitung "Die Zeit".

Da in Deutschland Schulpflicht herrscht, müssen Erziehungsberechtigte allerdings dafür sorgen, dass ihre Kinder auch hingehen - unabhängig davon, ob sie mit den Zielen der Bewegung sympathisieren. Mit einem Tweet wie dem der New Yorker Schulbehörde, die den Streik akzeptiert, wenn die Eltern der Kinder damit einverstanden sind, ist in Deutschland nicht zu rechnen. Allerdings gibt es Lehrer und Schulen, die die Proteste der Schüler billigen oder gar unterstützen. Andere setzen extra am Streiktag Prüfungen an, um den Schülern das Demonstrieren zu erschweren.

Bayerns Kultusminister will Schulpflicht durchsetzen

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) warnte die bayerischen Schüler in einem Radiointerview davor, sich an den Demonstrationen während der Unterrichtszeit zu beteiligen. Der Klimaschutz habe mittlerweile die notwendige öffentliche Aufmerksamkeit, so Piazolo beim Sender "Antenne Bayern": "Insofern sehe ich überhaupt keine Notwendigkeit, nun während der Unterrichtszeit für Fridays for Future zu demonstrieren."

Er forderte die Schulleiter auf, auf Streiks zu reagieren und die Schulpflicht durchzusetzen. Mögliche Strafen wie Nachsitzen, Verweise oder Bußgelder seien durch das Schulgesetz ausdrücklich gedeckt. "Dass man, wenn jemand das erste Mal fehlt, anders reagiert, als wenn jemand das fünfte Mal fehlt, liegt nahe", sagte Piazolo.

Welche Bußgelder streikenden Schülern drohen, ist dabei allerdings nicht einheitlich geregelt. Die Städte als Schulträger können die Höhe der Strafzahlungen selbst festlegen - und nutzen dafür ein breites Spektrum aus, wie eine Umfrage des Finanzdienstleisters Vexcash bei deutschlandweit 20 Kommunen zeigt. Die Spanne reicht von einem Mindest-Bußgeld in Höhe von fünf Euro pro Tag - unter anderem in Nürnberg und München - bis hin zu 254 Euro in Berlin.

Auch bei den Maximalbeträgen gibt es massive Unterschiede zwischen den einzelnen Städten. So sieht die Berliner Bußgeldordnung bis zu 2500 Euro pro unentschuldigtem Fehltag vor, während die allermeisten anderen Städte 1000 Euro als Höchstgrenze festgelegt haben. In Dresden drohen dagegen maximal 250 Euro pro Tag, in Hamburg und Frankfurt am Main gibt es gar keine Obergrenze.

Unterstützung finden die streikenden Schüler unterdessen bei vielen Wissenschaftlern. So erklärte die Universität zu Köln in dieser Woche, dass "eine überwältigende Menge klimawissenschaftlicher Forschung" einen massiven Klimawandel belege. "Ich begrüße die Forderung nach stärkeren politischen Maßnahmen zum Klimaschutz", so der Kölner Uni-Rektor Axel Freimuth, "die vorliegenden Erkenntnisse und Konzepte der Forschung müssen dabei einbezogen werden."

Beschäftige, die streiken wollen, sind genauso auf den guten Willen ihrer Arbeitgeber angewiesen - oder müssen Urlaub nehmen oder in der Mittagspause demonstrieren. Denn vom deutschen Streikrecht ist der Klimaprotest nicht gedeckt. (Lesen Sie hier, worauf Arbeitnehmer achten müssen, wenn sie streiken wollen.)

insgesamt 139 Beiträge
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der_k 20.09.2019
1. Schulpflicht ist Schulpflicht!
Ich stehe klar auf der Seite: Schulpflicht durchsetzen! Dann kann der Streik eben erst nach der Schulzeit beginnen... Mit solchen Aktionen nach extra Aufmerksamkeit haschen ist wie die Forderung nach Verboten für SUV's, sofortigem Einfahrverbot aller Dieselfahrzeuge in Städten, den erzwungen Hilfegesuchen von "Seenotrettern", usw.. anscheinend reicht es ist unserer Welt/unserem Land mittlerweile irgendwelche "SOFORT"-Forderungen zu skandieren, und es rennen einem genug Mitläufer hinterher... Ihr Schaft euch alle selbst ab! Hier nochmal die richtige Reihenfolge für alles "aber wir müssen was tun"-Menschen: 1. Nachdenken, was mir selber nicht passt 2. Nachdenken, wie man das Problem lösen kann 3. Nachdenken, welche Nebenwirkungen und folgen die Maßnahmen haben kann/wird 4. Streiken oder politisch mitwirken!
egonv 20.09.2019
2.
Naja, der Protest der Schüler ist sehr schnell im allgemeinen Einvernehmen geklärt, wenn man den Start jeweils auf 13.00 Uhr legt. Unterrichtsboykott ist kein sinnvolles Element des Klimaprotests, denn damit kann man nur Druck auf sich selbst machen. Außerdem hält es Schüler ab, die verantwortungsbewusst zum Unterricht gehen wollen oder sich aufgrund eigener schulischer Leistungen nicht fernbleiben können. Ich als Lehrer würde mich auch gerne mal beteiligen, aber dazu wäre ein späterer Start am Nachmittag nötig.
eurusiii 20.09.2019
3. Geht nicht auch Beides ?
Vormittags zur Schule und sich nachmittags für die Umwelt engagieren? Das eine muss das andere doch nicht ausschließen.
ratx 20.09.2019
4. Schule ist Bildung
Bildung ist Zukunft. Da stören sich Eltern und Schüler bundesweit daran, daß. viele Stunden wegen Lehrermangels ausfallen und setzen nun selbst noch einen drauf. Gegenvorschläge, um für den Klimawandel etwas zu tun: Einen Tag auf Smartphone und PC verzichten, per Mail selbst Mails an die jeweiligen Abgeordneten schicken, in der eigenen Gemeinde aktiv werden und alle Gemeinderäte mit Argumenten überzeugen, den eigenen Luxus einschränken, mehr ÖPNV nutzen..... Aber nein. Das strengt an und ist so furchtbar konsequent. Schulstreik ist cool und easy. Ein freier Tag, der nicht weg tut.
lyssi 20.09.2019
5. es gibt nichts Wichtigeres als eine halbwegs gesunde Erde
deswegen sollten die Schüler einfach weiter streiken (und am besten auch Erwachsene und freitags das Land für eine Stunde lahmlegen). Wenn Herr Piazolo meint, die Botschaft sei angekommen, dann frage ich mich, wo die Taten aus der Politik bleiben. Freiwillig werden die wenigsten ihre Gewohnheiten nicht ändern und das bequeme Leben ablegen.
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