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23. Mai 2019, 21:04 Uhr

 "Fridays for Future"

So sieht es hinter den Kulissen der Schülerproteste aus

Von und

Seit Monaten gehen immer wieder Tausende Schüler für eine bessere Klimapolitik auf die Straße. Wie halten sie dieses Engagement aufrecht? Und welche Probleme bringt das?

"Ich kann nicht mehr", stöhnt ein Schüler mit kurzen, roten Haaren, der auf dem kalten Betonboden sitzt, weil kein Stuhl mehr frei war. Es ist Donnerstagabend, seit fast drei Stunden tagt das wöchentliche Plenum von "Fridays for Future" im Kieler Kunst- und Kulturzentrum Alte Mu.

Rund 30 Schülerinnen, Schüler und Studierende aus der Ortsgruppe Kiel sitzen in einem Stuhlkreis und planen die nächste große Demo. Sie haben die Route besprochen ("Ist der Hauptbahnhof für die Zwischenkundgebung eine gute Location?"), Aufgaben verteilt ("Wer hat Lust zu flyern?"), zu Disziplin aufgerufen ("Können wir Zwischengespräche bitte unterlassen?").

Leon, 22, Theologiestudent, hat alle durch die Tagesordnung gelotst. Einen Punkt nach dem anderen haben sie zügig abgearbeitet - bis um halb acht eine Apfelschorle auf Mirjas Kuscheldecke kippt und unter den vier Jugendlichen, die das Polstersofa in der Ecke belegen, Hektik ausbricht.

Danach ist plötzlich die Luft raus. Und das ist nicht verwunderlich. Das Plenum dauert eine Woche vor dem europaweiten Klimastreik, der an diesem Freitag stattfinden soll, besonders lang. Von fünf Uhr bis acht Uhr abends besprechen die Jugendlichen alle aktuellen Anfragen und Themen und stimmen über alle Fragen per Handzeichen ab.

Dass sich Sitzungen und Entscheidungen mitunter hinziehen, liegt auch daran, dass die Bewegung noch keine richtige Struktur hat. Selten ist eine Initiative so schnell so groß geworden: Im August stellte sich die Schülerin Greta Thunberg erstmals mit einem Protestschild vor den schwedischen Reichstag. Mitte März demonstrierten weltweit viele Hunderttausend Menschen auf mehr als 2000 Kundgebungen.

Und "Fridays for Future" wächst weiter. In Deutschland hat sich gerade die 500. Ortsgruppe gegründet. Wie gut diese Gruppen funktionieren und wie viel sie anstoßen, hängt dabei stark vom Engagement Einzelner ab.

Mirja, 18, hat in Kiel den bislang größten Streik am 15. März mitorganisiert. "Die zwei Wochen davor waren verdammt extrem", sagt sie. Sie hat mitten in der Abizeit Podiumsdiskussionen und Workshops geplant, Banner gemalt, Pressemitteilungen geschrieben. "Ich war selten vor Mitternacht zu Hause."

"Die Klimakrise kann niemand gebrauchen"

Mirja trägt Chucks, einen silbernen Nasenring und grün gefärbte Haare. Sie sagt: "Es ist kein Argument, dass wir aus der Braunkohle nicht aussteigen können, weil dann Jobs verloren gehen. Wenn es keinen guten Lebensraum mehr für uns gibt, bringen uns die Jobs auch nichts."

Ihr Kumpel Rune, 16, ist stolz drauf, dass er seine Eltern dazu gebracht hat, sich vegetarisch zu ernähren. Er investiert neben der Schule täglich ein bis zwei Stunden in "Fridays for Future". "Die Klimakrise kann niemand gebrauchen, egal wo er politisch steht", sagt er.

Der Raum ist voller weiterer Mitstreiter, darunter: ein junger Punk mit Irokesenschnitt, ein Biologiestudent mit Vollbart, ein Mädchen auf dem Sofa, das sich während des Plenums den Unterarm mit einem Hennastift bemalt.

Es geht ihnen an diesem Donnerstag nicht nur um die nächste Demo. Die jungen Aktivisten ringen auch darum, welche Struktur ihre Bewegung bekommen soll, damit Befugnisse klarer verteilt sind - und sich trotzdem jeder mitgenommen fühlt.

Wie lange geht es ohne Hierarchie?

Bislang läuft es so: Neben den Ortsgruppe hat sich eine wachsende Zahl bundesweiter Arbeitsgruppen gebildet, zum Beispiel die Social-Media-AG, die Grafik-AG, die Forderungs-AG, die Kampagnen-AG, die Demo-Anreise-AG und die Struktur-AG.

Die Ortsgruppen sollen diese AGs nun legitimieren: Sie sollen über ein 40-seitiges Dokument abstimmen, in dem die Spielräume der AGs aufgelistet sind. "Das ist alles viel zu vage", ruft ein Mädchen im Kieler Plenum. "Wofür brauchen wir überhaupt eine Struktur-AG?", fragt ein anderes. "Der Charakter der Bewegung ist basisdemokratisch, darauf sollten wir noch mal hinweisen", sagt ein Junge. Die Runde vertagt das Thema schließlich.

Doch ohne eindeutigere Rollen und Hierarchien geht es vielleicht auf Dauer nicht, das hat sich an anderer Stelle bereits gezeigt: Jede der mehreren Hundert Ortsgruppen darf Delegierte stellen, die sich sonntagabends in einer Telefonkonferenz austauschen. "Anfangs liefen diese Konferenzen manchmal fünf oder sechs Stunden lang", sagt die Berliner Schülerin Franziska Wessel, 15. "Darum haben wir sie strukturiert."

Jetzt müssen die Vertreter der Ortsgruppen ihre Themen vorher einreichen. Daraus basteln die Moderatoren, zu denen auch Wessel gehört, eine Tagesordnung und setzen Zeitlimits fest. Wer dann zu einem Punkt etwas sagen will, muss sich vorher von den Moderatoren freischalten lassen. "Die Telkos sind jetzt meist in zwei bis zweieinhalb Stunden durch", sagt Wessel.

Wer soll die Bewegung vertreten?

Neben internen Strukturproblemen ist auch die Frage strittig, wer die Bewegung nach außen hin vertreten soll. Bisher hat "Fridays for Future" in der Öffentlichkeit vor allem ein Gesicht: Luisa Neubauer, auch genannt die "deutsche Greta". Die 23-Jährige hat die Ortsgruppe Berlin mitaufgebaut und zuvor schon Erfahrung mit politischer Arbeit gesammelt, unter anderem bei der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation "One".

Nach zahlreichen Interviews und Fernsehauftritten steht sie intern nun in der Kritik. Ihr Beitrag zu "Fridays for Future" sei nur einer von vielen. Manche, die sich in Kiel und anderswo engagieren, sprechen von einem "Personenkult". Neubauer sagt dazu dem SPIEGEL: "Es spricht für diese Bewegung, dass sie hinterfragt, wer sie repräsentiert. Und die Bewegung braucht mehr Gesichter als eines." Sie gebe neun von zehn angefragten Terminen an andere ab.

Doch auch das ist eine zwiespältige Sache. Das Medienecho ist meist größer, wenn Neubauer selbst hingeht. Außerdem kann es riskant sein, die Öffentlichkeitsarbeit denen zu überlassen, die darin noch unerfahren sind. Denn die Bewegung steht unter nicht immer wohlwollender Beobachtung.

"Es wird nur gesehen, was wir falsch machen und nicht, was wir alles schon geschafft haben", sagt Theologiestudent Leon. Es ärgert ihn, wenn Luisa in die Kritik gerät, weil sie in ein Flugzeug steigt und Greta dafür, dass sie aus einer Plastikflasche trinkt. "Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich mich frage, ob ich in Lederschuhen vor Journalisten treten kann", sagt Leon.

"Ich hatte ganz schön Muffensausen"

Trotz der Imagesorgen soll und kann sich bei "Fridays for Future" bisher noch jeder ausprobieren, egal ob er Erfahrung mit Aktivismus hat oder nicht. Die mehrköpfige Presse-AG, die sich auf Bundesebene gegründet hat, streut Journalistenanfragen nach eigenen Angaben deshalb bewusst breit über verschiedene Ortsgruppen.

Innerhalb der Ortsgruppe Kiel läuft das ähnlich. Vor einer Woche rief der Kieler Stadtrat den Klimanotstand aus. Zur Pressekonferenz war auch "Fridays for Future" geladen. Theologiestudent Leon ging hin, weil er Zeit und Lust hatte. "Ich hatte ganz schön Muffensausen", sagt er und grinst breit. "Aber irgendwann habe ich die Kameras ausgeblendet und nur noch mein Anliegen vorgetragen."

Am Morgen nach der Pressekonferenz und dem Plenum steht Leon vor dem Kieler Landtag zur wöchentlichen Mahnwache. Es ist kalt und windig. Mirja sitzt auf steinernen Gehwegplatten über einem Laptop und schreibt einen Redebeitrag für die Demo am 24. Mai. Die 13-jährige Mira, die die Mahnwache beim Ordnungsamt angemeldet hat, liest auf den Stufen vor dem Haupteingang im Roman "Die Rebellin".

Auch wenn es ihr oft noch an Routine und Professionalität mangelt, hat die Bewegung "Fridays for Future" einen großen Bonus: Sie wirkt authentisch. "Wir machen Fehler am laufenden Band", sagt Leon freimütig. Dazu gehöre, dass viele Dinge im Sande verliefen - und eben auch, dass sich einige Leute zu viel aufhalsten.

Er selbst versucht gerade, sich immerhin die Wochenenden freizuhalten. Nach dem europaweiten Klimastreik an diesem Freitag will er erstmal wieder kürzertreten und anderen die Planung der nächsten großen Aktionen überlassen.

Dass sich Jugendliche jedoch ganz rausgezogen hätten, seit "Fridays for Future" anlief, habe er noch nicht erlebt, sagt Leon. Spätestens nach ein paar Wochen seien sie wieder zurück. Auch er will nur eine Pause einlegen und danach weitermachen: "Man fühlt sich dem Thema verpflichtet."

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