"Fridays for Future" Was wurde aus den Drohungen gegen schwänzende Schüler?

Seit Monaten verweisen Behörden und Rektoren auf die Schulpflicht und drohen Schülern, die für "Fridays For Future" Unterricht schwänzen, Konsequenzen an. Zum Schuljahresende ist nun klar: Das war viel Lärm um wenig.

Erst vor dem Hauptbahnhof, jetzt vor dem Rathaus: In Köln findet eine mehrtägige "Fridays for Future"-Demo statt
Rolf Vennenbernd/ dpa

Erst vor dem Hauptbahnhof, jetzt vor dem Rathaus: In Köln findet eine mehrtägige "Fridays for Future"-Demo statt

Von Franca Quecke, Köln


"Leute, bitte einmal zuhören, es ist echt wichtig: Wir vermissen immer noch eine Ukulele", ruft ein Aktivist durch einen Lautsprecher. Die Stimmung vor dem Kölner Rathaus ist ausgelassen.

Seit Montag hat die Kölner Ortsgruppe von "Fridays for Future" zum mehrtägigen Protest geladen und an diesem Donnerstag sind rund 150 Personen gekommen: Schüler und Studenten aus verschiedenen Orten, Vertreter von "Parents for Future", "Grannies for Future", Interessierte.

Die Aktivisten sitzen auf dem Kopfsteinpflaster, baumeln in Hängematten, tauschen untereinander Klamotten, holen in zwei großen Zelten Schlaf nach, nehmen an Workshops teil: "Was ist eigentlich Gewalt?", "Veganismus" oder "Kapitalismuskritik für Einsteiger*innen".

"Haben Sie schon mal von Greta Thunberg gehört?", fragt eine Aktivistin einen interessierten Touristen am Infostand. Zwischendurch ruft ein Mädchen in einen Lautsprecher: "Achtung, Achtung, wir brauchen noch acht Leute zum Kreidemalen."

Für die Schüler, die vor dem Rathaus demonstrieren und teilweise sogar übernachten, bedeutet der Streik auch: Sie fehlen in ihrer letzten Schulwoche vor den Sommerferien. "Außer Eisessen passiert doch jetzt sowieso nichts mehr. Die Zeugnisse sind gedruckt und hier lerne ich auf jeden Fall mehr als in der Schule", sagt ein Elftklässler, der gerade Zucchinischeiben anbrät.

Schulpflicht bis zum letzten Tag

Eine 17-jährige Schülerin aus einer Bonner "Fridays for Future"-Gruppe streikt seit Montag mit, Dienstag und Mittwoch sogar mit Übernachtung. Gestern habe dann ein Lehrer bei ihren Eltern angerufen, warum sie nicht in der Schule gewesen sei. "Ich kenne die Konsequenzen, aber das hier ist mir einfach wichtiger", sagt die Schülerin.

Die Kölner Bezirksregierung mahnt hingegen zur Vorsicht: "Bis zum letzten Tag vor den Ferien gilt für alle die Schulpflicht", sagte Pressesprecher Dirk Schneemann. Eine Missachtung könne verschiedene erzieherische Maßnahmen nach sich ziehen, heißt es aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium: "Unentschuldigtes Fehlen wird auf dem Zeugnis dokumentiert."

In den vergangenen Monaten haben Schulministerien, Bezirksregierungen und Rektoren in E-Mails und Informationszetteln wiederholt und bundesweit auf die Schulpflicht hingewiesen - und auf drohende Strafen, sofern die Kinder und Jugendlichen sich nicht daran halten.

Lukas Mielczarek, 19, aus der Ortsgruppe Düsseldorf hat deshalb Anfang des Jahres eine WhatsApp-Gruppe gegründet, für Demonstranten, die Repressionen an Schulen befürchten. "Die Gruppe ist ein erster Anlaufpunkt bei der Suche nach Hilfe im rechtlichen Umgang. Wenn es heikel wird, können Schüler dort nachfragen", sagt er.

Aus ganz Nordrhein-Westfalen hätten sich im Laufe des Schuljahrs immer wieder Schülerinnen und Schüler mit folgenden Fragen gemeldet: Dürfen Schulleitungen dazu aufgefordert werden, Demoteilnahmen von Schülern zu melden? Ist Attestpflicht am Freitag erlaubt? Dürfen Geldbußen nach einmaligem Schwänzen verhängt werden?

Viel im Sand verlaufen

Oft seien es nur kurze Anfragen gewesen, sagt Mielczarek, die im Laufe des Schuljahrs in die Gruppe gestellt wurden, eher vage und unkonkret formuliert. Was aus vielen der Fälle geworden ist, weiß er nicht. "Ich glaube, dass vieles im Sand verlaufen ist. Nur weil die Schulleitungen etwas ankündigen, heißt es noch lange nicht, dass sie es dann auch so durchziehen."

Anwältin Sibylle Schwarz hat schon häufig Schüler und Schülerinnen in schulrechtlichen Fragen beraten. Von einem Schülersprecher aus Baden-Württemberg habe sie von mehreren Drohungen gegen protestierende Schüler erfahren: Keine Versetzung wegen zu vieler unentschuldigter Fehlstunden, ein Verbot zur Teilnahme an einer Klassenfahrt. Aber auch sie habe nachher oft nichts mehr von den Kindern und Jugendlichen gehört. Ihr Eindruck: "Schulen haben im Frühjahr mit drastischen Konsequenzen regelrecht geprahlt, passiert ist aber nicht wirklich etwas."

Das bestätigen auch die Bildungsministerien in NRW, Berlin und Bayern: Dem Berliner Bildungssenat und dem Schulministerium in NRW lägen keine Zahlen zu erzieherischen und disziplinarischen Maßnahmen vor, heißt es auf Anfrage. Auch in Bayern sei keine Schule bekannt, die ein Bußgeldverfahren wegen einer "Fridays For Future"-Demo eingeleitet habe. Von Forderungen von Schulleitern, Bußgelder einzuziehen, wisse man nichts.

Anwältin Sibylle Schwarz zufolge kann das auch daran liegen, dass sich viele Schüler und Lehrer im Gespräch geeinigt hätten. "Jede Schule handhabt 'Fridays For Future' bisher anders: Manche Lehrer schauen weg oder lassen Kinder verpasste Prüfungen nachschreiben, wenn ein Kind freitags mal fehlt - andere geben eine schlechte Note." Die Schulgesetze gäben den Lehrern und Rektoren einen recht großen Spielraum, wie sie auf die Demonstrierenden reagieren wollen: Redet man mit ihnen oder sanktioniert man sie?

Dass diese Frage für Rektoren nicht immer leicht zu beantworten ist, zeigt ein Fall aus Berlin: Kurz nach den Osterferien schickte Michael Wüstenberg, der Rektor eines Gymnasiums, ein Schreiben herum: Schüler, die weniger als sechs Wochen kontinuierlich am Unterricht teilgenommen hätten, würden die Note Ungenügend erhalten. Rund ein Dutzend Schüler machten sich Sorgen, dass ihre Versetzung gefährdet sein könnte, sollten sie weiter freitags demonstrieren.

Der Aufschrei war groß: Vor dem Gymnasium versammelten sich rund 50 Schüler und andere Personen, um gegen die drohende Nichtversetzung zu demonstrieren, mehrere Medien berichteten darüber, eine Petition ging online.

Rund zwei Monate später, mittlerweile schon in den Sommerferien, sagt Wüstenberg dem SPIEGEL: Kein Schüler sei sitzengeblieben, niemand habe ein Ungenügend erhalten. Warum die Schüler demonstrierten, könne er durchaus verstehen, so wie viele Lehrer an seiner Schule. Deshalb habe man "Zusatzangebote" für die Schüler eingerichtet: "Manche Lehrer haben vier, fünf Schüler in der Mittagspause unterrichtet." In den Notenkonferenzen habe man bei jedem Schüler lange diskutiert, wie man das Problem lösen könnte.

"Ein paarmal Schwänzen ist okay, finde ich"

Dieser Mehraufwand sei in Ordnung gewesen, sagt Wüstenberg. Was allerdings nicht gehe: Der "Shitstorm", den er erhalten habe. Gut zwei Wochen lang habe er jeden Tag fünf bis zehn E-Mails von Fremden wegen der Angelegenheit bekommen, rund 75 Prozent davon seien beleidigend gewesen. "Ich finde nicht, dass ich das verdient habe. Die Schüler kannten die Regeln."

Sollten seine Schüler auch nach den Sommerferien regelmäßig demonstrieren, dann wünscht sich Wüstenberg: Für alle Schulen sollte ein einheitliches Vorgehen gelten. Den Druck, auch von außen, müssten sonst vor allem Lehrer und Rektoren tragen.

Auf der "Fridays For Future"-Demonstration in Köln haben einige Schüler mit ihren Eltern und Lehrern Kompromisse ausgehandelt, ob und wie viel sie in ihrer letzten Schulwoche fehlen dürfen. Zum Beispiel: vormittags ein bisschen Schule, mittags und nachmittags Demo.

Simon, ein 15-jähriger Schüler aus Köln, war ebenfalls am Morgen im Unterricht, auch am Nachmittag verschwindet er für ein paar Stunden: Zeugnis abholen. 15 Mal habe er im vergangenen Halbjahr die Demos am Freitag besucht, allerdings oft nach der Schule oder wenn Fächer ausgefallen seien. Mit seinen Eltern habe er das immer abgeklärt.

Elf unentschuldigte Fehlstunden stehen am Ende des Schuljahrs auf seinem Zeugnis. "Das sind deutlich weniger, als ich erwartet hätte. Wahrscheinlich haben einige meiner Lehrer ein paar Augen zugedrückt." Ob er auch im kommenden Schuljahr wieder demonstrieren will? "Wenn ich keinen Unterricht habe, auf jeden Fall. Und ein paarmal Schwänzen ist auch okay, finde ich."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Schüler eines Berliner Gymnasiums, die weniger als sechsmal im Halbjahr auftauchten, die Note Ungenügend erhalten würden. Tatsächlich ging es um Schüler, die weniger als sechs Wochen kontinuierlich am Unterricht teilgenommen hatten. Wir haben das korrigiert.



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