Weltweit Großdemos für Klimaschutz "Als ob die Feuerwehr nur 'Es brennt' schreit, statt zu löschen"

2400 Städte, 157 Länder: An diesem Freitag wird rund um den Globus wieder für besseren Klimaschutz demonstriert. "Das politische Versagen ist dramatisch", heißt es von "Fridays for Future".

Schüler auf einer Demo in Sydney, Australien: Auftakt für eine weltweite Aktion
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Schüler auf einer Demo in Sydney, Australien: Auftakt für eine weltweite Aktion


Drei Tage vor dem Start der Weltklimakonferenz in Madrid gehen erneut Abertausende Menschen in aller Welt für mehr Klimaschutz auf die Straße. Die deutschen Organisatoren der Klimaschutzbewegung "Fridays for Future" kündigten vorab Demos in mehr als 500 Städten hierzulande an.

In Sydney versammelten sich gut 500 Schüler vor der Parteizentrale der regierenden Liberalen und verlangten entschiedenere Maßnahmen gegen die Erderwärmung. In Melbourne kamen rund 700 Teilnehmer zum Klimastreik.

In ganz Australien gab es nach Angaben der Klimaschutzbewegung "Fridays For Future" Aktionen in 60 Städten mit Tausenden Teilnehmern. Im September waren noch mehr als 300.000 Menschen gekommen. Die geringere Beteiligung an diesem Freitag erklärt sich nach Einschätzung von Beobachtern auch damit, dass zurzeit eine heiße Prüfungsphase an Australiens Schulen läuft.

Demo in Melbourne vor dem Parlament des Bundesstaates Victoria
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Demo in Melbourne vor dem Parlament des Bundesstaates Victoria

International sind nach Angaben von "Fridays for Future" über 2400 Städte in 157 Ländern dabei. Allein in Berlin werden an diesem Freitag 50.000 Teilnehmer erwartet.

Rund zwei Dutzend Jugendliche gingen am Vormittag in der Hauptstadt für mehr Klimaschutz in der Spree baden. Die Mitglieder der Jugendorganisation des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) sprangen bei fünf Grad Außentemperatur nahe dem Bundestag in den Fluss. Da die Wassertemperatur ähnlich niedrig war, begann die Gruppe ihre Aktion mit Aufwärmübungen. Gemeinsam mit der Linke-Vorsitzenden Katja Kipping sangen die Jugendlichen dabei "Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle".

Nach den großen Demos im März und Mai sowie der globalen Streikwoche im September haben die Aktivisten damit zum vierten Mal einen weltweit koordinierten Protest gestartet. Luisa Neubauer, eine Sprecherin der deutschen Bewegung, nannte die Aktionen einen Ausruf der Entrüstung. "Das politische Versagen ist dramatisch", sagte sie der "Rhein-Neckar-Zeitung".

Subventionen für fossile Energieträger streichen

Für Deutschland fordert "Fridays For Future" unter anderem, unverzüglich alle Subventionen für fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas zu streichen sowie ein Viertel der Kohlekraftwerke noch in diesem Jahr abzuschalten. Zudem müsse Deutschland bis 2035 auf eine komplett erneuerbare Energieversorgung umschwenken.

Das Thema Erderhitzung treibt derzeit auch die EU um. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat starke Anstrengungen gegen den Klimawandel versprochen. Das EU-Parlament hatte am Donnerstag den "Klimanotstand" für Europa ausgerufen.

Eine deutliche Mehrheit der EU-Abgeordneten sprach sich dafür aus, als erster ganzer Kontinent überhaupt einen solchen Notstand zu erklären. Das soll die Dringlichkeit des Themas unterstreichen. Konkrete Folgen hat der Schritt aber vorerst nicht.

"Fridays for Future" reicht das nicht. "Dass die EU den Klimanotstand ausruft, ohne zu handeln, ist wie wenn die Feuerwehr im Einsatz nur noch 'Es brennt!' schreit, statt zu löschen", schrieb die Gruppe auf dem deutschen Twitteraccount.

Kritik am Klimapaket

In Deutschland richtet sich die Kritik der vorwiegend jungen Aktivisten vor allem gegen das Klimapaket der Bundesregierung. "Mit business as usual und viel Pillepalle sind diese Maßnahmen nur eine weitere Folge in der Reihe des klimapolitischen Versagens der GroKo", teilte das Netzwerk mit.

Der Bundesrat berät am Freitag ab 9.30 Uhr darüber, zu welchen Gesetzen der Vermittlungsausschuss einberufen werden soll. Vor der Abstimmung hatten Regierungschefs der Länder deutliche Nachbesserungen beim Klimapaket gefordert.

Die Bewegung "Fridays for Future" geht auf einen Protest der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg zurück, die sich viele Menschen in aller Welt im Kampf gegen die Klimakrise zum Vorbild genommen haben.

Thunberg selbst wird den Protesttag an einem ungewohnten Ort verbringen: Die 16-Jährige segelt gerade mit einer bekannten YouTuber-Familie auf einem Katamaran über den Atlantik zurück, um an der am Montag beginnenden Weltklimakonferenz sowie einem großen Protest in Madrid am kommenden Freitag teilnehmen zu können. Ob sie rechtzeitig ankommt, ist unklar. Bis zum Donnerstag hatte das Schiff etwas mehr als zwei Drittel der Strecke geschafft.

Thunberg warb am Donnerstag via Twitter für den Protesttag: "Im September sind 7,5 Millionen Menschen rund um den Globus auf die Straße gegangen. Morgen machen wir das noch mal." Jeder werde gebraucht, jeder sei willkommen.

lov/dpa

insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
haarer.15 29.11.2019
1. Klima-Notstand - erfordert effektives Handeln
Das EU-Parlament ruft den Klimanotstand aus - aber konkretes Handeln ist welches ? Luisa Neubauer hat recht, indem sie von dramatischem politischen Versagen spricht. Und leider immer noch. Die neue EU-Kommissionspräsdentin Ursel von der Leyen übt sich auch schon mal im groß Ankündigen. Denn das können unsere Politnasen immer am besten.
spon_1644724 29.11.2019
2. So langsam lichtet sich der Dunst
und das System bekennt Farbe. In Hamburg wurde - zumindest am Gymnasium meiner Tochter - mal eben für diesen Freitag eine wichtige Klausur so gelegt, dass die Schüler garantiert nicht zur Demo gehen können. Zufall ? Vielleicht geht es ja anderen Schülern genauso. Ach ja: Lippenbekentnisse des zuständigen Senators und der Schulbehörde gibt es genug. Nur: In HH regiert (noch) die SPD und ist voll im Wahlkampfmodus. Da darf man niemanden verprellen, sollte man denken. ABER: Es wird jetzt sowohl in Berlin als auch hier in Hamburg sichtbar, was die Strategie der SPD ist: Die vorhandene Machtbasis sichern, niemanden zu verprellen, der gegen Änderungen ist und alles auf die lange Bank zu schieben. FAZIT: Wer Veränderungen will, kann die SPD nicht wählen, denn die kämpft um ihr Überleben und verhindert jede Veränderung. Wenn die CDU weiterhin auf technischen Fortschritt bei Verbrennern und Innovationen ausschließlich durch die Industrie setzt ist klar, dass dort auf absehbare Zeit nichts passieren wird. Also bleibt für Leute, die Veränderungen wollen, nur eine Wahl: GRÜN.
Cailean 29.11.2019
3. Inzwischen lernen die Kinder den Kohlenstoffkreislauf in der Schule.
Und zwar in der 3. Klasse! Es wäre wirklich gut, wenn die Menschen, die das nicht überblicken, zumindest mal Wikipedia bemühen, bevor sie sich zu dem Thema äußern. Es gibt noch viel zu viele, die glauben, durch Atmen würde der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre verändert, Plastiktüten hätten einen Einfluss auf den Klimawandel oder die Dieselproblematik wäre dasselbe wie die Klimathematik.
upalatus 29.11.2019
4.
Ja, es brennt. An vielen Ecken und Enden. Nun (warum eigentlich jetzt erst, angebahnt hat sichs seit Jahrzehnten...) wird nach einer Feuerwehr gerufen, die gefälligst die Feuer löschen soll, zu deren Entstehung und Hochlodern ein jeder einzelne von uns sein Scherflein dazugworfen hat und immer noch dazuwirft. Leider wird der individuelle Brandbeitrag ausgeblendet, relativiert, geleugnet. Aber die Masse machts! Und sie macht weiter damit, die Feuer zu nähren. Mitarbeit, ein Weniger, ein wenig Selbstbeschränkung, ein wenig Verzicht? Nönö, Herr Feuerwehrkommandant, mit uns nicht!
citizen01 29.11.2019
5. Überdeutlich der interne Widerspruch: Stromspeichern ja, aber keine
Stauseen, sagt die Organisation "Riverwatch" (s. nachfolgende Meldung bei SPON). Tja, da bleiben wohl nur gigantische Batterien/Akkus als umweltfreundlichere Option.
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