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10. April 2019, 11:28 Uhr

Bußgeld, Crowdfunding, Nachhilfe

Wie Erwachsene mit streikenden Schülern umgehen

Von und

Ein Rektor verhängt Bußgelder. Eine Bank ruft zum Crowdfunding für Schulschwänzer auf. Eine Frau bietet kostenlos Mathe-Nachhilfe an - die Reaktionen auf die Klimastreiks sind kontrovers.

Wie reagieren auf die streikenden Jugendlichen? An vielen Schulen ist das Woche für Woche ein Thema. Manche Schulleitungen haben Verständnis für die Klimaproteste der Jugendlichen, andere Lehrer drohen dagegen mit Sechsen oder Disziplinarmaßnahmen für alle, die dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben.

Auch bei Erwachsenen formiert sich Unterstützung für die streikenden Schüler. So kündigte die GLS Bank in der vergangenen Woche an, die Organisatoren von "Fridays for Future" mit einem Spendenaufruf zu unterstützen. Anlass war die Drohung eines Münchner Schulleiters, Bußgeldverfahren gegen protestierende Schüler in Gang zu setzen, wie der Bayerische Rundfunk berichtet hatte.

Der Leiter des Münchner Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums, Wolfgang Hansjakob, hatte dem Bericht zufolge in einem Rundbrief ein Ende der Streiks während der Schulzeit gefordert. So hätten Eltern ihre Kinder bisweilen vom Unterricht befreit, um ihnen die Demo-Teilnahme zu ermöglichen. Deshalb werde er, wenn nichts anderes helfe, über das Schulreferat Anzeige erstatten: "Wenn hier ganz bewusst gegen Spielregeln, gegen Gesetze und gegen die Schulordnung verstoßen wird, dann müssen Eltern und Schüler auch mal bereit sein, die Konsequenzen zu tragen."

Auf einer eigens angelegten Webseite ruft die GLS-Bank daher zum Crowdfunding auf. Mit den Spenden sollen die Schüler mögliche Bußgelder bezahlen können. Bisher sind laut Angaben auf der Webseite bereits über 16.000 Euro zusammengekommen. "Jede Unterstützung zeigt: Auch Bußgelder stoppen uns nicht", schreiben die Schüler auf der Webseite.

Auch Marisa Janson fühlte sich von den Protesten der Schüler angesprochen. Am Donnerstag hatte die Berlinerin bei Twitter ein Angebot ins Netz gestellt: "Wer bei #FridaysForFuture streikt und Mathe-Stoff nachholen muss, kann sich gern bei mir melden! Einfach Aufgaben fotografieren, Frage dazu und ich erklär's dann" - mit großer Resonanz.

Mehrere Dutzend Erwachsene schlossen sich mittlerweile an und offerierten ihrerseits Hilfe in bestimmten Fächern. Ein Anruf in Berlin:

SPIEGEL ONLINE: Frau Janson, für Ihren Tweet gab es 10.000 Likes und mehr als 3600 Retweets - hatten Sie mit der großen Resonanz gerechnet?

Marisa Janson: Nein, überhaupt nicht. Das Ganze war ja nur eine spontane Idee: Ich gebe schon länger Mathe-Nachhilfe in einem Frauenzentrum in Berlin-Kreuzberg für Schülerinnen und junge Frauen, die von Diskriminierung betroffen sind. Das macht mir wahnsinnig viel Spaß.

Als den Schülerinnen und Schülern, die freitags streiken, vorgeworfen wurde, sie wollten nur den Unterricht ausfallen lassen, habe ich mich geärgert. Denn ich glaube nicht, dass sie nur schwänzen wollen. Das diskreditiert deren Engagement. Sollten sie wirklich was verpassen und nicht allein zurechtkommen, biete ich gerne meine Hilfe an.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind doch gar keine Mathe-Lehrerin.

Janson: Das stimmt. Aber im Studium habe ich mein Herz für die Mathematik entdeckt - und für die Vermittlung dieses Fachs. Zu sehen, wie junge Frauen ihren Spaß an Mathe erleben, sich reinfuchsen und einige von ihnen mittlerweile hier in Berlin naturwissenschaftliche Fächer studieren - dieses überwältigende Gefühl lässt sich gar nicht beschreiben. Da fiel es mir ganz leicht, das Hilfsangebot auch den streikenden Schülern zu unterbreiten.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt ertrinken Sie wahrscheinlich in Anfragen….

Janson: Nein, das hält sich noch in Grenzen. Bisher habe ich ungefähr zehn Anfragen bekommen, da konnte ich überall helfen. Was aber mindestens genauso toll ist: wie viele Menschen sich gemeldet und ihre Hilfe für andere Fächer angeboten haben. Und einer der bewegendsten Momente war für mich, als mir eine Schülerin schrieb, wie gut ihr das tut, solche Solidarität von Erwachsenen zu erleben.

SPIEGEL ONLINE: Den Vorwurf, die Jugendlichen wollten nur schwänzen können Sie nicht nachvollziehen?

Janson: Mich ärgert einfach, dass die Jugendlichen immer abgekanzelt werden. Tun sie nichts, heißt es, sie seien zu unpolitisch. Gehen sie auf die Straße, heißt es, sie wollten schwänzen. Ich finde es total faszinierend, wie die Schülerinnen und Schüler sich weltweit vernetzen und diese machtvollen Demonstrationen auf die Straße bringen.

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