Friedhofsgärtner in echt Fröhlich unter Traurigen

Im Dunkeln auf den Friedhof gehen? Sören Spannemann macht das zurzeit jeden Tag, denn er lernt Friedhofsgärtner. Ein Bürojob kommt für ihn nicht in Frage, er liebt seine Arbeit an der frischen Luft. Wenn da nur nicht die Geschichte von gelegentlichen Knochenfunden wäre.

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Von Veronika Widmann


"Was machst du? Siehst du da Tote? Schnippelst du an denen rum?" Sören Spannemann ist solche Fragen gewohnt, wenn er von seinem Beruf erzählt. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg wird er im dritten Lehrjahr zum Friedhofsgärtner ausgebildet. Gerade beugt er sich über ein Grab und reißt mit beiden Händen Begonien aus der lockeren Erde. Rot, weiß, rosa türmen die Blumen sich bereits in seiner Schubkarre. "Die werden der Kompost für nächstes Jahr", sagt Sören, passend zu Job und Umgebung ganz in Grün gekleidet.

Tote Pflanzen sind auch die einzigen Toten, mit denen Sören, 20, direkt in Kontakt kommt. Fürs Gruben ausheben und Bestatten sind andere zuständig. Als Friedhofsgärtner kümmert er sich um die Bepflanzung und Pflege von Gräbern, die Angehörige nicht selbst pflegen können oder wollen und deshalb an die Profis abgegeben haben.

An den Friedhof als Arbeitsplatz musste Sören sich trotzdem erst gewöhnen. "Wenn man hier morgens kurz nach sechs an einem Herbstmorgen entlangläuft und es noch dunkel ist, ist das schon ein bisschen komisch", erzählt er. Regelmäßig gießt er die Pflanzen in den Kapellen, wo die Trauerfeiern stattfinden. Dort steht oft ein Sarg. "Huch, was ist das denn?", dachte er sich zu Beginn der Ausbildung, mittlerweile sind sie für ihn ganz normal. "Am Anfang habe ich noch bei jedem Sarg mitgeheult", sagt Sörens Chefin Andrea Folster, Gärtnermeisterin in Ohlsdorf.

Keine Lust, im Büro zu versauern

Nach seinem Realschulabschluss wollte Sören vor allem eins: raus an die frische Luft. "Ich bin die ganze Schulzeit nur gesessen, ich hatte keine Lust, in einem Büro zu versauern." Gärtner erschien ihm passend, "wer arbeitet denn sonst die ganze Zeit draußen?" Im Internet stieß er dann auf die Fachrichtung des Friedhofsgärtners. Wenn es im Herbst und Winter kalt und nass wird, wünscht er sich zwar schon ab und zu mit einer Tasse Kaffee ins Büro. "Aber wenn dann der Frühling kommt, würde ich dort gar nichts von der Sonne mitbekommen", sagt Sören. Im ersten Lehrjahr war er oft erkältet, mittlerweile hat sein Körper sich an die Arbeit im Freien gewöhnt. Man müsse sich eben warm anziehen und arbeiten - Stahlkappenschuhe und eine lange Hose sind ohnehin Pflicht.

Die Schubkarre ist voll, Sören kippt die Blumen auf einen Haufen. Später werden sie mit einem kleinen Laster abgeholt. Er schaufelt frische, dunkle Erde auf die Karre und zieht sie zu den Gräbern, von denen er gerade die Blumen entfernt hat. Eine Kollegin hat in der Zwischenzeit Laub und kleine Äste weggerecht und mit dem Spaten an den Rändern entlanggestochen - so verhindert man, dass das Gras vom angrenzen Rasen hinüberwächst. Sören verteilt jetzt die frische Erde darauf und streicht sie glatt. In den nächsten Wochen wird er das Grab winterfest machen. Dafür legt er Tannenzweige darüber und steckt sie zu einer Rosette ineinander. Eine Dreiviertelstunde sitzt Sören dann an jedem Grab. "Das ist ein bisschen langweilig", sagt er. An Weihnachten hat er dann genug von Tannenzweigen und würde am liebsten keinen Christbaum mehr sehen.

Auf einmal hatte er eine Schädeldecke in der Hand

Im Spätherbst und Winter kümmern die Friedhofsgärtner sich mehr um die Anlage. Der Ohlsdorfer Friedhof ist riesig: Zwei Buslinien führen hindurch, mit insgesamt 23 Haltestellen. 36.000 Laubbäume stehen auf dem Gelände und werfen im Herbst ihre Blätter ab. Sören und seine Kollegen räumen hinterher auf. Ist das Laub weg, kommt der Schnee: Im Winter muss Sören bei Bestattungen schippen, damit die Trauernden zum Grab kommen.

Friedhofsgärtner legen die Gräber nach Wünschen der Kunden an. Manchmal muss man ihnen dann klar machen, dass die Lieblingsblume des Verstorbenen leider nicht angepflanzt werden kann, weil sie zum Beispiel mehr Sonne braucht, als das Grab abbekommt. Mitunter gibt es auch ausgefallene Vorgaben: Eine Kundin möchte auf keinen Fall, dass das Grablicht berührt oder bewegt wird. "Die merkt das sofort, wenn es auch nur einen Zentimeter verrutscht ist. Dann steht sie im Büro und es gibt Ärger", sagt Sören.

Noch hat Sören mit den Auftraggebern, die oft gerade erst einen Angehörigen verloren haben, wenig zu tun. Trifft er sie doch einmal im Büro, wo sie mit seinen Kollegen die Arrangements besprechen, begegnet er ihnen nett und freundlich. "Ich glaube, dass man als Friedhofsgärtner ein fröhlicher Mensch sein muss und nicht noch ein trauriger unter den ganzen Traurigen", sagt er.

Während er auf dem nächsten Grab die Erde glattharkt, erzählt Sören von einem früheren Auszubildenden. Der hatte bei der Grabpflege plötzlich eine Schädeldecke in der Hand - durch die Erdbewegung war sie an die Oberfläche gelangt. "Zum Glück ist mir so etwas noch nicht passiert", sagt Sören. "Ich weiß nicht, wie ich da reagieren würde."



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