Fromme Hamburger Familie Schulboykotteure auf der Flucht

Der Streit um den Schulboykott einer bibeltreuen Hamburger Familie verschärft sich. Geldstrafen, Knast, Drohung mit Sorgerechtsentzug - die Schulbehörde macht Druck. Die Eltern haben reagiert: Sonntag flüchteten André und Frauke R. mit ihren sechs Kindern per Wohnmobil.


Hamburg - Das Ehepaar André und Frauke R., das sich seit fünf Jahren gegen den Schulbesuch ihrer Kinder wehrt und sie zu Hause unterrichtet, hat sich mit unbekanntem Ziel aus Hamburg abgesetzt. Laut "Hamburger Morgenpost" soll die Familie mit einem Wohnmobil unterwegs in Richtung Österreich sein, wo Heimunterricht unter bestimmten Bedingungen erlaubt sei. Wie die Zeitung berichtete, beobachteten Nachbarn, wie das Paar am Sonntagmorgen ein Wohnmobil, das ihnen eine Nachbarsfamilie geliehen haben soll, mit Proviant und Kleidung beladen habe und mit den sechs Kindern losgefahren sei.

Fromme Familie R. (im Februar vor dem Amtsgericht): Auf der Flucht vor der Schulpflicht
DPA

Fromme Familie R. (im Februar vor dem Amtsgericht): Auf der Flucht vor der Schulpflicht

"Sie sind aus Hamburg weggefahren", bestätigte Armin Eckermann, Rechtsanwalt und Vorsitzender des Vereins "Schulunterricht zu Hause", am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Zu den weiteren Plänen der Familie wollte er nichts sagen. Der Verein aus Dreieich bei Frankfurt/Main unterstützt die bibeltreuen Schulverweigerer.

Die jahrelange Auseinandersetzung um die drei schulpflichtigen Töchter sowie den Sohn, der zum Beginn des neuen Schuljahres hätte eingeschult werden müssen, erreicht damit einen neuen Höhepunkt. Seit 2001, als André und Frauke R. ihre Töchter von einer christlichen Bekenntnisschule abmeldeten, wehren sie sich gegen den Besuch einer staatlich anerkannten Schule und unterrichten die Kinder zu Hause. Sie berufen sich auf die Bibel und darauf, ihre Kinder von schädlichen Einflüssen fernhalten zu wollen. Die Mädchen hätten Gewalt auf dem Schulhof erleben müssen, klagte der Vater. Außerdem seien sie in der Schule der Gesellschaft von Scheidungskindern ausgesetzt - "das wollen wir ihnen nicht zumuten."

Die Hamburger Schulbehörde versuchte, die Schulpflicht in mehreren Prozessen durchzusetzen. Die Eltern wurden unter anderem zu Bußgeldern und Geldstrafen verurteilt, zahlten aber nicht. Zuletzt ging es dann Schlag auf Schlag: Zunächst musste Vater André R. eine Woche Erzwingungshaft im Gefängnis verbringen und kam am letzten Donnerstagabend wieder frei. Direkt für Freitagmorgen hatte das Hamburger Landgericht eine Berufungsverhandlung angesetzt, in der sich die Eltern zunächst gegen einen Strafbefehl über 840 Euro (je 420 Euro für Vater und Mutter) wehren wollten; sie zogen die Berufung allerdings am Freitag zurück. Weil die Töchter trotz der Gefängnisstrafe auch letzte Woche nicht zur Schule kamen, beantragte die Schulbehörde noch am Freitagnachmittag beim Familiengericht den Entzug des Sorgerechtes.

Isoliert in der heilen Welt der frommen Eltern

"Unser Antrag auf Sorgerechtsentzug läuft", bestätigte Behördensprecher Alexander Luckow am Montag. Jetzt sei das Familiengericht am Zug. Er gehe davon aus, dass es in den nächsten Tagen eine Entscheidung geben werde. Sollte das Gericht einen Sorgerechtsentzug zur Durchsetzung der Schulpflicht anordnen, könne man den Beschluss notfalls auch im europäischen Ausland durchsetzen, sagte Luckow.

Gerichte hatten mehrfach festgestellt, dass das Verhalten der Eltern den Kindern - bei allem guten Willen - schade. Dabei geht es vor allem um den Schulbesuch, aber auch um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Denn die Familie lebt ganz unter sich. Ihr Reihenhaus verlassen Eltern und Kinder stets gemeinsam und fast nur sonntags zum Gottesdienst. Die "heile Welt" des Elternhauses isoliere die Kinder, befand Ende März das Oberverwaltungsgericht. Ihnen drohten schwerwiegende Nachteile, wenn sie nur in der "eng begrenzten Parallelgesellschaft" im Elternhaus lebten. Sie würden sich zu unmündigen Menschen entwickeln, die über die Gestaltung ihres weiteren Lebens nicht frei entscheiden könnten.

Im Streit um die Schulpflicht agiert das strenggläubige Ehepaar nicht allein, sondern erhält Hilfe durch "Schulunterricht zu Hause". Als Ziel beschreibt der Verein auf seiner Website die "Unterstützung und Durchsetzung von Schulbildung für Kinder im Elternhaus und in privaten Schulinitiative". Schulverweigerern bietet er rechtliche Hilfe an. Auch in einigen anderen Fällen, die bundesweit für Aufsehen sorgten, erhielten Eltern Beistand von Organisationen, die in Deutschland eine Abkehr von der Schulpflicht durchsetzen wollen - darunter der Schulboykott von Baptistenfamilien in Paderborn, die nach anhaltendem Tauziehen ihre Kinder teils in einer Freien Christlichen Schule in Heidelberg einschulten, teils in Österreich selbst unterrichten.

Am 6. September sollen die Hamburger Schulboykotteure im Rahmen eines Berichts über "Homeschooling" bei "Stern-TV" auftreten. Vertreten wird die Familie von Gabriele Eckermann, Rechtsanwältin und Mitbegründerin des Vereins "Schulunterricht zu Hause". Nach Angaben der "Hamburger Morgenpost" kommt das Geld für Prozesse, Medien- und Lobbyarbeit aus den USA von einer christlichen-fundamentalistischen Organisation, die im Internet dazu aufrufe, den deutschen Verein mit Spenden zu unterstützen. In den USA hat "Homeschooling" eine lange Tradition; dort werden ein bis zwei Millionen Schüler zu Hause unterrichtet.

jol/dpa

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Statikus 14.12.2005
1.
Ich denke kaum, dass eine Prüfung (deren Ausgang ja durchaus auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sein kann) hier sinnvoll ist. Sollte die Einschätzung der Grundschule zum Leistungsvermögen eines Schülers eindeutig sein, dann sollte diese auch bindend sein. Der Optimalfall ist dann sicherlich der, daß sich die Grundschule mit den Eltern hinsichtlich der Entscheidung, welche weiterführende Schule die richtige ist, einig ist. Schwierig wird's da, wo es quasi auf Messers Schneide steht, für welche Schule die Empfehlung seitens der Grundschule ausgesprochen wird. Hier hielte ich eine möglichst frühzeitige Kontaktaufnahme zwischen Grundschule und Eltern für wünschenswert. Dort könnten dann das Für und Wider zwischen Lehrern und Eltern besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Vielleicht sollte man in einem solchen Fall (nach einem beratenden Gespräch) dann den Eltern freistellen, die Entscheidung zu treffen.
DJ Doena 14.12.2005
2.
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
Silvia, 14.12.2005
3.
---Zitat von DJ Doena--- Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird. ---Zitatende--- In Niedersachsen fällt die Entscheidung zum Ende des 4. Schuljahres. Die Empfehlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche stützen: - Noten - Arbeitsverhalten (Mitarbeit, Konzentrationsfähigkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt) - Denkvermögen (Reproduktion, Anwendung, Übertragung, Komplexität von Zusammenhängen) Diese Dinge weiß man am Ende des 4. Schuljahres normalerweise. Die Noten allein sollten nicht ausschlaggebend sein. Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. Dass die Eltern entscheiden, halte ich gerade in Zweifelsfällen für richtig. Das kann man als Lehrer kaum richtig machen. Nicht alle Kinder zeigen am Ende des 4. Schuljahres eindeutige Tendenzen. Wohin sich dann ein Kind entwickelt, ist oft reine Kaffeesatzleserei und hängt von zig Dingen ab, nicht zuletzt und vor allem von der Unterstützung des Elternhauses.
trabajador5, 14.12.2005
4.
---Zitat von Silvia--- Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. . ---Zitatende--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
trabajador5, 14.12.2005
5.
---Zitat von trabajador5--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten. ---Zitatende--- in dem zusammenhang fällte mir ein beispiel ein, welches vor kurzem im fernsehen gezeigt wurde. da gabe es einen, der mit 2 fingern schneller und fehlerfreier mit der tastatur schreiben konnte, als alle anderen mit dem an der schule verlangten 10-finger-system. der ist dann durch die prüfung gefallen, weil er der lehrerin nicht gehorcht hat und das richtige sytem angewendet hat. das ist bezeichnend für die prioritäten des deutschen "erziehungswesens".
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