Füller reloaded Schottische Schüler schieben Schönschrift-Schichten

Es gibt sie noch, die guten Dinge. Den Füllfederhalter zum Beispiel - damit will eine schottische Privatschule die Kulturtechnik der Handschrift retten, bevor SMS und E-Mail sie ganz verdrängen. Für die Schüler heißt das: üben, üben, üben. Und nicht klecksen.


Edinburgh - Wenn Schulleiter Bryan Lewis vom Füller spricht, klingt es wie eine Liebeserklärung: Das Schreiben mit dem Füller sei kunstvoll, es erfordere mehr Sorgfalt, kurble so die schulischen Leistungen an und stärke das Selbstwertgefühl der Kinder. "Ich finde, Füllfederhalter sind alles andere als altmodisch. Moderne Füller sind wunderbar in der Handhabung; es ist nicht wie in den alten Tagen der gebrochenen Federn und des Schmierens", schwärmt Lewis.

Old School: Schönschrift stat Sauklaue
DDP

Old School: Schönschrift stat Sauklaue

Das scheinbar magische Schreibgerät passt zur Mary Erskine and Stewarts Melville Junior School. Sie ist zwar auch mit Computern gut ausgestattet, aber an die Privatschule im schottischen Edinburgh würden sogar Tintenfässer und echte Federn passen - nebst Harry Potter und fliegenden Besen. Ab dem Alter von sieben sollen die Schüler sich langsam an den Füller gewöhnen und als Fünftklässler mit neun Jahren nur noch dann andere Schreibgeräte benutzen, wenn es wirklich "angemessen" ist. Eine solche Ausnahme ist der Matheunterricht. Hier sind Bleistifte erlaubt.

"Wir reden zwar von der papierlosen Büro und der papierlosen Welt, aber man wird immer einwandfreie Handschreibfähigkeiten benötigen", predigt Bryan Lewis. Und das ist nach seiner Auffassung mit einem profanen Kuli oder Bleistift nicht möglich.

Back to basics, lernen auch die Lehrer

Hinter der Kunst des Schreibens mit einem handelsüblichen Füller steckt wohl doch mehr, als der Laie annimmt. Neue Lehrer der Privatschule müssen sogar einen Kurs im Umgang mit der pädagogischen Wunderwaffe belegen, bevor sie auf die Schüler losgelassen werden. Schuld seien die modernen Unterrichtsmethoden der siebziger und achtziger Jahre, sagte Lewis der Zeitung "Sunday Times" - die jungen Lehrer hätten einfach selbst nicht gelernt, ordentlich zu schreiben.

Und die Schüler könnten es nicht mehr, weil sie lieber munter SMS und E-Mails tippten, als zu schreiben. Das beklagte auch die Scottish Qualifications Authority, eine Koordinationsstelle für Bildung in Schottland. Die Einrichtung habe bei Prüfungen zunehmend Schwierigkeiten, die Handschrift von Uni-Bewerbern zu entziffern.

Schüler mit Sauklaue? Kommen Bryan Lewis nicht mehr ins Haus. Seine Privatschüler sollen fortan einen besseren Eindruck hinterlassen. Im Schulgeld von umgerechnet knapp 9800 Euro pro Jahr ist ein eigens von der Schule entwickelter Schreibstil inklusive. Schulleiter Lewis: "Wir haben einen Weg gefunden, wie sowohl Rechts- als auch Linkshänder schreiben können, ohne zu klecksen."

Und wenn's mal nicht so klappt, schlägt die große Stunde einer anderen in die Jahre gekommenen Erfindung - des guten alten Löschblatts.

smv/Reuters/AP



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