Erkenntnisse einer Lehrerin Du sollst keine Klassenregeln aufstellen

Keine Drogen, pünktlich sein, nicht essen: Gemeinsame Regeln für eine Schulklasse aufzuschreiben, ist einfach. Schwierig wird es, wenn man dann nur noch damit beschäftigt ist, Sanktionen zu verhängen.

Schüler beim Lernen
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Schüler beim Lernen

Von Frau Freitag


Zum Autor
    Frau Freitag (Jahrgang 1968) unterrichtet seit mehr als zehn Jahren Englisch und Kunst. Über ihre Erlebnisse als Lehrerin hat sie mehrere Bücher geschrieben. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Sie lebt in einer deutschen Großstadt.
"Frau Freitag, du unterrichtest doch Kunst, oder?", fragt die neue Kollegin, und ich nicke.

"Hast du vielleicht so ein großes Plakat für mich?"

"Ja, klar. Was willst du denn machen?"

"Wir erarbeiten heute Klassenregeln."

Ich gebe ihr eine große gelbe Pappe. "Hier. Viel Glück damit."

Wir erarbeiten Klassenregeln. Ha! In jedem Fachbuch steht, dass die Schüler Regeln, die sie selbst aufgestellt haben, auch einhalten. Nun: Die einen sagen so, die anderen sagen so.

Welche Art von Regeln sollen eigentlich aufgestellt werden? Ich habe das schon so oft ausprobiert: Wir melden uns im Unterricht, wir werfen keine Gegenstände durch die Klasse, niemand möchte ausgegrenzt werden…, und vielleicht liegt es an mir, aber ein Plakat mit Klassenregeln ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Schüler sind geübt im Formulieren von Regeln. Sie aufzuschreiben, ist nicht schwer. Sie einzuhalten, das ist die große Kunst. Regeln, die eigentlich selbstverständlich sind, gehören meiner Meinung nach nicht an die Wand eines Klassenzimmers. Dazu zählt, dass man pünktlich im Unterricht ist, das Eigentum seiner Mitschüler achtet und den Unterricht nicht stört. Die meisten Regeln sind entweder schon in der Schul- oder Hausordnung oder im Schulgesetz formuliert. Man schreibt auch nicht auf, dass man keine Drogen oder Waffen mit in den Unterricht bringt. Das versteht sich von selbst. Es sollte auch selbstverständlich sein, dass man seinen Mitmenschen zuhört, sie nicht beleidigt oder mobbt. Trotzdem finden sich solche Verhaltenspostulate immer wieder in Klassenregeln.

Deine eigenen Regeln im Kopf

Die Regeln, die dir in deinem Unterricht persönlich wichtig sind, musst du nicht aufschreiben, denn die hast du im Kopf. Auf die Einhaltung dieser Regeln musst du sowieso alleine achten. Die meisten dieser Regeln betreffen auch mehr deine eigenen Befindlichkeiten und tragen nicht zwangsläufig zum Gelingen des Unterrichts bei. Man kann ja auch Unterricht machen, wenn jemand die Jacke anhat und die Tasche auf dem Tisch liegt.

Lässt man Schüler eigene Regeln formulieren, dann schreiben sie: Du darfst nicht im Unterricht essen! Du darfst nicht den Unterricht stören. Du darfst nicht kippeln und so weiter. In der Fachliteratur wird allerdings immer auf eine Positivformulierung gedrängt: Wir achten das Eigentum unserer Mitschüler. Wir hören einander zu und so fort. Warum man das so machen soll, weiß ich eigentlich nicht. Vielleicht, weil eine positiv formulierte Verhaltensanweisung irgendwie besser und wirkungsvoller sein soll als ein Verbot. Ein Verbot positiv zu formulieren ist gar nicht so einfach. Leichter fällt es den Schülern dagegen, sich äußerst drakonische Strafen für die Nichteinhaltung der Regeln auszudenken. Strafarbeiten, Nachsitzen, Anrufe bei den Eltern etc.

Wenn man mit seiner Klasse Regeln aufgestellt hat, ist man als Klassenlehrer zunächst erleichtert, hängt sie an die Wand und freut sich. Das wäre geschafft. Und ich will den Lehrer sehen, der nicht denkt, dass die Schüler sich von diesem Moment an automatisch gut benehmen werden. Weil man sich ja nicht dauernd sieht, erhalte ich immer wieder Zettel von Klassenlehrern, die schwierige 7. Klassen haben. Auf den Zetteln in meinem Fach steht dann, dass es in ihrer Gruppe jetzt folgende Regeln gibt, auf deren Einhaltung auch alle Fachlehrer achten sollen.

Okay, die Klasse hat Klassenregeln, aber was passiert dann? Dann geht es darum, dass diese Regeln auch eingehalten werden, und das ist schwer. Störendes Verhalten gewöhnt man sich nicht einfach ab, nur weil es als positive Formulierung auf einem gelben Plakat steht. Vielleicht erleichtern die Regeln den Umgang mit Unterrichtsstörungen, denn der Lehrer kann auf das Plakat zeigen und den Schüler fragen: "Gegen welche Regeln hast du gerade verstoßen?" Daraufhin kann der Schüler antworten: "Wir sind nett zu unseren Mitschülern." Da zeigt sich die Krux der Positivformulierung. Ich beleidige meine Mitschüler nicht ist doch irgendwie deutlicher als Ich bin nett zu meinen Mitschülern. Wie ist das denn eigentlich bei den Zehn Geboten: Du sollst nicht töten leuchtet mir jedenfalls mehr ein als Ich lasse alle Menschen am Leben. Vielleicht sollte man sogar noch deutlicher werden und schreiben: Kein Schüler möchte Hurensohn genannt werden. Wobei man dann natürlich sehr viele, sehr spezifische Regeln ausformulieren müsste.

Wir haben genug Regeln

Ich glaube, das Problem ist nicht die Formulierung und Fixierung von Klassenregeln, sondern die unglaublich schwierige Zeit danach, wenn man ständig darauf achtet, welche Regel wieder verletzt wurde, und man nur noch damit beschäftigt ist, Sanktionen zu verhängen. Jeder Schüler wird dann zum Regelpolizisten. Diese Zeit habe ich immer als sehr unangenehm empfunden. Wenn man eine Klasse ein paar Monate oder Jahre unterrichtet, rauft man sich mit den Schülern irgendwann sowieso zusammen. Aber das dauert eben.

Heißt das jetzt, dass man keine Regeln braucht? Nein. Es heißt, dass wir ohnehin schon Regeln haben und die Schüler diese Regeln auch kennen. Es ist selbstverständlich, dass niemand beleidigt werden möchte. Es ist doch klar, dass man niemanden mobben, schlagen oder auslachen soll. Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand. Über den verfügen auch die Schüler. Die meisten jedenfalls.

Wenn gegen diese allgemein bekannten Regeln verstoßen wird, dann gibt es Sanktionen. Welche das sind, hängt von der Art des Verstoßes ab. Große Vergehen wie körperliche Gewalt gegen Mitschüler werden über Klassenkonferenzen geregelt und können Suspendierungen nach sich ziehen. Bei kleineren Verstößen wie ständigem Quatschen während des Unterrichts oder heimlichem Chipsessen in der Stunde entscheidet der Lehrer in der Regel selbst, wie er damit umgeht - oft auch in Absprache mit dem Klassenlehrer.

Wie jeder Einzelne reagiert, wenn die ihm besonders wichtigen Regeln (Mützen im Unterricht) verletzt werden, liegt ebenfalls im eigenen Ermessen. Generell gilt: Je klarer du bist und je konsequenter du auf die Einhaltung pochst, desto eher werden die Schüler sich den persönlichen Marotten von dir fügen. Aber das schriftliche Fixieren von Verhaltensanweisungen reicht leider nicht. Bei mir zumindest nicht.

Die Klassenregeln meiner ersten Klasse hängen immer noch laminiert über der Tafel. Wir haben die Regeln gemeinsam aufgestellt, ich habe sie abgetippt, ausgedruckt, laminiert und aufgehängt. Jeder Schüler hat mit einer Unterschrift bestätigt, dass er die Regeln verstanden hat und sich entsprechend verhalten will. Haben sie das geschafft? Nein. Vielleicht machen andere Lehrer bessere Erfahrungen als ich, aber meiner Meinung nach ist es ein sehr langwieriger und mühsamer Prozess, ein gutes Klassen- und Unterrichtsklima herzustellen.

Ich wollte die laminierten Regeln vor einigen Jahren von der Wand nehmen. Weil der Kleber dabei die Wandfarbe ablöste, habe ich sie einfach hängen lassen. Vielleicht gibt es jetzt immer mal wieder einen Schüler, der sich in meinem Englischunterricht gelangweilt darüber Gedanken macht, was das eigentlich bedeuten soll, dass wir darauf achten, dass sich jeder Schüler in unserer Klasse wohlfühlt.

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
fördeanwohner 01.04.2016
1. -
Genau so ist es! Und wer behauptet, bei ihm würden die Regeln an der Wand helfen, der möchte entweder keine Schwächen offenbaren oder hat eine ganz liebe Klasse (gibt es ja auch;-)).
CancunMM 01.04.2016
2.
ich glaube eben nicht, dass die schüler die regeln kennen. von wem sollen sie die denn haben ? von vielen eltern werden die ja nicht vorgelebt. wenn man jahrzehnte werte des zusammenlebens als spiessig und reaktionär ablehnt muss man sich nicht wundern wenn sie auch keiner mehr beachtet.
d15 01.04.2016
3. Falsch
"Je klarer du bist und je konsequenter du auf die Einhaltung pochst, desto eher werden die Schüler sich den persönlichen Marotten von dir fügen." Als Schüler kann ich Ihnen versichern, dass sie dann in den Pausen beschimpft werden. Außerdem was Störer betrifft einfach in die letzte Reihe setzen. So leidet wenigstens nicht Der Rest darunter. Versuchen Sie erst gar nicht die nach vorne zu setzen. Dann müssen die, die was lernen wollen nach hinten und kriegen wegen der Lautstärke nichts mehr mit.
grumpy53 01.04.2016
4. Klassenregeln
Vielleicht ist ja der wahre Wert von Klassenregeln darin zu sehen, dass man gemeinsam erkennt, es sind welche nötig oder wenigstens sinnvoll. Und die gemeinsame Diskussion über gemeinsame? Werte an sich erhellt zumindest während des Prozesses den ein oder anderen darüber, was nicht geht und warum nicht. Eine humane Gesellschaft kann ohne Regeln und gemeinsame Werte nicht wirklich funktionieren, auch wenn es leider oft Verstöße dagegen gibt- und auch Regeln immer wieder der Überprüfung, der Entwicklung und der gemeinsamen Vereinbarung bedürfen. Ein Allheilmittel sind sie nicht. Und was die an der Wand festgeklebten Regeln betrifft, und den erwähnten langweiligen Englischunterricht: Steilvorlage, mit den Schülern auf englisch über Werte und Regeln zu diskutieren (det übt unjemein) und vielleicht spaßeshalber mal dazu die Regeln an englischen Schulen dagegen zu stellen. Dort ist das Regelwerk ungleich größer (siehe Kleiderordnung), es gibt Schulen, an den Tätowierungen, Piercings, falsche Fingernägel, gefärbte Haare, auffälliges Makeup und teurer Schmuck verboten sind. Das kann man nun für erzkonservativ oder diktatorisch halten, aber auch solche Regeln wurden mit Schülern und Eltern gemeinsam erarbeitet. Schönes Thema für eine Englischarbeit, worin unterscheiden sich Schulregeln in verschiedenen Ländern, warum, und was hält man selbst davon. Und schon ist das Thema lebendig.
le_motz 01.04.2016
5. Und nun?
"Aber das schriftliche Fixieren von Verhaltensanweisungen reicht leider nicht." Stimmt. Wer hätte das denn aber ernsthaft erwartet? Klassenregeln können ein Baustein unter mehreren sein. "...aber meiner Meinung nach ist es ein sehr langwieriger und mühsamer Prozess, ein gutes Klassen- und Unterrichtsklima herzustellen." Stimmt auch. Es gibt aber keine Alternative zu dieser Arbeit. Man nennt sie auch Erziehung. Liebe Kollegin, das ist oberflächliches Gejammer. Sie verfestigen damit leider weiter das recht ramponierte Bild unseres Berufsstandes in der Öffentlichkeit anstatt sich differenziert mit dem interessanten Thema auseinanderzusetzen.
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