Erkenntnisse einer Lehrerin Nett sein bringt nichts

"Seid doch bitte mal kurz ruhig." Wer so mit seinen Schülern spricht, hat schon verloren, sagt Frau Freitag. Die Lehrerin hat gelernt: Nur wer Regeln durchsetzt, wird respektiert.
"Du musst deine Regeln durchsetzen"

"Du musst deine Regeln durchsetzen"

Foto: Franziska Kraufmann/ picture alliance / dpa
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Frau Freitag (Jahrgang 1968) unterrichtet seit mehr als zehn Jahren Englisch und Kunst. Über ihre Erlebnisse als Lehrerin hat sie mehrere Bücher geschrieben. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Sie lebt in einer deutschen Großstadt.

Hofaufsicht. Ich latsche in Zeitlupe über den Hof. Zwei ältere Schüler vor mir.

Der eine sagt: "Wie findest du die Neue?"

"Frau Schmidt?", fragt der andere. Der erste nickt. "Sie ist übertrieben nett. Und sie lächelt immer."

"Ja, warte noch drei Wochen, dann zeigt sie ihr wahres Gesicht."

Warte noch drei Wochen, dann zeigt sie ihr wahres Gesicht. Damals fragte ich mich, was das heißen soll. Natürlich ist man als neuer Lehrer nett. Warum auch nicht? Ich war auch immer nett. Wenn die Kollegen sagten: "Erst mal die Zügel hart anziehen", dann dachte ich: Ach, was wissen die denn schon? Ich will nett sein. Aber was bedeutet das, nett zu sein?

Mein Nettsein sah so aus, dass ich mich in den ersten Stunden im Referendariat gar nicht durchsetzen konnte. Ich schaute zu, wie die Schüler permanent miteinander redeten. Ich kam damals gar nicht auf die Idee, dass ich Schüler auseinander setzen könnte.

Weil ich nichts gegen die störenden Unterhaltungen unternahm, fingen andere Schüler auch an zu quatschen. Denn die Klasse sah ja, dass ich das Quatschen im Unterricht nicht sanktionierte. Ich tat auch nichts dagegen, wenn sie ihr Essen rausholten oder sonst wie störten. Wenn sie aufstanden, um etwas in den Papierkorb zu schmeißen, sagte ich vielleicht: "Das hättest du auch am Ende der Stunde machen können."

Es wurde immer chaotischer in meinem Unterricht.

Und zwar nicht, weil ich das gut fand. Zum einen lag es daran, dass ich nicht meckern wollte, zum anderen aber auch, dass ich gar nicht wusste, was ich gegen Störungen machen sollte. Ich sagte Sachen wie:

"Seid doch bitte mal kurz ruhig, ich will euch die Aufgabe erklären."

"Kannst du bitte kurz aufhören zu quatschen? Die anderen können gar nicht hören, was ich hier vorne erkläre."

"Okay, dann geh schnell auf die Toilette, aber nächstes Mal bitte in der Pause."

Nach außen hin blieb ich ruhig, obwohl ich innerlich kochte. Jede Stunde wurde ich wütender. Warum stören die permanent den Unterricht? Ich bin doch nett. Warum machen die trotzdem nicht, was ich will? Dann fingen die Schüler an, so Sachen zu sagen wie "Sie müssen strenger sein!" oder "Sie sind viel zu nett". Ich verstand die Welt nicht mehr. Wollten die Schüler etwa, dass ich sie anmeckere und ihnen Strafarbeiten aufgebe?

Es wurde immer schlimmer. Irgendwann konnte ich nicht mehr und schrie die Klasse an. Ich schrie und drohte und fühlte mich dabei total schlecht. Werde ich jetzt so eine Lehrerin, die immer schreien muss?

"Warte noch drei Wochen, dann zeigt sie ihr wahres Gesicht."

War das mein wahres Gesicht? Die meckernde, herumschreiende Lehrerin? Damals habe ich nicht verstanden, dass die Schüler wollten, dass ich mich durchsetze und der Chef im Unterricht bin.

"Sie müssen strenger sein" heißt nichts anderes, als konsequent zu sein. Wenn einer quatscht, dann unterbinde das! Wenn du etwas androhst, dann musst du das auch durchsetzen!

Wie oft habe ich in meiner Schreizeit gesagt, dass ich zu Hause anrufen würde - und es dann doch nicht gemacht. "Wenn ihr nicht ruhig seid, arbeiten wir in der großen Pause weiter." Und dann habe ich die Schüler doch beim Klingeln gehen lassen.

Was schreiben Ihre Schüler so?

Sind Sie Lehrer? Haben auch Ihre Schüler schon Stilblüten oder unfreiwillige Witze verzapft?

Haben Kinder - oder deren Eltern - unverschämte oder lustige Ausreden präsentiert, warum sie zu spät bzw. gar nicht zur Schule kommen können oder eine Aufgabe nicht erledigt haben?

Haben Schüler besonders dreist oder skurril geschummelt?

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Aber selbst wenn man schon von Anfang an weiß, dass man konsequent sein sollte, ich hätte gar nicht gewusst, was ich gegen die Unterrichtsstörungen hätte tun können. Ich wusste ja noch nicht mal genau, was mich eigentlich stört.

Mit der Zeit findet man heraus, wo die eigenen Prioritäten liegen. Ich kann Kaugummi kauende Schüler ertragen, aber nicht, wenn mir jemand mit Handschuhen und Daunenjacke gegenübersitzt. Ich will nicht, dass sich meine Schüler gegenseitig beleidigen. Bei mir müssen die Tische gerade stehen, und auf den Tischen dürfen keine Taschen liegen. Aber woher sollen die Schüler das wissen?

Es gibt Regeln in der Schule, die jeder Schüler kennt: Man soll nicht im Unterricht mit dem Nachbarn quatschen, nicht kippeln und pünktlich kommen. Aber dann gibt es noch die Regeln, auf die jeder einzelne Lehrer Wert legt - und die können sehr unterschiedlich sein. Du musst für dich möglichst schnell herausfinden, was dir wichtig ist. Das ist eigentlich nicht so schwer. Du merkst ja schnell, was dich persönlich besonders stört.

Und dann musst du anfangen, deine Regeln durchzusetzen. Nicht alle auf einmal, aber vielleicht in jeder Stunde ein paar mehr. Irgendwann gehst du in eine neue Gruppe und weißt genau, was dir wichtig ist. Du sagst es den Schülern gleich am Anfang und achtest in den ersten Stunden besonders auf die Einhaltung dieser Regeln.

Das wird nicht leicht, aber es ist besser, in den ersten Stunden konsequenter zu sein, als alles durchgehen zu lassen und dann nach drei Wochen unter wildem Geschrei alles auf einmal einzufordern. Die Schüler erwarten, dass du sagst, wo es langgeht und wo sich die Sackgassen befinden.

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Foto: Ullstein extra
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