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11. März 2017, 09:43 Uhr

Kinder aus Fukushima

"Sie haben mich wie eine Bazille behandelt"

Zehntausende Menschen sind nach der Atomkatastrophe 2011 aus Fukushima geflohen. Ihre Kinder gehen nun woanders zur Schule. Und dort werden sie häufig gemobbt.

"Strahlung! Peng, peng!" Zwei Jungen hätten ihre Tochter an der neuen Schule in Tokio immer wieder gehänselt, mit zu Pistolen geformten Fingern auf sie gezeigt und ihr gesagt, sie sei doch verstrahlt.

So schildert eine japanische Mutter das Mobbing, das ihre Tochter nach der Atomkatastrophe in ihrer Heimatpräfektur Fukushima erlebte, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Familie war nach dem Tsunami, der am 11. März 2011 ein Kernkraftwerk in Fukushima zerstört hatte, aus ihrer Heimatstadt Iwaki weggezogen. Doch den sozialen Folgen, die die Strahlung mit sich brachte, entkam sie nicht. Ihre Tochter habe wegen des Mobbings über Kopfschmerzen geklagt, Gewicht verloren und schließlich die Schule gewechselt, erzählt die Mutter. "Dass sie 'verstrahlt' genannt wurde, hat ihr sehr wehgetan."

In den vergangenen Jahren haben Bewohner aus Fukushima immer wieder von Diskriminierungen berichtet - ähnlich derer, die Überlebende der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki vor mehr als 70 Jahren erlebten. Diese hatten häufig Probleme, Jobs und Ehepartner zu finden - aufgrund der verbreiteten Angst, Strahlung könne ansteckend sein und zu Missgeburten führen.

Die Vorurteile sind nicht verschwunden: Im Februar ergab eine Umfrage der Zeitung "Asahi" unter 184 Menschen aus Fukushima, die nach der Katastrophe evakuiert wurden, dass zwei Drittel von ihnen Mobbing oder Diskriminierungen erlebt oder davon in ihrem Bekanntenkreis gehört hätten. Rund 80.000 Menschen sind seit 2011 nicht wieder in ihre Heimatorte zurückgezogen.

Ein besonders krasses Beispiel zeigt, dass sich viele Opfer im Stich gelassen fühlen: An einer Schule in Yokohama hatten Mitschüler einen Jungen drangsaliert, der vor sechs Jahren aus Fukushima weggezogen war.

Zahlreichen Medienberichten zufolge traten und schlugen sie den heute 14-Jährigen, nannten ihn "verseucht" und verlangten von ihm einen Teil der Entschädigung, die seine Familie nach der Katastrophe bekommen haben soll.

Der Junge stahl Geld von seinen Eltern und gab seinen Mitschülern eineinhalb Millionen Yen (umgerechnet rund 12.000 Euro), um sich von weiterem Mobbing freizukaufen. Er habe mehrfach überlegt, sich das Leben zu nehmen, berichtet Reuters. "Sie haben mich wegen der Strahlung wie eine Bazille behandelt."

Mitte Februar entschuldigte sich das Schulamt der Stadt Yokohama nach heftiger Kritik dafür, den Fall nicht ernst genug genommen zu haben. Man habe versäumt, "auf das Leiden des Kindes voll zu reagieren", sagte die Leiterin der Schulbehörde auf einer Pressekonferenz.

Eine Regierungskommission hatte kurz zuvor darauf gedrängt, Kinder aus Fukushima besser vor Mobbing zu schützen. Sie mahnte bessere psychologische Betreuung an den Schulen und ein größeres Bewusstsein unter Lehrern an, sich mit den psychischen Auswirkungen der Katastrophe auf ihre Schüler auseinanderzusetzen.

Mobbing ist seit Langem als großes soziales Problem in dem ostasiatischen Land erkannt. Den Druck, sich in die Gesellschaft einzufügen, spüren auch Kinder. "Evakuierte aus Fukushima werden schnell als 'anders' wahrgenommen. Das macht sie anfällig für Hänseleien", sagte Yuya Kamoshita, der sich für die Interessen der Vertriebenen einsetzt.

Die Mutter aus Iwaki fürchtet, dass die Diskriminierungen, unter denen ihre Tochter litt, weitergehen: "Kinder aus Fukushima finden vielleicht niemanden, der sie heiratet", sagt sie. "Ich glaube, diese Angst wird meine Tochter stets begleiten."

lov/Reuters

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