Kinder aus Fukushima "Sie haben mich wie eine Bazille behandelt"

Zehntausende Menschen sind nach der Atomkatastrophe 2011 aus Fukushima geflohen. Ihre Kinder gehen nun woanders zur Schule. Und dort werden sie häufig gemobbt.

Gedenkminute für die Opfer des Tsunami an einer Grundschule in Tokio
REUTERS

Gedenkminute für die Opfer des Tsunami an einer Grundschule in Tokio


"Strahlung! Peng, peng!" Zwei Jungen hätten ihre Tochter an der neuen Schule in Tokio immer wieder gehänselt, mit zu Pistolen geformten Fingern auf sie gezeigt und ihr gesagt, sie sei doch verstrahlt.

So schildert eine japanische Mutter das Mobbing, das ihre Tochter nach der Atomkatastrophe in ihrer Heimatpräfektur Fukushima erlebte, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Familie war nach dem Tsunami, der am 11. März 2011 ein Kernkraftwerk in Fukushima zerstört hatte, aus ihrer Heimatstadt Iwaki weggezogen. Doch den sozialen Folgen, die die Strahlung mit sich brachte, entkam sie nicht. Ihre Tochter habe wegen des Mobbings über Kopfschmerzen geklagt, Gewicht verloren und schließlich die Schule gewechselt, erzählt die Mutter. "Dass sie 'verstrahlt' genannt wurde, hat ihr sehr wehgetan."

In den vergangenen Jahren haben Bewohner aus Fukushima immer wieder von Diskriminierungen berichtet - ähnlich derer, die Überlebende der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki vor mehr als 70 Jahren erlebten. Diese hatten häufig Probleme, Jobs und Ehepartner zu finden - aufgrund der verbreiteten Angst, Strahlung könne ansteckend sein und zu Missgeburten führen.

Die Vorurteile sind nicht verschwunden: Im Februar ergab eine Umfrage der Zeitung "Asahi" unter 184 Menschen aus Fukushima, die nach der Katastrophe evakuiert wurden, dass zwei Drittel von ihnen Mobbing oder Diskriminierungen erlebt oder davon in ihrem Bekanntenkreis gehört hätten. Rund 80.000 Menschen sind seit 2011 nicht wieder in ihre Heimatorte zurückgezogen.

Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan
SPIEGEL ONLINE

Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan

Ein besonders krasses Beispiel zeigt, dass sich viele Opfer im Stich gelassen fühlen: An einer Schule in Yokohama hatten Mitschüler einen Jungen drangsaliert, der vor sechs Jahren aus Fukushima weggezogen war.

Zahlreichen Medienberichten zufolge traten und schlugen sie den heute 14-Jährigen, nannten ihn "verseucht" und verlangten von ihm einen Teil der Entschädigung, die seine Familie nach der Katastrophe bekommen haben soll.

Der Junge stahl Geld von seinen Eltern und gab seinen Mitschülern eineinhalb Millionen Yen (umgerechnet rund 12.000 Euro), um sich von weiterem Mobbing freizukaufen. Er habe mehrfach überlegt, sich das Leben zu nehmen, berichtet Reuters. "Sie haben mich wegen der Strahlung wie eine Bazille behandelt."

Mitte Februar entschuldigte sich das Schulamt der Stadt Yokohama nach heftiger Kritik dafür, den Fall nicht ernst genug genommen zu haben. Man habe versäumt, "auf das Leiden des Kindes voll zu reagieren", sagte die Leiterin der Schulbehörde auf einer Pressekonferenz.

Eine Regierungskommission hatte kurz zuvor darauf gedrängt, Kinder aus Fukushima besser vor Mobbing zu schützen. Sie mahnte bessere psychologische Betreuung an den Schulen und ein größeres Bewusstsein unter Lehrern an, sich mit den psychischen Auswirkungen der Katastrophe auf ihre Schüler auseinanderzusetzen.

Yuya Kamoshita
REUTERS

Yuya Kamoshita

Mobbing ist seit Langem als großes soziales Problem in dem ostasiatischen Land erkannt. Den Druck, sich in die Gesellschaft einzufügen, spüren auch Kinder. "Evakuierte aus Fukushima werden schnell als 'anders' wahrgenommen. Das macht sie anfällig für Hänseleien", sagte Yuya Kamoshita, der sich für die Interessen der Vertriebenen einsetzt.

Die Mutter aus Iwaki fürchtet, dass die Diskriminierungen, unter denen ihre Tochter litt, weitergehen: "Kinder aus Fukushima finden vielleicht niemanden, der sie heiratet", sagt sie. "Ich glaube, diese Angst wird meine Tochter stets begleiten."

lov/Reuters

insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
zeisig 11.03.2017
1. Kinder verhalten sich oft unsozial.
Ich wundere mich immer wieder, wie gemein und unsozial Kinder oft sein können. Da wird gemobbt was das Zeug hält. Oder Tierquälerei, auch eher bei Kindern und Heranwachsenden üblich als bei Erwachsenen. Das ist in Japan nicht anders als auf dem Rest der Welt.
Tr1ple 11.03.2017
2. In Japan ist Mobbing an der Tagesordnung
Japan hat eine Kultur des Klatsches und der Gerüchte. Am schlimmsten sind die Hausfrauen die entweder Tigermom sind oder Helikoptermom. Nein mein kind ist ein Engel! Dabei sind japanische Kinder viel mehr verwöhnt als deutsche Kinder. Sie schlafen auch noch lange bei Mami. Alles selbst erlebt. Also wenn ein Nerd überlegt nach Japan zu gehen vergesst es! Ihr werdet genau so fertig gemacht wie in Deutschland. Ich sehe viele Europäer nerds die wegen anime kommen und dann meist erst spät merken wie schlecht es ihnen gehen kann.
danduin 11.03.2017
3. Wenig Mitleid für Japan
Nach 2 Atombomben und Fukushima auf einer für Erdbeben bekannten Region, will man immer noch Atommeiler bauen, anstatt auf grüne Energie zu setzen. Und am besten noch in Bevölkerungsdichten Regionen bauen. Die haben den Ozean vor der Tür, ideale Bedingungen um Energie aus seiner Umgebung zu entnehmen.
M. Vikings 11.03.2017
4. Wenn Kinder derartig mobben stecken die Erwachsenen dahinter.
Zitat von zeisigIch wundere mich immer wieder, wie gemein und unsozial Kinder oft sein können. Da wird gemobbt was das Zeug hält. Oder Tierquälerei, auch eher bei Kindern und Heranwachsenden üblich als bei Erwachsenen. Das ist in Japan nicht anders als auf dem Rest der Welt.
Da wird dann nur der Unsinn in die Schule getragen, den die Eltern zuhause von sich geben.
felisconcolor 11.03.2017
5. Schade
Zitat von danduinNach 2 Atombomben und Fukushima auf einer für Erdbeben bekannten Region, will man immer noch Atommeiler bauen, anstatt auf grüne Energie zu setzen. Und am besten noch in Bevölkerungsdichten Regionen bauen. Die haben den Ozean vor der Tür, ideale Bedingungen um Energie aus seiner Umgebung zu entnehmen.
das sie so wenig Ahnung von Japan haben. Wie das mit grüner Energie funktioniert (oder eben nicht) sehen wir hier in Deutschland. Und wir haben günstigen Zugang zu fossilen Energien (als Ausgleich). Japan hat das nicht. Die Kernkraftwerke stehen nicht in Bevölkerungsdichten Gebieten. Es ist interessant wie dünn besiedelt das Land eigentlich ist. Allein in der Präfektur Tokio leben ein Drittel der Bevölkerung Japans. Und zeigen sie mir ein Projekt welches nennenswert Energie aus dem Ozean gewinnt. Googeln sie bitte vorher nach dem Energiebedarf Japans um zu merken welche Größenordnungen sie stemmen müssen. In japan hat übrigens noch kein Erdbeben zu einem Schaden in einem Kernkraftwerk geführt.
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