Lese- und Schreibschwäche "Ich habe mich so geschämt"

Wie viele Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben? Forscher wollen am Dienstag neue Zahlen vorlegen. Bisher gingen sie von etwa 7,5 Millionen Betroffenen aus. Dimitra Gotter ist eine davon.

Dimitra Gotter
Caroline Mommsen

Dimitra Gotter

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Dimitra Gotter sollte am Herzen operiert werden, als sie entschied, dass mit der Heimlichtuerei Schluss sein müsse. Denn diesmal, so kam es ihr vor, ging es nicht nur um Scham. Es ging um ihr Leben. Eine Ärztin hatte ihr erklärt, dass ihre Herzklappe vielleicht nicht mehr richtig funktioniere, mit der OP müsse es schnell gehen. Als ihr ein Arzt dann auch noch die Hausordnung der Klinik vorlegte, die sie durchlesen sollte, platzte es aus ihr heraus: "Entschuldigung, ich kann nicht lesen."

Der Arzt habe sie fassungslos angeschaut. Dann habe er gesagt: "Ist auch nicht so wichtig." Erklärt oder vorgelesen habe er ihr die Hausordnung nicht. Gotters Stimme klingt frustriert am Telefon. Sie hatte sich mehr Verständnis erhofft. Immerhin: Die Operation blieb ihr erspart, die Herzklappe funktionierte noch. Das erklärte ihr eine Freundin. Lesen konnte Dimitra Gotter ihre Diagnose ja nicht.

Wenn Erwachsene nicht ausreichend lesen und schreiben können
Grundbildung/ Literalität
Die grundlegende Bezeichnung für die Fähigkeit, sich schriftlich verständigen zu können, wird als Literalität oder Grundbildung bezeichnet: Es geht um generelle Lese- und Schreibfähigkeit.
Funktionaler Analphabetismus
Hinter diesem Begriff verbergen sich Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Sie beherrschen zwar Buchstaben, Wörter oder sogar einzelne Sätze, haben jedoch Schwierigkeiten, einen längeren zusammenhängenden Text wie beispielsweise Briefe von Ämtern zu verstehen. Die Teilhabe am Alltag ist damit allenfalls sehr eingeschränkt möglich.
Wer ist betroffen?
Nach Daten von 2011 gelten rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland als funktionale Analphabeten. Mehr als die Hälfte der Betroffenen (57 Prozent) sind erwerbstätig, 58 Prozent sind deutsche Muttersprachler. Die Mehrheit sind Männer.

Gotter ist eine von Millionen Menschen bundesweit, denen das Lesen und Schreiben schwerfällt. Wie viele es genau sind, haben Forscher der Universität Hamburg ermittelt. An diesem Dienstag wollen sie ihre Studie vorstellen, für die sie mehr als 7000 Menschen bundesweit befragt haben.

Die Vorgängerstudie war 2011 zum Schluss gekommen, dass mehr als 14 Prozent der Bevölkerung als sogenannte funktionale Analphabeten gelten. Das heißt: Bundesweit können 7,5 Millionen Menschen Texte nicht so flüssig lesen und schreiben, dass sie am gesellschaftlichen Leben angemessen teilhaben können.

Biologische und soziale Faktoren

Die Erhebung hatte ergeben, dass vier von zehn funktionalen Analphabeten Deutsch nicht als ihre erste Sprache gelernt haben. Auch auf Dimitra Gotter trifft das zu. Sie ist gebürtige Griechin, seit 50 Jahren lebt die Rentnerin in Berlin.

In Griechenland besuchte sie nur gut zwei Jahre lang die Schule. Mit acht Jahren nahmen ihre Eltern sie zur Arbeit mit aufs Feld, mit 13 putzte und kochte sie als Dienstmädchen in fremden Häusern. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag stellte sie einen Antrag, um als Gastarbeiterin nach Deutschland kommen zu dürfen, weil sie hier mehr Geld verdienen konnte. Die Formulare dafür? Füllte ihr ein griechischer Beamter aus.

Hätte Gotter in ihrer Muttersprache lesen und schreiben gekonnt, hätte sie das vielleicht auch auf Deutsch gelernt. Denn es liegt in der Regel nicht allein an der fremden Herkunftssprache, wenn Menschen sich mit dem deutschen Alphabet schwertun. "Meist kommen verschiedene Faktoren zusammen", sagt Psychologieprofessor Jascha Rüsseler, der an der Universität Bamberg seit zehn Jahren zu Analphabetismus forscht.

  • Dabei geht es zum einen um biologische Faktoren: Betroffene Kinder können zum Beispiel ähnliche Laute wie b und p oder d und t nicht gut unterscheiden, weil ihr Hörsystem beeinträchtigt ist.
  • Hinzu kommen soziale Risiken: Eltern können beispielsweise selbst nicht gut lesen und schreiben, haben wenig Interesse am schulischen Erfolg ihrer Kinder oder sind mit deren Erziehung generell überfordert.
  • Belastende Erlebnisse wie eine Trennung oder eine schwere Krankheit in der Familie können dazu führen, dass Kinder im entscheidenden Alter nicht aufnahmefähig sind für das Lesen- und Schreibenlernen - und den Anschluss verpassen.
  • Schulische Fördermaßnahmen greifen zu kurz oder setzen zu spät an, so dass Kinder eine Abneigung gegen das Lesen und Schreiben entwickeln und sich folglich noch weniger darum bemühen, was das Problem verschärft.

"Ich habe mich so geschämt", sagt Gotter. Über die Jahre habe sie sich Ausreden für alle möglichen Situationen überlegt. "Das war extremer Stress für mich, ständig musste ich mir Gedanken machen." Mit Verbandszeug wickelte sie ihre unversehrte Hand ein und täuschte vor, wegen einer Schnittwunde nicht schreiben zu können. Sie sagte, sie beherrsche nur die griechischen Buchstaben, dabei stimmte auch das nicht. Oder sie suchte in ihrer Handtasche eine Brille, die sie eigentlich gar nicht brauchte.

Solche Ausflüchte kennt auch Achim Scholz. Seit mehr als 35 Jahren gibt er für die Volkshochschule in Oldenburg Alphabetisierungskurse und betreut eine Selbsthilfegruppe. "Manche verbergen ihr Defizit aus Scham sogar vor ihren Kindern und Partnern", sagt er.

Oft suchten sie sich erst Hilfe, so erzählt es Ralf Häder vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, wenn sich in ihrem Leben etwas verschiebt und sie plötzlich nicht mehr zurechtkommen: Ehepartner sterben oder ziehen aus, die bisher immer beim Lesen und Schreiben geholfen hatten, eine Beförderung im Job steht an oder die Kinder kommen in die Schule und brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben.

Erst als sich Gotter scheiden ließ, beschloss sie, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen. Ihr Mann, mit dem sie eine Textilreinigung betrieb, hatte sie darin nie unterstützt. Es reiche, wenn einer lesen und schreiben könne, habe er gesagt.

Auswendig zum Führerschein

Der Kurs fand nur einmal pro Woche abends statt. Gotter brach ihn trotzdem nach ein paar Abenden ab. Sie versuchte gerade, sich mit einer eigenen Änderungsschneiderei selbstständig zu machen. "Ich hatte zu viel um die Ohren", sagt sie. Einen zweiten Anlauf nahm sie nie. Irgendwie kam sie auch so durch. Den Führerschein schaffte sie, indem sie sich mühsam die Schriftbilder der richtigen Antworten einprägte.

Die Quote derer, die Unterricht nehmen, um besser lesen und schreiben zu lernen, ist gering. "Wir erreichen nur die Spitze des Eisbergs", sagt Verbandschef Häder. Im Jahr 2017 waren deutschlandweit 41.018 Menschen in Kursen der Volkshochschulen zur Alphabetisierung und Grundbildung eingeschrieben. Der größte Anbieter schult also nur gut ein halbes Prozent aller funktionalen Analphabeten. In den Jahren davor war der Anteil meist noch niedriger.

Mangelnde Zeit und große Scham sind zwei Gründe. Oft liegt es auch am Geld. Nach bisherigen Erkenntnissen sind nur knapp 57 Prozent aller funktionalen Analphabeten erwerbstätig. Wie viel Alphabetisierungskurse kosten und ob es kostenlose Angebote gibt, ist regional sehr unterschiedlich und hängt vom Engagement der einzelnen Bundesländer und Kommunen ab.

Weil die Länder für allgemeine Weiterbildung zuständig sind, hält sich der Bund bei der Finanzierung zurück. Das Bildungsministerium fördert Infokampagnen, Studien und die Entwicklung neuer Projekte zur Alphabetisierung bis 2026 mit durchschnittlich 18 Millionen Euro pro Jahr. Kursgebühren bezuschusst es nicht direkt. Auch die Jobcenter und die Arbeitsagenturen fördern offiziell keine Kurse, die grundlegende Bildung wie Lesen und Schreiben vermitteln sollen.

Ein mühsamer Weg

Wer es sich leisten kann und sich darauf einlässt, besser lesen und schreiben zu lernen, hat oft einen mühsamen Weg vor sich. Martin Sell aus Wuppertal hat über die Jahre mindestens fünf Kurse besucht. Der Lagerist kann nun die Lieferscheine, die er täglich abhaken muss, recht gut lesen. Aber er brauche dafür immer noch länger als seine Kollegen, sagt er.

Mindestens zwei Jahre lang sollten Betroffene mindestens zweimal wöchentlich einen Alphabetisierungskurs besuchen, um ihre Lese- und Schreibschwäche zu überwinden, rät Jascha Rüsseler von der Universität Bamberg. Damit dieser Prozess mehr Erwachsenen erspart bleibe, müssten Lehrkräfte besser ausgebildet werden. Wie man Kinder mit Lese- und Schreibproblemen angemessen unterrichte, komme in deren Ausbildung viel zu kurz. "Die wenigsten Lehrer sind dafür qualifiziert", sagt Rüsseler.

Für Martin Sell war Schule eine Qual, er schaffte keinen Abschluss. Der 44-Jährige wuchs bei Adoptiveltern auf, nachdem das Jugendamt ihn seinen leiblichen Eltern weggenommen hatte. "Erst viele Jahre später habe ich verstanden, dass es besser gewesen wäre, mich später einzuschulen", sagt er. "Ich war noch viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, ich konnte nicht einmal meinen Namen schreiben."

Das ganze Interview mit Martin Sell lesen Sie hier auf SPIEGEL Plus.

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