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20. März 2014, 18:05 Uhr

Abschied vom Turbo-Abi

Niedersachsen will Schüler entlasten

Die Proteste zeigen Erfolg: Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland zum Abitur nach 13 Jahren zurück. Jetzt gab Schulministerin Heiligenstadt erste Details bekannt und versprach Schülern und Eltern mehr Zeit "zum Lernen und zum Leben".

Niedersachsen kippt als erstes Bundesland das Turbo-Abitur: Am Donnerstag stellte die Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) nun erste Details für das "neue moderne Abitur nach 13 Jahren" vor. Im Mittelpunkt der Reform stünden "Entlastungen, weniger Stress und eine bessere Förderung von Schülerinnen und Schülern", teilte die Ministerin mit.

Die wichtigsten Änderungen im Überblick:

Wahlfreiheit: Leistungsstarke Schüler können weiterhin das Abitur nach zwölf Schuljahren machen, wenn sie wollen.

Weniger Wochenstunden: In den Jahrgängen 5 bis 13 wird die Pflichtstundenzahl auf maximal 30 pro Woche gesenkt.

Weniger Pflichtkurse: In der Oberstufe müssen die Schüler nun nicht mehr 36, sondern 32 Kurse verpflichtend belegen. Die Kurse fließen in die Abiturnote mit ein.

Weniger Klausuren: Die Zahl der Klausuren werde "deutlich reduziert", teilt die Ministerin mit.

Die Reform soll zum Schuljahr 2015/16 in Kraft treten und die Jahrgänge fünf, sechs, sieben und acht einbeziehen. Für die Schüler, die noch das Turbo-Abi machen müssen, soll es besondere Unterstützungsmaßnahmen geben. Die Ministerin betonte: "Wir wollen echte Entlastungen und mehr Zeit für unsere Schülerinnen und Schüler zum Lernen und zum Leben." Deswegen werde der Lernstoff auch nicht ausgeweitet.

Erst 2011 war in Niedersachsen der erste Schülerjahrgang nach acht Jahren Gymnasium entlassen worden. Schon kurz nach der Einführung war das Turbo-Abi aber wegen zu hohen Lernstresses auf Widerstand gestoßen.

Auch in anderen Bundesländern gibt es Kritik an der Verkürzung der Schulzeit. So forderten vor knapp einer Woche Initiativen und Aktivisten aus mehreren Bundesländern von ihren Landesregierungen den "schnellstmöglichen Stopp von G8". Die Reform sei "absolut gescheitert". Es gebe "kein einziges pädagogisches Argument" für G8.

Erst am Mittwoch räumte auch Bayerns Schulminister Ludwig Spaenle (CSU) ein: "Das G8 für alle ist überholt, das G9 für alle aber auch." Er und die Landesregierung seien gesprächsbereit, wenn es um die Dauer des Gymnasiums gehe.

Trotz der heftigen Gegenwehr der Eltern ist eine Reform der Reform allerdings umstritten. Schulforscher betonen, dass es für die Lernqualität unerheblich sei, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauert. So erzielten zuletzt ausgerechnet die ostdeutschen Bundesländer besonders gute Resultate in Leistungsvergleichen - dort ist das achtjährige Gymnasium etabliert, über zu viel Stress klagt kaum jemand.


KOMMENTAR ZUM TURBOABITUR: IMMER DIESE G-8-ELTERN!

Überhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. mehr...

fln

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