Abschied vom Turbo-Abi Niedersachsen will Schüler entlasten

Die Proteste zeigen Erfolg: Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland zum Abitur nach 13 Jahren zurück. Jetzt gab Schulministerin Heiligenstadt erste Details bekannt und versprach Schülern und Eltern mehr Zeit "zum Lernen und zum Leben".

Frauke Heiligenstadt (SPD): Ministerin verkündete Details zur Schulreform
DPA

Frauke Heiligenstadt (SPD): Ministerin verkündete Details zur Schulreform


Niedersachsen kippt als erstes Bundesland das Turbo-Abitur: Am Donnerstag stellte die Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) nun erste Details für das "neue moderne Abitur nach 13 Jahren" vor. Im Mittelpunkt der Reform stünden "Entlastungen, weniger Stress und eine bessere Förderung von Schülerinnen und Schülern", teilte die Ministerin mit.

Die wichtigsten Änderungen im Überblick:

Wahlfreiheit: Leistungsstarke Schüler können weiterhin das Abitur nach zwölf Schuljahren machen, wenn sie wollen.

Weniger Wochenstunden: In den Jahrgängen 5 bis 13 wird die Pflichtstundenzahl auf maximal 30 pro Woche gesenkt.

Weniger Pflichtkurse: In der Oberstufe müssen die Schüler nun nicht mehr 36, sondern 32 Kurse verpflichtend belegen. Die Kurse fließen in die Abiturnote mit ein.

Weniger Klausuren: Die Zahl der Klausuren werde "deutlich reduziert", teilt die Ministerin mit.

Die Reform soll zum Schuljahr 2015/16 in Kraft treten und die Jahrgänge fünf, sechs, sieben und acht einbeziehen. Für die Schüler, die noch das Turbo-Abi machen müssen, soll es besondere Unterstützungsmaßnahmen geben. Die Ministerin betonte: "Wir wollen echte Entlastungen und mehr Zeit für unsere Schülerinnen und Schüler zum Lernen und zum Leben." Deswegen werde der Lernstoff auch nicht ausgeweitet.

Erst 2011 war in Niedersachsen der erste Schülerjahrgang nach acht Jahren Gymnasium entlassen worden. Schon kurz nach der Einführung war das Turbo-Abi aber wegen zu hohen Lernstresses auf Widerstand gestoßen.

Auch in anderen Bundesländern gibt es Kritik an der Verkürzung der Schulzeit. So forderten vor knapp einer Woche Initiativen und Aktivisten aus mehreren Bundesländern von ihren Landesregierungen den "schnellstmöglichen Stopp von G8". Die Reform sei "absolut gescheitert". Es gebe "kein einziges pädagogisches Argument" für G8.

Erst am Mittwoch räumte auch Bayerns Schulminister Ludwig Spaenle (CSU) ein: "Das G8 für alle ist überholt, das G9 für alle aber auch." Er und die Landesregierung seien gesprächsbereit, wenn es um die Dauer des Gymnasiums gehe.

Trotz der heftigen Gegenwehr der Eltern ist eine Reform der Reform allerdings umstritten. Schulforscher betonen, dass es für die Lernqualität unerheblich sei, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauert. So erzielten zuletzt ausgerechnet die ostdeutschen Bundesländer besonders gute Resultate in Leistungsvergleichen - dort ist das achtjährige Gymnasium etabliert, über zu viel Stress klagt kaum jemand.


KOMMENTAR ZUM TURBOABITUR: IMMER DIESE G-8-ELTERN!

DPA
Überhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. mehr...

fln

insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
crewmitglied27 20.03.2014
1. Ja, ich erinnere mich ...
...noch gut. Der Ministerpräsident Wulff, der später als Bundespräsident die Bildungsrepublik ausrief, hat als erste großtat in Niedersachsen die Lehrmittelfreiheit abgeschafft. Dann haben es Lobbyisten hinbekommen, dass sämtliche Gymnasiasten in Niedersachsen ab Klasse 7 einen Taschenrechner für 450€ kaufen mussten, der in seinen Funktionen über die ganze Schulzeit nicht ausgenutzt werden konnte....und dann noch das "Turbo-Abi" bei akutem Lehrermangel. Super! Ein Land in dem es sich zu Leben lohnt...
dresdner1970 20.03.2014
2.
Jedes Mal wenn ich lese, dass wieder ein wenig mehr Abschied genommen werden soll vom (angeblichen) "Turbo"-Abi, denke ich, dass die Kinder in Westdeutschland entweder sehr dumm sind, oder die Lehrer nicht annähernd ausreichend gebildet, um den Unterrichtsstoff den Schülern in angemessener Zeit zu vermitteln. Denn jeder der über das 13jährige Abitur schimpft, sollte mal nach Ostdeutschland schauen, dort gibt es schon seit Jahrzehnten das Abitur mit der 12. Klasse und dort schimpft nicht einer über zu viel Stress. Zwar mag die Umsetzung von 13 Jahren auf 12 Jahren schlecht gelungen sein, doch jetzt wieder herumzudoktoren macht alles nur noch schlimmer, sowohl für Eltern, Lehrer und nicht zuletzt die Kinder. Man hat schließlich nicht umsonst festgestellt, dass es keinerlei Unterschied macht, ob man nun nach 12 oder 13 Jahren Abitur macht, das wichtigste ist ein möglichst gleichbleibendes Schulsystem. Und das ich in während meiner Abi-Zeit keine Freizeit hatte, könnte ich auch nicht sagen, ich ging regelmäßig in den Sportverein, unternahm etwas mit Freunden, faulenzent und hatte dennoch genug Zeit in Sachsen ein 1-Abi zu schaffen, so wie etliche meiner Klassenkameraden auch, wovon sich auch nicht einer über angeblich zu wenig Freizeit beschwert hatte!
sumatrabarbe 20.03.2014
3. Ja !
Ja, gut gemacht. Wenigstens meine jüngste Tochter wird also noch ein Leben außerhalb der Schule haben, danke !
lema2011 20.03.2014
4. Überhastet? Nein: schlampig
Nein: schlampig wurde das G8 eingeführt. Bildungsministerien hatten mehr als 10 Jahre Zeit, den Unterrichtsstoff zu entschlacken und dem G8 ein vernünftiges Curriculum zu geben. Passiert ist aber nichts so, daß die G8-Schüler in der Tat völlig überlastet werden. Zeit, die Bildungsministerien auf Bundesebene zu vereinheitlichen - es ist in der Länderstruktur völlig uneffektiv wie man nicht nur am G8 sieht. Wo entstehen neue Unterrichtsfächer? Fächer wie "Glück" oder "Volks-/Wirtschaftewissenschaften" gehören heute zum Allgemeinwissen. Warum werden die Naturwissenschaften noch getrennt unterrichtet, eine Zusammenführung wäre sinnvoll?
OlafKoeln 20.03.2014
5.
Zitat von sysopDPADie Proteste zeigen Erfolg: Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland zum Abitur nach 13 Jahren zurück. Jetzt gab Schulministerin Heiligenstadt erste Details bekannt und versprach Schülern und Eltern mehr Zeit "zum Lernen und zum Leben". http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/g8-abitur-niedersachsens-schulministerin-verkuendet-schulreform-a-959914.html
Toll, wieder ein Rückschritt, nur weil es nicht schafft, ordentlich zu organisieren und den Lehrstoff zu entschlacken. Wo in der Welt braucht man 13 Jahre für das Abitur und zahlreiche sind besser als das Deutsche! Das DDR Abitur war keinesfalls schlechter mit einem deutlich größeren naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Wieso soll das jetzt nicht gehen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.