Streit ums Turbo-Abi Freie Wähler reichen Volksbegehren gegen G8 ein

Das Turbo-Abi wackelt in Bayern: Die Freien Wähler haben 27.000 Unterschriften für die Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium eingereicht und damit ein Volksbegehren auf den Weg gebracht. Die Hürde liegt bei einer knappen Million Unterschriften.

Politiker der Partei Freie Wähler tragen Kisten mit Unterschriften zum Innenministerium in München
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Politiker der Partei Freie Wähler tragen Kisten mit Unterschriften zum Innenministerium in München


Hamburg - Zurück zu G9 - das wollen derzeit viele. Bayern ist einer Reform der Reform nun einen Schritt näher gekommen: Im Freistaat wurde ein Volksbegehren für eine teilweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium offiziell auf den Weg gebracht. Die Freien Wähler reichten am Freitag ihren Antrag beim Innenministerium ein, inklusive der dazu nötigen Unterschriften: 25.000 sind vorgeschrieben, eingereicht wurden knapp 27.000.

Nun muss das Ministerium den Antrag prüfen. Sollte es - wie auch bei der Regierungspartei CSU erwartet wird - keine rechtlichen Bedenken geben, kommt es zunächst zum Volksbegehren: Dann müssen sich binnen zwei Wochen zehn Prozent der stimmberechtigten Bürger in Unterschriftenlisten eintragen - in Bayern wären das etwa 930.000 Unterschriften. Wird das Quorum erreicht, kommt es zum Volksentscheid - falls der Landtag die Pläne der Freien Wähler nicht zuvor direkt umsetzt. Zu dem möglichen Volksentscheid sagte Michael Piazolo, Generalsekretär bei den Freien Wählern im Deutschlandfunk: "Da müssen eine Million Menschen hingehen. Das sind viele."

Ziel der Freien Wähler ist eine völlige Wahlfreiheit zwischen G8 und G9: Die bayerischen Gymnasien sollen selbst entscheiden dürfen, ob sie parallel G-8- und G-9-Zweige anbieten - oder sich für eine der beiden Varianten entscheiden.

Hessen will mehr Wahlfreiheit auch für laufende G-8-Klassen

Bisher gibt es dort das sogenannte Flexibilisierungsjahr - ein freiwilliges Wiederholungsjahr -, mit dem die Regierung des Freistaats das Turbo-Abi zumindest für schwache Schüler entschleunigen will. Die Forderungen des Volksentscheids gehen über diese bestehende Regelung noch hinaus.

Das Abitur nach der zwölften Klasse (G8) ist eine der umstrittensten Bildungsreformen der vergangenen Jahre. Während in vielen Bundesländern derzeit Politiker noch um eine Reform der Reform ringen, ist die Meinung der Bundesbürger zu dem Thema weiter eindeutig: Fast drei Viertel der Deutschen wünschen sich eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Das zeigt eine Forsa-Umfrage für das Magazin "Stern". 72 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass möglichst alle Bundesländer wieder zur neunjährigen Gymnasialzeit zurückkehren sollten. Lediglich 21 Prozent finden demnach, es solle bei G8 bleiben.

In Hessen will die schwarz-grüne Regierungskoalition mit einem neuen Schulgesetz für mehr Wahlfreiheit von Gymnasien zwischen acht und neun Schuljahren am Gymnasium sorgen. Bereits jetzt können sich Gymnasien seit dem Schuljahr 2013/2014 zwischen G8 und G9 entscheiden.

Der neue Gesetzentwurf sieht nun vor, dass an Schulen, die von G8 zu G9 zurückehren wollen, auch die jetzigen Klassen fünf bis sieben eine Rückkehrmöglichkeit zur längeren Gymnasialdauer erhalten. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, sind laut Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) etwa 60 Gymnasien und die Gymnasialzweige von 30 Kooperativen Gesamtschulen von der Neuregelung betroffen. Es handle sich demnach um Schulen, die entweder bereits zum neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt sind oder diesen Schritt für das kommende Schuljahr beschlossen haben.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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In den meisten westdeutschen Bundesländern war im vergangenen Jahrzehnt das sogenannte Turbo-Abi eingeführt worden. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg experimentierten in den neunziger Jahren für ein paar Jahre mit dem neunjährigen Gymnasium und kehrten um 2000 zum Gymnasial-Abitur nach acht Jahren zurück.

Die verkürzte Gymnasialzeit stieß von Anfang an auf Ablehnung: Die Kritik entzündete sich daran, dass Lehrpläne nicht ausreichend verschlankt worden seien, der Lernstoff balle sich in der Mittelstufe. Wirkung zeigten die heftigen Proteste von Lehrern, Eltern und Schülern mittlerweile in mehreren Bundesländern: Niedersachsen kündigte unlängst als erstes Bundesland eine echte Rückkehr zu G9 an. Optionale G-9-Züge gibt es zudem in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. In Hamburg brachte die Elternvereinigung G9 jetzt! eine sogenannte Volksinitiative für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auf den Weg. Sie ist die erste Stufe eines Begehrens von Bürgern, an dessen Ende ein für den SPD-Senat der Hansestadt bindendes Votum stehen könnte.

lgr/dpa/AFP

insgesamt 28 Beiträge
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egonv 28.02.2014
1. Mehr Absprache
Die Kulturhoheit der Länder ist ja erstmal nichts Schlechtes, aber ein Bildungswettbewerb ist absolut unverantwortlich. Die Länder sollten gerade bei den Thema Länge der Schulzeit eine gemeinsame Lösung finden. Völlig unerklärlich ist mir der so starke Unterschied des Lehrplanumfangs. Bayern oder Hessen wollen keine Inhalte streichen, aber genauso schnell ihre Gymnasiasten an die Unis schicken. Das muss schief gehen. Tut mir Leid für die ganzen wettbewerbsorientierten Unternehmer Kinder sind eben in Brandenburg wie in Bayern Kinder und die einen können und sollten nicht mehr leisten als die anderen. Warum nicht endlich auch bei den Inhalten stärker kooperieren? Eltern ziehen nicht gerne freiwillig um. Kein Land muss Angst haben, dass ihnen die Schüler weglaufen. Es darf hier keinen Wettbewerb um die besseren, einfacheren, schnelleren oder wie auch immer unterscheidbaren Schulsysteme geben.
Bundesinnenminister 28.02.2014
2. Jetzt auch noch jede Schule anders
Am besten man kann sich beim Wechsel von der 4. zur 5. Klasse entscheiden wie viele Jahre man Abi macht:3, 6, oder auch 15 Jahre. So ein Unsinn. Jetzt macht es doch endlich mal einheitlich in ganz Deutschland! Dieses ewige Hin und Her. Und warum sollen die Kinder jetzt wieder 13 Jahre Ihres Leben verschenken? Wenn schon wieder ein Jahr mehr, dann schickt die Schüler wenigstens in diesem Jahr raus zum Arbeiten (nicht nur 2 Wochen wie bisher). Damit sie was vom Leben in "freier Wildbahn" lernen und nicht eingesperrt in einem Klassenzimmer vom eben über da draußen unterrichtet werden. Da können die Abiturienten auch mal in verschiedenen Berufsgruppen arbeiten (Handwerk, Agra , Handel), besonders dort wo ein Studierender (wahrscheinlich) nie mehr hinkommt. Es ist immer gut beide Seiten kennen zu lernen und nicht nur die Chefetage (überspitzt formuliert). btw. In Sachsen gab es noch nie (seit dem 2. WK) 13 Jahre Abi. Da müssen ja die dümmsten Abiturienten Deutschlands wohnen.
ambulans 28.02.2014
3. der
gesamte bildungsbereich hier in deutschland ist bereits seit anfang der siebziger jahre (mindestens 40 jahre!) hochgradig politik-verseucht. besonders große "verdienste" haben sich hier die anhänger eines bestimmten, "konservativ" angestrichenen parteien-konstrukts, dessen namen ich hier (wegen zu erwartender nicht-veröffentlichung in diesem forum) nicht in der ansonsten gebräuchlichen form aussprechen will, erworben - puuhhh, ihr wisst aber trotzdem ziemlich genau, wen ich meine? also ...
qwer 28.02.2014
4. Chance für die CSU
Es wäre schön, wenn die CSU hier mal die Herausforderung annehmen würde u. sich klar gegen das Volksbegehren (u. ggfs. gegen den -entscheid) positionieren würde. Gerade in Bayern gibt es mit den Realschulen und den Fachoberschulen gute Alternativen für Schüler, die es auf dem Gymnasium nicht packen. Die allgemeine Hochschulreife als Grundrecht für Eltern (um die geht es ja letztlich, machen wir uns nichts vor), die es nicht raffen, dass das bayerische Gymnasium vielleicht doch nicht das Beste für ihre Brut ist, wäre sicher ein Rückschritt.
martin-kö 28.02.2014
5. Schulzeit könnte so schön sein, wenn ...
Seien wir doch ehrlich: warum sollte man nicht während der Schulzeit einmal Zeit haben zur Kultur (Theater, Musikinstrument/Chorsingen z.B.), zum Sport, für Freundschaften etc.. Stattdessen sollen/müssen wir die Jugendlichen im 8-jährigen Stress zum Abitur jagen, obwohl jeder weiß, dass es immer weniger Stellen gibt und damit die Lage auf dem Arbeitsmarkt erschwert wird. Die Einführung des G8-Abiturs war doch hauptsächlich wegen der möglichen Stelleneinsparung von Lehrern, nicht aus bildungspolitischer Erkenntnis vollzogen worden. - Zwar können sich (leider) nicht alle Familien ein G9-Abitur leisten, aber vielen unserer Jugendlichen käme ein G9-Abitur entgegen: weniger Stress und mehr Freiheiten, auch mal etwas anderes zu erleben. etc..
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