Gymnasialreform in Bayern CSU korrigiert den Abi-"Quickie"

Für künftige Gymnasiasten in Bayern wird Schule wohl entspannter: Im Freistaat soll auch wieder das neunjährige Abitur möglich werden. Die CSU-Landtagsfraktion hat dazu eine Resolution verabschiedet.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer: "Das war als Quickie eingeführt"
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Bayerns Ministerpräsident Seehofer: "Das war als Quickie eingeführt"

Von , München


Eine der größten schulpolitischen Reformen der vergangenen Jahre in Bayern verbirgt sich hinter der ungelenken Formulierung: "Mittelstufe plus". So lautet das Schlagwort dafür, dass der Freistaat künftig an Gymnasien wieder das Abitur nach neun Jahren ermöglicht. Damit gäbe es eine Alternative zum umstrittenen Turbo-Abitur, das nach acht Jahren zur Hochschulreife führt.

Die CSU-Landtagsfraktion beschloss am Mittwoch bei ihrer Tagung in Kloster Banz eine Resolution mit der Überschrift "Die Pädagogik im Zentrum: Weiterentwicklung des Gymnasiums in Bayern". Sie basiert auf einem Konzept des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle (CSU).

Entscheidender Punkt für Schüler und Eltern in Bayern: besagte "Mittelstufe plus". Sie ist im Kern ein weiteres Abrücken vom Abitur nach acht Jahren - im CSU-Sprech ein "bedarfsorientiertes Modell mit einer Dehnung der Lernzeit um ein Jahr" für diejenigen Schüler, "für die die zusätzliche Lernzeit pädagogisch sinnvoll erscheint". Weiterhin, so heißt es in dem Text, habe das bayerische Gymnasium aber grundsätzlich "einen Stoffumfang von acht Jahren".

Das Modell soll auch an kleinen Gymnasien umgesetzt werden. Ob und wann die "Mittelstufe plus" eingeführt wird, darf jede Schule selbst und "unter Einbindung der gesamten Schulfamilie einschließlich des Sachaufwandträgers" entscheiden.

Seehofer kritisiert Stoiber-Regierung: "Das war als Quickie eingeführt"

Der Plan für die Reform des Gymnasiums sieht unter anderem auch veränderte Lehrpläne vor. Das Papier präsentiert einen "Lehrplan Plus", der auf "kleinteiliges und isoliertes Detail- und Abfragewissen" verzichten soll. Stattdessen sollen "relevantes Fachwissen, kreative Anwendung von Wissen, vernetztes Denken, selbstständiges Problemlösen und Erschließen neuen Wissens" im Mittelpunkt stehen - all das bei "angemessenem Stoffumfang".

Bekannt war bereits vor der Klausur, dass einige Schüler nach der Unterstufe wählen können sollen, wie lange sie ins Gymnasium gehen, und zwar in neuen Klassenverbänden. Noch ist das Ganze kein Gesetz, aber immerhin: Fraktionschef Thomas Kreuzer hatte schon vor der Klausur angekündigt, er und seine Kollegen würden festlegen, "dass die Schüler auswählen können, ob sie die Mittelstufe in drei oder vier Jahren durchlaufen wollen".

Das Konzept sei "bundesweit wegweisend", sagte Spaenle SPIEGEL ONLINE. Die Art, wie einst das G8 eingeführt wurde, wertete der Minister kritisch: Die Einführung sei damals "relativ unvorbereitet" erfolgt. Damit liegt Spaenle wiederum ganz auf Linie mit seinem Chef Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Der hatte bereits am Dienstag über das von der Stoiber-Alleinregierung ins Werk gesetzte Turbo-Abi gesagt: "Das war ein bisschen als Quickie eingeführt."

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Streit ums Turbo-Abi: Das Konzept "Mittelstufe plus"
Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes und Direktor im bayerischen Deggendorf, sagte der "Passauer Neuen Presse", die CSU-Gymnasialreform sei zwar ein "Fortschritt". Er warnte jedoch vor organisatorischem Chaos, die Umsetzung werde schwierig: "Mir graut als Schulleiter davor."

Jahrelang hatte die CSU eisern am 2004 unter dem damaligen Ministerpräsidenten Stoiber eingeführten achtjährigen Gymnasium festgehalten - gegen zum Teil erheblichen Widerstand von Eltern, Schülern und Lehrern. Sogar noch im Landtagswahlkampf 2013 hatte Seehofer betont, es solle keine Bildungsreform geben. "Wir wollen Ruhe und Planungssicherheit im Bildungssystem", so stand es im CSU-Wahlprogramm. Auch das Volksbegehren der oppositionellen Freien Wähler, das eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 vorgesehen hatte und scheiterte, war von der CSU als überflüssig zurückgewiesen worden.

Und jetzt? Eben doch mehr Wahlfreiheit. Kein Wunder also, dass sich am Mittwoch auch die Freien Wähler freuten: "Durch unsere politische Beharrlichkeit gibt es endlich Bewegung bei der Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums."

Trotzdem müssen weder Freie Wähler, SPD noch Grüne damit rechnen, dass sie bei der weiteren Ausgestaltung der Schulreform von der Staatsregierung einbezogen werden. Ministerpräsident und CSU-Chef Seehofer hatte zuletzt signalisiert, die Reform ohne die Opposition zu machen - so, als wäre das alles seine Idee gewesen.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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xvxxx 24.09.2014
1. Eine ganze Generation versaut
Ich weis nicht ob 8 oder 9 Jahre besser sind ( ich vermute, wenns gescheit gemacht wird ists vollkommen egal) , aber eines weis ich: Durch den vollkommen unausgegorenen und nur rudimentär vorbereiteten Wechsel sowie den jetzt vermutlich genauso bescheiden durchgeführten Salto rückwärts muss eine ganze Generation von Schülern die Lasten einer Schulpolitik tragen, für die mir nur Begriffe einfallen, die zur sofortigen Zensur führen würden. Politischer Diletantismus at ist best.
leonardo-contra-pisa 24.09.2014
2. Rin inne Kartoffeln raus ausse Kartoffeln
Zitat von xvxxxIch weis nicht ob 8 oder 9 Jahre besser sind ( ich vermute, wenns gescheit gemacht wird ists vollkommen egal) , aber eines weis ich: Durch den vollkommen unausgegorenen und nur rudimentär vorbereiteten Wechsel sowie den jetzt vermutlich genauso bescheiden durchgeführten Salto rückwärts muss eine ganze Generation von Schülern die Lasten einer Schulpolitik tragen, für die mir nur Begriffe einfallen, die zur sofortigen Zensur führen würden. Politischer Diletantismus at ist best.
Sie haben Recht. Nach einem Sprung ins kalte Wasser läuft nun auch in NRW das G8 gerade erträglich. Aber angesichts der Dominosteine, die in der Umgebung umfallen (NDS, BY) ist es nur eine Frage der Zeit, wann auch NRW den Anstoß für die Rolle rückwärts bekommen wird: Die Beteuerungen der Damen Löhrmann und Kraft haben so gesehen ein nicht allzu fernes Verfallsdatum. Das wird wieder so chaotisch laufen wie die Einführung von G8, nur dass es dann nicht genug Lehrer (m/w) für die Umsetzung eines "aus Ruinen auferstandenen" G9 geben wird: Der Überhang an Lehrern (m/w), der nach dem Abgang des letzten G9-Jahrgangs entstanden war, wird gerade durch Pensionierungen (ohne Ausgleich durch Neueinstellungen) sukzessive abgebaut. Wenn dann Mmes K&L doch zum G9 zurückrudern, sind zu wenige Lehrer (m/w) da. Und ganz besonders wird das für die MINT-Fächer zutreffen, wo schon jetzt der Bedarf kaum zu decken ist. Überdies ist es (auch deswegen) eine Illusion, dass das reanimierte G9 mit demjenigen alter Prägung vergleichbar oder gar identisch sein wird. Die Leidtragenden werden alle am Schulleben Beteiligte sein: Schüler, Eltern und auch die Lehrer. Die Schulpolitik ist (fast überall) eine elende Flickschusterei.
lyssi 24.09.2014
3. pfffffffffffffff......
die Luft ist raus,Jungs. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Da kann man schon mal langsam anfangen, die eigene Truppe zu kritisieren....ja wo warts Ihr denn doa? Und wo sind in zehn Jahren die Herren, die dies hier verzapfen? Die Schulleiter tun mir jetzt schon leid...wie soll das nun wieder zu organisieren sein. Wie heißt der berühmte Hollywood Streifen mit James Dean? Denn sie wissen ......
austenjane1776 25.09.2014
4. Zurück zu G9? Das ist nicht so einfach. Und teurer.
G8 (West) diente zum Sparen von Stellen und Räumen. entweder kürzt man fürs G9 die Stundentafeln, oder es wird teurer. Das halte ich für fast ausgeschlossen - es droht den Ländern die Schuldenbremse. Also ist realistisch mit Chaos und schlechteren Unterrichtsbedingungen zu rechnen. Auch die eine oder andere Lehrkraft könnte bei weiterer Belastung erkranken und ausfallen. Das hört sich alles gar nicht gut an - Nach Sachsen, dass sein Bildungssystem zusammenspart und ruiniert, folgt das stolze Bayern. Schlimmer geht immer. Oder - man gleicht sich auf niedrigem Niveau an.
bachanwohner 25.09.2014
5. Die Aufräumarbeiten
die der arme Seehofer Horst leisten muss angesichts des Scherbenhaufens, den sein durchgeknallter Vorvorgänger E. Stoiber in Bayern hinterlassen hat, gehen weiter. Stoiber, der in seinen ersten Jahren als bayrischer Ministerpräsident durchaus gute Arbeit machte, ist leider irgendwann durchgedreht. Besonders nach der knapp verlorenen Bundestagswahl 2002 wollte er demonstrieren, dass er der bessere Bundeskanzler gewesen wäre. Dadurch wurde seine Schlußbilanz als bayrischer Ministerpräsident schließlich desaströs: Bayerns industrielles Tafelsilber verscherbelt (Bayernwerk, Viag), 10 Milliarden Desaster der Bayern LB mit der HypoAlpeAdria (er wollte die bayrische Landesbank zu einem Global Player machen), völlig überhastete Einführung des G8. Das sind nur die Dinge, die mir jetzt spontan einfallen.
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