Turbo-Abi Acht oder neun Jahre fürs Abi? Die CSU wird weich

Die CSU-Pläne zur Abschwächung des Turbo-Abis werden konkret: Bayern will die Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium einführen. Etwas verdruckst spricht der Minister von "Mittelstufe plus" - während die Freien Wähler jubeln.

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Eigentlich kann Ludwig Spaenle Klartext. "Grundsätzlich" jedenfalls, das machte der bayerische CSU-Kultusminister bei der traditionellen Pressekonferenz zum Ende der Sommerferien Mitte September klar, "grundsätzlich" werde Bayern am Turbo-Abi festhalten. Doch nach Klartext klang das kaum - denn Spaenle ließ, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, durchblicken, dass die CSU nunmehr offen für G9-Züge am Gymnasium ist.

Bisher hatten sich Spaenle und auch sein Chef, Ministerpräsident Horst Seehofer, nur sehr verklausuliert geäußert: dass sowohl das G8 als auch das G9 überholt seien. Es war also schon seit Längerem klar, dass die CSU nicht grundsätzlich zum G9 zurückkehren würde, wie dies etwa der Bayerische Philologenverband gefordert hatte.

Ebenso zeichnete sich ab, dass mehr Schüler die Chance bekommen sollen, das Abitur erst nach neun Jahren zu machen. Die Frage war nur: Wie? Schließlich hat sich das Flexibilisierungsjahr, das die CSU angesichts der Dauerkritik am G8 eingeführt hatte, als Rohrkrepierer erwiesen. Weil sie dazu ihren bisherigen Klassenverband verlassen müssten, entschieden sich nur wenige Schüler für dieses Modell.

Wahlfreiheit für Schüler

Nun wollen Spaenle und die CSU den entscheidenden Schritt gehen: Schüler sollen nach der Unterstufe wählen, wie lange sie ins Gymnasium gehen wollen. Und vor allem: Diese Schüler sollen in neuen Klassenverbänden zusammengefasst werden. "Mittelstufe plus" ist der Arbeitstitel dieser Reform, und im Ergebnis bedeutet das nichts anderes, als dass künftig G9-Züge an Gymnasien ermöglicht werden.

Laut einem Diskussionspapier, aus dem die "Süddeutsche Zeitung" zitiert, soll auch der neue Lehrplan, der ab dem Schuljahr 2017/2018 gilt, verschlankt werden. Verzichten will man "auf kleinteiliges und isoliertes Detail- und Abfragewissen." Die Schulen sollen den Unterricht freier gestalten können als bisher.

Noch ist das Ganze kein Gesetz, aber immerhin: Die heute beginnende Fraktionsklausur der bayerischen Landtags-CSU hat den Schwerpunkt Bildung - und immer mehr CSU-Granden lassen erkennen, dass sie bereit sind, alte Positionen beim umstrittenen G8 zu räumen. Man werde, kündigt etwa Fraktionschef Thomas Kreuzer an, auf der Tagung im Kloster Banz die Eckpunkte dafür festlegen, "dass die Schüler auswählen können, ob sie die Mittelstufe in drei oder vier Jahren durchlaufen wollen".

Freie Wähler fühlen sich bestätigt

Ob die Schulen die G9-Schüler dann in einer neuen Klasse zusammenfassen wollen, sollen die Gymnasien nach den CSU-Plänen selbst entscheiden dürfen. Eine Klassengemeinschaft sei aber "aus pädagogischen Überlegungen" wichtig, so Ludwig Spaenle. Und in der Praxis wird sich - wenn es genügend Schüler dafür gibt - kein Schulleiter gegen G9-Züge wehren können. Die Tore zum G9 sind also, wenn es so kommt, offen. Spaenle geht von einem Viertel der Gymnasiasten aus, die sich für eine verlängerte Mittelstufe entscheiden könnten; die Opposition vermutet einen deutlich größeren Bedarf. Wie das Konzept in der Oberstufe fortgeführt werden soll, ist noch unklar.

Für Jubel sorgt die politische Entwicklung bei den Freien Wählern (FW). Die begrüßen die geplante Gymnasialreform in Bayern - und es kann ihnen gar nicht schnell genug damit gehen: "Eine Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium muss schon ab dem nächsten Schuljahr möglich sein", sagt Michael Piazolo, Landtagsabgeordneter der FW und Initiator des Volksbegehrens, "die heutigen Sechstklässler müssen schon davon profitieren - Eltern, Schüler und Schulen wollen jetzt einen Kurswechsel und nicht erst irgendwann."

Volksentscheid verloren, politisch gewonnen

Die FW fühlen sich ohnehin als heimliche Sieger. Sie hatten in Bayern per Volksbegehren und Volksentscheid eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 erreichen wollen - waren aber gescheitert. Und nun will die CSU tatsächlich eine gewisse Wahlfreiheit einführen. "Spaenle hätte diesen Vorschlag nicht auf den Tisch gelegt, wenn es nicht unser Volksbegehren gegeben hätte", meint FW-Chef Hubert Aiwanger.

Spaenle hatte zunächst angekündigt, seine Pläne noch mit den Oppositionsfraktionen abzustimmen - doch davon ist mittlerweile keine Rede mehr. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jetzt eine gemeinsame Schulreform machen zum Gymnasium", erklärte Ministerpräsident Horst Seehofer gegenüber dem "Bayerischen Rundfunk": Die CSU wolle die geplanten Korrekturen am Turbo-Abitur jetzt allein auf den Weg bringen, schließlich sei das Konzept ausgereift - da müsse es keine Kompromisse mehr mit der Opposition geben.

Kurz vor der Klausurtagung hat die CSU-Spitze also wieder zum Klartext zurückgefunden.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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mit Material von dpa

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Icestorm 22.09.2014
1. Lehrermangel
und doppelte Jahrgänge, wie geht das zusammen? Tausende Fehlstunden, keine Vertretungslehrer, aber man führt das G9 neben Beibehaltung des G8 ein. Das Chaos wird schlimmer werden, doch was tut man als Regierungspartei nicht alles für zufriedene Wähler.
ford.prefect 22.09.2014
2. g9 züge
Ich könnte mir gut vorstellen, dass es in der Praxis eher g8 züge gibt und g9 wieder die Regel wird.
Icestorm 22.09.2014
3. Keine Konsultationen mit der Opposition
Man wird doch wohl nicht die Konkurrenz adeln, indem man über eine Reformmit dieser redet - ganz gleich, was man vorher sagte.
thunderstorm305 22.09.2014
4. Finger weg vom Bildungswesen!
Wie schafft es ein Bundesland Thüringen innerhalb von G8 einen Spitzenplatz der PISA Erhebung zu erreichen? Hat man dort andere Lehrpläne als in Bayern? Ein Jahr früher ins Berufsleben zu kommen bedeutet auch ein Jahr mehr an Einkommen und Rentenansprüchen. Ich fasse es nicht dass man nun wieder am Bildungsween rumdoktort anstatt mal etwas mehr Kontinuität walten zu lassen. Aber das ist bei allen Parteien so.
dickebank 22.09.2014
5. Vertretungsreserve, wozu?
Zitat von Icestormund doppelte Jahrgänge, wie geht das zusammen? Tausende Fehlstunden, keine Vertretungslehrer, aber man führt das G9 neben Beibehaltung des G8 ein. Das Chaos wird schlimmer werden, doch was tut man als Regierungspartei nicht alles für zufriedene Wähler.
Wie wollen Sie die für weiterführende Schulen organisieren? Bei einer ad-hoc-Vertretung, Lehrer meldet sich morgens krank, werden Sie für den selben Tag keien externe Vertreungskraft bekommen. Bei längerfristigen Erkrankungen gibt es nur zwei Möglichkeiten, Mehrarbeit innerhalb des Kollegiums von Kollegen mit gleichen Fakulten oder die zu vertretende Fachkraft ist dermaßen rar (Physiklehrer), dass es auch von externer Seite keine Vertretung gibt. Vertretungsreserve gehört in den GS-Bereich - und da gibt es sie auch. Darüberhinaus macht es keinen Sinn eine Vertretungsreserve vorzuhalten, wenn auf Grund von FAchlehrermangel an den Schulen nicht einmal nach Vorgaben (Soll-Stundentafel) unterrichtet werden kann, weil entsprechende Fachlehrer Mangelware sind.
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