Streit übers Turbo-Abi G8 muss funktionieren

Die Umstellung aufs achtjährige Gymnasium lief chaotisch. Aber es gibt keinen Grund, auf G9 zurückzudrehen.

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Ich habe mein Abitur nach acht Jahren auf einem Gymnasium in Thüringen abgelegt. In der elften und zwölften Klasse hatte ich an zwei oder drei Tagen in der Woche Nachmittagsunterricht, und ja, ich fand das anstrengend. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich darüber zu beschweren oder mich selbst zu bemitleiden. Das war halt einfach so. Punkt.

Damals habe ich Handball gespielt und Theater, bin am Wochenende mit der Mannschaft zu Auswärtsspielen gefahren, war bei Theateraufführungen und auf Partys. Manchmal habe ich bis tief in die Nacht gelernt, manchmal bin ich morgens um 5 Uhr aufgestanden, um noch Prüfungsstoff durchzugehen, weil mir meine Eltern schon früh ans Herz legten: Wer feiern kann, der kann auch arbeiten.

Natürlich war das stellenweise stressig, viel habe ich nicht geschlafen, aber ich habe diese Zeit genossen, in der ich Verantwortung für mein Handeln und für meine Zukunft übernehmen musste. Und ich habe gelernt, meine Zeit so sinnvoll wie möglich zu nutzen. Das war auch gut so, denn an der Uni hatte ich später viel mehr Stoff in viel weniger Zeit zu lernen.

Ich kann Eltern nicht verstehen, die besorgt sind, weil ihre Kinder nachmittags Unterricht haben. Ich kann auch die Schüler nicht verstehen, die sich fragen, ob sie in der G8-Klasse noch genug Zeit für Freunde, Musik und soziales Engagement haben werden.

Quälend lange Entscheidungsphasen

Einige Studien belegen zwar, dass sich G8-Schüler gestresster fühlen, andere hingegen widerlegen diese Ergebnisse. Forscher sind sich einig darin, dass G8- und G9-Schüler gleichermaßen für die Uni vorbereitet sind. Auch deren Abschlussnoten unterscheiden sich kaum.

Eine Rückkehr zu G9 ist also der falsche Weg: Es kann nicht einmal bewiesen werden, dass es den Gymnasiasten schadet, in kürzerer Zeit ihr Abitur abzulegen. Kritiker sprechen gern vom Turbo-Abi, wenn sie von G8 reden. Das Wort wird benutzt, um Angst zu machen. Nur weil jemand sein Abi in acht statt neun Jahren absolviert, legt er es doch nicht turboschnell ab.

In mir rufen diese Kehrtwende sowie die "Mittelstufe Plus" oder die Flexiklassen, in denen Gymnasiasten wählen können, ob sie länger oder kürzer zur Schule gehen wollen, nur eins hervor: großes Unverständnis. Anstatt die Gymnasialzeit in allen Bundesländern auf acht Jahre zu beschränken und daran festzuhalten, wird durch quälend lange Entscheidungsphasen Unsicherheit und Stress aufgebaut.

Parallelstrukturen kann sich Deutschland nicht leisten: All die Arbeitsstunden, die Lehrer und Behörden dafür verwenden, zweierlei Lehrpläne zu konzipieren oder Lehrmaterial zusammenzustellen, können sinnvoller investiert werden - und zwar in erster Linie, um die bestehenden G8-Lehrpläne zu optimieren. Dass ein Abi in acht Jahren problemlos möglich ist, beweisen schließlich schon seit Jahrzehnten Sachsen und Thüringen.

G8 kann und muss funktionieren

Außerdem darf man Lehrern nicht noch mehr Zeit stehlen. Schon seit Jahren müssen sie einen immer höheren Verwaltungsaufwand bewerkstelligen, Leistungen immer kleinteiliger festhalten.

Schüler, die ihr Abitur lieber in neun Jahren machen wollen, können dies auf Berufsgymnasien tun. Oder eben - so hart es klingt - ein Jahr wiederholen. Dafür muss zumindest nicht der ganze Lehrbetrieb auf den Kopf gestellt werden.

Ein Jahr weniger Schule - das heißt nicht unbedingt, früher einen Beruf zu erlernen oder ein Studium zu beginnen. Und das ist auch nicht schlimm: Das geschenkte Jahr können Abiturienten nutzen, um Zeit im Ausland zu verbringen, dort eine Sprache zu lernen oder erste Berufserfahrung bei Freiwilligendiensten zu machen.

Das bringt ihnen oft mehr als ein weiteres Jahr im Schulgebäude. G8 kann und muss funktionieren - aber nur, wenn Politiker nicht vor besorgten Eltern und Schülern in die Knie gehen.



insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
takahe 22.06.2016
1. Es bleibt dabei.
Für mich geht es nur darum die Schüler schneller dem Sozialversicherungssystem zuzuführen - eher einzahlen = mehr Geld! Ich habe 1985 Abitur gemacht, nach 9 Jahren und muss heute leider feststellen, dass das Niveau an den Gymnasien ziemlich abgenommen hat. Es wird nicht mehr der Stoff vermittelt wie früher. Dieses eine fehlende Jahr macht es aus, diese Zeit fehlt - es muss Stoff weggelassen werden.
omop 22.06.2016
2. Was ist jetzt der Vorteil von G8?
Oder anders gefragt..welches Problem hat die Autorin mit G9?
larry_lustig 22.06.2016
3. Was für ein unreflektierter Kommentar
Der Trend geht immer mehr zur Früheinschulung mit 5 dazu ein G8-Abitur => Mit 17 an der Uni Super, müssen Mami und Papi dann alle Prüfungsanmeldungen mit unterschreiben? Unser alter G9 Abitur war bedeutend besser als ein A-Level in England, USA, Neuseeland o.ä. Die Schüler im Austausch in der 11 sind altersgerecht dort immer in die 12 gekommen und haben trotz 1 Jahr weniger Schule und Sprachschwierigkeiten fast immer ein gutes A-Level geschafft. Das zeigt doch schon, dass Schulabschlüsse international nicht ohne weiteres vergleichbar sind. Und was ist für Kinder oder Jugendliche sinnvoll an vermeidbarem(!) Nachmittagsunterricht ???? Die die gut sind können ihren Hobbys nachgehen, die die schlecht sind haben nur dann die Chance den Stoff zu wiederholen... Klar gibt es Kinder für die das G8 geeignet ist, aber ein Allheilmittel ist es nicht.... Zusammen mit dem aktuellen Lehrermangel führt das eher zu einem "Schmalspur-Abi"
xvxxx 22.06.2016
4.
Ich habe mein Abitur in Bayern in neun Jahren erworben, Arbeit war das auch. Mir gab das 9-jährige die Zeit die Hochschul"reife"! zu erwerben. Ich könnte nun jedes eunzelne Ihrer Argumente mit genauso schweren oder leichten Argumenten zerpflücken. Aber: Nicht alles im Leben lässt sich an Zahlen und Ergebnissen festmachen. Schule als reine Befüllstation mit Lerninhalten? Ich sehe das ganz anders. Welcher Lehrbetrieb wird denn auf den Kopf gestellt? Das Gymnasium ist unabhängig von der Lehrdauer auch heute schon kein einheitlicher Abschluss, war es nie, sondern von Bundesland zu Bundesland verschieden. Diese in ihrem Beitrag zum Ausdruck kommende ideologische Herangehensweise ist für mich irritierend.
Weiter Sagen 22.06.2016
5. Ganz genau!
Der Kommentar spricht mir aus Herz, Verstand & Seele.
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