Gangs in Berlin Auf der Straße erzogen

Auf Berlins Straßen eskaliert die Gewalt. Abziehen, prügeln, drohen, beleidigen gehört unter Jugendlichen in manchen Stadtteilen zum Alltag. Kapituliert die Polizei im Problemkiez?

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Berlin - Etwas kleines Hartes, vielleicht ein Stein, fliegt hinter dem Schöneberger Backsteingebäude hervor und kracht mit lautem Scheppern auf die Felge eines vorbeifahrenden Autos. Reifen quietschen, wild gestikulierend kurbelt der Fahrer das Fenster runter: "Bleib ja stehen", brüllt er. Ein paar Jungs rennen weg.

Zurück bleibt an der Straßenecke Belziger/Eisenacher Straße neben der Riesengebirgs-Oberschule eine Gruppe Schüler. Ein Mädchen erklärt die Situation so: "Ein Typ von unserer Schule hat ein Mädchen beleidigt. Das in dem Auto waren die Brüder. Die sind gekommen, um den zu verprügeln. Rache." Eine richtige Schlägerei habe es auf einem Hof gegeben, behauptet die Schülerin. So etwas passiere nicht oft, aber "kleine Streitigkeiten" mit "so Opfern" gebe es häufig hier in ihrem Kiez in Schöneberg. Zehn Minuten später klappern Polizeiautos die Straßen ab. Die Streitenden sind längst über alle Berge.

Ein Vorfall, der typisch ist für das rohe Klima, das in einigen Berliner Bezirken wie Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg und Wedding inzwischen herrscht: Wird einer aus der Gruppe jugendlicher Migranten beleidigt oder angegriffen, schlägt der ganze Pulk zurück. Meldungen bestätigen dieses Muster: Im November drang eine Gruppe teilmaskierter Jugendlicher in das Klassenzimmer einer Kreuzberger Schule ein und verletzte gezielt einen Jungen mit dem Messer.

Vor zwei Wochen wurde in Berlin-Lichtenrade ein Polizist bei einem Schulfest von mehreren Jugendlichen krankenhausreif geschlagen. Berlins Schulen meldeten eine Welle der Gewalt - im letzten Schuljahr 75 Prozent mehr als im Vorjahr. Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch bestätigt, dass junge Einwanderer immer brutaler vorgehen. "Die Zahl derer, bei denen die Lunte kürzer wird, wächst ", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Es ist ein sehr kleiner Teil unter den Zehntausenden Jugendlichen aus Migrantenfamilien in Berlin - aber Einwandererkinder sind überproportional häufig an Gewaltdelikten beteiligt, besonders wenn es um schwere Körperverletzung geht.

Auf der Treppe vor dem mächtigen Gebäude der Riesengebirgs-Oberschule, fünfzig Meter von dem Ort der vermeintlichen Schlägerei entfernt, steht Gürsel Gürbey, türkischsprachiger Sozialarbeiter, schwarze längere Haare, graumelierter Vollbart, milde Augen, stattliche Statur. Gürbey beobachtet die Szenerie, schickt die Schüler nach Schulschluss nach Hause, gibt jedem die Hand. Die Jugendlichen, meist aus türkischen oder arabischen Familien, verabschieden sich höflich. Seit Mai ist der Sozialarbeiter an der Schule im Einsatz und heute sei für ihn das erste Mal, dass er die Polizei rufen musste, sagt er. Er sagt auch, dass die Gewalt an der Schule nicht so sehr das Problem sei - sondern eher das, was außerhalb passiere. Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die gar nicht mehr zur Schule gehen. "Die lungern hier oft herum."

Statt durch ihre Eltern durch die Straße erzogen

Vor ein paar Monaten musste er einen deutschen Jungen auf dem Heimweg zur U-Bahn bringen und von dort abholen, weil ein türkischer Jugendlicher ihn ständig bedrohte. "Er ist schon öfter verprügelt worden. Er hat mir ganz offen seine Angst geschildert." Und in Kreuzberg, wo er früher arbeitete, habe ihn eine türkische Mutter um Hilfe gebeten, weil eine Gruppe von fünfzig bis sechzig Arabern drohte, ihren Sohn zusammenzuschlagen.

Sehr oft seien es Beleidigungen, die wie eine Initialzündung wirkten und Schlägereien zur Folge hätten, so Gürbey. Und dabei herrsche eine Doppelmoral. Jemand, der keine Scheu habe, die typischen Beleidigungen wie "Hurensohn" zu benutzen, nehme sie bei anderer Gelegenheit gerne als Rechtfertigung dafür, dass er zugeschlagen hat. Der Sozialarbeiter glaubt, dass die Familien der Jugendlichen das A und O beim Kampf gegen die Gewalt sind. Was sei schon ein Jugendclub gegen einen Vater, der sagt: "Komm, mein Junge, wir gehen ins Kino"? Viele Jugendliche "werden statt durch ihre Eltern durch die Straße erzogen", sagt Gürsel Gürbey. Ohne Werte, nur mit dem vermeintlichen Halt der Gruppe.

Diese "Erziehung" hat Rieke Hasenfuß, die in der Nähe der Schöneberger Schule einen Buchladen führt, schon öfter zu spüren bekommen. Als sie kürzlich einen Jungen aufforderte, ein Buch zurückzulegen, habe sie zur Antwort bekommen: "Dich bring ich um." Und als sie im letzten Frühjahr mit ihrem anderthalbjährigen Neffen vor der Tür des Ladens stand, sei eine Klasse vom Sportunterricht zurück gekommen. Einer der Jugendlichen sei in die Luft gesprungen und habe so getan, als trete er dem Kleinen ins Gesicht. "Der Lehrer hat nur gesagt: Der fliegt eh bald von der Schule", erzählt die junge Frau. Schon oft seien Jugendliche in ihren Laden gerannt und hätten sie gebeten, die Tür abzuschließen, um ihnen Schutz vor ihren Verfolgern zu geben. "Es ist beinahe zu richtigen Straßenschlachten gekommen", sagt sie. "Es reicht, dass einer vermeintlich blöd geguckt hat." Eine Brutalität, die sie schockiere.

Ein Mann aus Polen, um die vierzig, der um die Ecke einen Zeitungsladen betreibt, sagt: "Es gibt jeden Tag Ärger mit den Jugendlichen. Aber niemand interessiert sich mehr dafür, auch nicht die Polizei." Er habe nur Glück, dass er kein Deutscher sei und deshalb von den arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen akzeptiert würde. Ein Vater aus Kreuzberg erzählt davon, wie sein Sohn im letzten Jahr in der U-Bahn von sieben Jungs abgezogen wurde.

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