Hochkultur für Behinderte Ein Konzert für alle - außer Willi

Willi, 9, liebt Klassik. Trotzdem wird er wohl nie ein Konzert in der Elbphilharmonie hören. Denn Dvorák und Saint-Saëns lassen den geistig Behinderten jauchzen und springen. Eine Zumutung für die übrigen Besucher - oder?
Elbphilharmonie in Hamburg

Elbphilharmonie in Hamburg

Foto: Lukas Schulze/ dpa
Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Armin Himmelrath und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Zehn Jahre lang jammerte Hamburg über die Elbphilharmonie. Aber seit sie eingeweiht wurde, scheint alles Leid vergessen. Voller Stolz blicken wir auf unser neues Konzerthaus wie Eltern auf ihr ehemaliges Sorgenkind, welches trotz Schulverweis und schlechtester Prognosen über den zweiten Bildungsweg ein Medizinstudium absolviert hat.

Dass der Jahrgang meiner Eltern sich schon zu Weihnachten gegenseitig mit Bildbänden und Konzertgutscheinen eingedeckt hatte, wunderte mich nicht, aber ich war überrascht, als ich feststellte, dass offensichtlich auch meine Generation via Facebook und WhatsApp rege die Fernsehübertragung der Einweihungsfeierlichkeiten kommentierte.

Ich dagegen muss zugeben, dass wir die Veranstaltung lediglich für unseren Sohn Willi aufzeichneten. Willi ist auch der Grund, warum ich bei den vielen Berichten und Lobpreisungen der Elbphilharmonie ein schweres Herz bekomme.

Ich höre unseren Bürgermeister "Musikstadt Hamburg" sagen, alle Welt bejubelt den positiven Einfluss klassischer Musik auf das ganze Leben und unsere Elbphilharmonie soll allen Menschen in Hamburg Klassik näherbringen.

Tausendmal Bach für Bläser

Ich habe ein Kind zu Hause, das klassische Musik auch jetzt schon liebt - und nicht etwa wegen der Elbphilharmonie oder weil wir es so bombastisch musikalisch gefördert hätten, sondern ganz aus sich selbst heraus. Unser Sohn Willi scheint mit einem zusätzlich Musik-Gen geboren zu sein. Eine von Willis ersten kommunikativen Fähigkeiten war es, uns zu zeigen, dass er "Peter und der Wolf" hören wollte. Als er selber einen einfachen Kinder-MP3-Player bedienen konnte, wählte er - neben einer Menge Kinder- und Blasmusik - Camille Saint-Saëns Karneval der Tiere, Tschaikowskis Nussknacker und dann Bachs Weihnachtsoratorium zu seinen Lieblingsstücken.

Willi liebt klassische Musik

Willi liebt klassische Musik

Foto: Birte Müller

Heute, mit neun Jahren, wählt Willi, wenn er Fernsehen schauen darf, nicht mehr Shaun das Schaf, sondern Konzertaufzeichnungen. Ein Bachkonzert für Bläser in der Thomaskirche haben wir gefühlte tausendmal gesehen, und es wurde jetzt zum Glück durch einige Cellokonzerte (wieder Saint-Saëns, Tschaikowski und diesmal noch Brahms) und seit Neuestem durch eine Konzertaufnahme des Bayrischen Staatsorchesters unter der Leitung von Carlos Kleiber abgelöst. Ihnen sagt das alles nicht viel? Mir früher auch nicht, ich lerne Klassik selbst erst durch Willi richtig kennen.

Aber bevor jetzt irgendein Leser neidisch wird und sich fragt, welche Instrumente unser Sohn wohl alle beherrscht, sei daran erinnert, dass Willi schwer geistig behindert ist.

Willi kann nicht sprechen oder allein zur Toilette gehen und ganz bestimmt nicht Geige spielen. Und er kann sich leider auch nicht besonders gesellschaftskonform in Konzerten verhalten. Bei Wagners Ritt der Wallküren stillzusitzen, ist für ihn schlichtweg unmöglich, und er jauchzt und frohlockt im Weihnachtsoratorium, wofür nicht viele Leute Verständnis haben - selbst wenn der Chor vorn genaugenommen dazu aufruft.

Willi war Teil der Musik

Wird die Elbphilharmonie wirklich für alle Menschen da sein, selbst für so einen wie meinen Sohn, für den ich keine Verhaltensgarantie abgeben kann?

Einen der schönsten Tage unseres Lebens schenkte uns das NDR-Sinfonieorchester an dessen 70. Geburtstag mit dem Tag der offenen Tür. Dort, im großen Saal, liefen mir die Tränen nur so über die Wangen vor Glück: Das Orchester spielte Dvorák und Willi war mit jeder Faser seines Körpers Teil der Musik. Um uns herum ernteten wir keine bösen Blicke, sondern nur erfreutes Lachen, wenn Willi vor Begeisterung und Erregung zwischen den Stücken laut aufschrie!

Aber es kann auch ganz anders laufen. Letzten Dezember sind wir zum Beispiel von einem Mitglied des Kirchenorchesters gebeten worden, nicht noch einmal das Weihnachtsoratorium mit Willi zu besuchen, da er zu sehr stören würde. Die Musikerin konnte sich nicht konzentrieren. Es handelte sich dabei übrigens um eine Kindervorführung.

Ich war nicht in der Lage zu erklären, dass Willi nur deswegen so ungehalten war, weil das Stück ständig durch einen Erzähler unterbrochen wurde und vor allem, weil es unvollständig gespielt worden war. Ich konnte einfach nur weinen.

Trauen wir uns jemals in die Elbphilharmonie?

Wie exklusiv wird die Elbphilharmonie sein? Werden wir mit Willi dort willkommen sein? Trauen wir uns überhaupt jemals mit ihm dort hin? Oder müssen wir warten, bis es die Konzertreihe "Klassik für Kloppis" gibt, wo dann vielleicht auch noch demente Menschen, psychisch Kranke und andere Außenseiter erwünscht sind? Wie viel Inklusion kann ich meinen Mitmenschen zumuten? Immerhin haben sie viel Geld für Konzertkarten bezahlt und wollen ungestört genießen. Und wie viel Unruhe kann ich den Musikern zumuten?

Gilt hier dasselbe Prinzip wie bei der schulischen Inklusion? Behinderte Menschen sind willkommen, solange sie "die anderen" nicht einschränken?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Elbphilharmonie wirklich "Ein Konzerthaus für alle" sein wird - sogar für Familien wie uns. Es wäre wunderbar!

Von der Aufzeichnung des Elbphilharmonie-Eröffnungskonzertes war Willi allerdings nicht besonders begeistert, obwohl wir natürlich über die Wortbeiträge hinwegspulten. Das lag aber nicht an der Musik, sondern es regte ihn unheimlich auf, dass ständig der Saal gezeigt wurde anstelle des Orchesters. Willi möchte ausschließlich die Stücke hören und dabei die Musiker anschauen. Ein opulenter Konzertsaal im Wert von knapp 900 Millionen Euro interessiert ihn dabei nicht nur reichlich wenig, sondern geht ihm tierisch auf die Nerven.

Zur Autorin
Foto: Matthias Müller

Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Downsyndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.