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25. Mai 2019, 19:22 Uhr

Ganz harte Schule

Wo bekomme ich einen Schwer-nervig-Ausweis für mein Kind?

Eine Kolumne von

Als Mutter eines behinderten Kindes hört sie ständig neue Wortkreationen, mit denen um den Begriff Behinderung herumgeredet wird. Dabei liegt das Problem ganz woanders.

Im vergangenen Jahr hat die FDP im Bundestag den Antrag gestellt, den Schwerbehindertenausweis umzubenennen: Der soll nun Teilhabeausweis heißen. Teilhabe ist momentan eines der beliebtesten Um-das-Wort-Behinderung-Herumredewort. Ausgelöst wurde diese Debatte übrigens durch Hannah aus Pinneberg. Hannah hatte keine Lust mehr, ihren Schwerbehindertenausweis vorzeigen zu müssen. Sie bastelte sich einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis - was definitiv cooler klingt als Teilhabeausweis. Aber Hannah ist ja auch nicht in der FDP.

Für mich persönlich ist das Wort Behinderung so normal wie die Tatsache, dass mein Sohn Willi eine hat. Ich bin ziemlich sicher, dass auch für Hannah der Umstand, dass sie das Downsyndrom hat, kein Problem darstellt. Die Gründe, warum betroffene Menschen und ihre Familien das Wort "behindert" nicht mehr hören mögen, liegen woanders.

Das Wort wird ständig als Schimpfwort missbraucht. Es gibt wohl keinen Schulhof, auf dem es nicht täglich jemandem entgegengebrüllt wird. Ich habe es sogar im Unterricht gehört und in meiner eigenen Familie ernsthaft darüber diskutieren müssen, ob es denn wirklich eine Diskriminierung sei. "Die Kinder sagen das halt so, es ist gar nicht böse gemeint."

Mag ja sein, dass man mit Worten wie "die Jacke ist voll behindert" oder "total schwul" niemanden diskriminieren WILL, aber man TUT es eben trotzdem! Das führt dazu, dass Menschen wie Hannah ihren Ausweis anschauen und sich schlecht fühlen. Umbenannt wurde der Schwerbehindertenausweis aber trotzdem nicht, und aus meiner Sicht hat das auch keinen Sinn. Dann schreien die Deppen eben in fünf Jahren "Brauchst du Teilhabe, oder was?" über den Schulhof.

Schwer in Ordnung, aber schwer nervig

Mir hat die Reaktion des Hamburger Versorgungsamts gut gefallen: Man stellte kurzerhand Hüllen mit dem Schriftzug Schwer-in-Ordnung-Ausweis her. Mittlerweile kann man solche auch kostenlos beim Sozialministerium anfordern. Sie bieten sogar eine Variante an mit den Worten "Meine Teilhabe". Ich hoffe allerdings, man bekommt die Hüllen auch ohne Behinderung, sonst wäre es ja wieder eine Diskriminierung!

Ich fände es toll, wenn man die Hüllen personalisieren lassen könnte. Für Willi würde ich dann einen "Schwer-nervig- Ausweis" bestellen. Willi kann einem wirklich mächtig auf den Senkel gehen. Ehrlich gesagt bin ich manchmal ziemlich frustriert, wenn ich mit Willi im Bus fahre und andere Leute mir schon auf einer Strecke von 20 Minuten demonstrieren, wie unerträglich anstrengend sie mein Kind finden.

Eigentlich meine ich, dass ich statt Vorwürfen oder abgewandtem Kopfschütteln vielmehr Aufmunterung und Zuspruch verdient hätte. Immerhin habe ich die Nerverei durchgängig an der Backe. Es ergibt sich die abstruse Situation, dass manche Mitmenschen für mich in dem Moment zur deutlich größeren Belastung werden als mein behinderter Sohn.

Statt einen Teilhabeausweis würde ich dann gerne Willis "Schwer-nervig- Ausweis" herumzeigen: Tut mir leid, Leute, aber der Junge hat nun mal ein Recht darauf, laut zu schreien, wenn sein Lieblingsplatz besetzt ist und der Busfahrer ständig abrupt in die Eisen geht.

Recht auf Teilhabe - am Alltag mit meinem behinderten Kind

Wenn ich mit Willi in ein offenes Orgelkonzert zur Marktzeit gehe, würde ich am liebsten an alle ANDEREN Zuhörer einen Teilhabeausweis aushändigen. Dieser Ausweis würde zu 30 Minuten Teilhabe am Alltag mit meinem behinderten Kind berechtigen - denn Willi wird nicht neben mir sitzen wollen. Verständlich, er ist in der Vorpubertät und muss fast den ganzen Tag mit Mutti herumhängen.

Willi wird in dem Konzert öfter mal den Platz wechseln, weil ja verdammt viele Plätze in der Kirche frei sind und es überall anders klingt. Er wird mindestens zwei "Opas" die Hand auf den Arm legen und ihnen begeistert die Orgel zeigen und dazu ein zu lautes Geräusch machen. Er wird vielleicht auch kurz tanzen und sicher viel dirigieren. Manchen wird das Freude bereiten, andere wird es stören.

Die Aussage des Konzertverantwortlichen, "er kann gerne am Konzert teilhaben, solange er still hinten auf der Bank sitzt", klingt für mich wie blanker Hohn! Wenn Willi das könnte, wäre er gar nicht behindert und somit auf das gütig gewährte Teilhabe-Almosen auch gar nicht angewiesen.

Neulich durften Willi und ich bei der Probe eines Orchesters zuhören. Das war toll. Aber als wir 30 Minuten, bevor das eigentliche Konzert begann, die Kirche verlassen mussten und an den draußen wartenden Familien vorbeigingen, da schien mir der Wunsch nach Teilhabe irgendwie albern. Hier hätte Willi definitiv einen Ganzhabe-Ausweis gewollt!

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