Ganz harte Schule Wo bekomme ich einen Schwer-nervig-Ausweis für mein Kind?

Als Mutter eines behinderten Kindes hört sie ständig neue Wortkreationen, mit denen um den Begriff Behinderung herumgeredet wird. Dabei liegt das Problem ganz woanders.

Willi bei der Orchesterprobe
Birte Müller

Willi bei der Orchesterprobe

Eine Kolumne von


Im vergangenen Jahr hat die FDP im Bundestag den Antrag gestellt, den Schwerbehindertenausweis umzubenennen: Der soll nun Teilhabeausweis heißen. Teilhabe ist momentan eines der beliebtesten Um-das-Wort-Behinderung-Herumredewort. Ausgelöst wurde diese Debatte übrigens durch Hannah aus Pinneberg. Hannah hatte keine Lust mehr, ihren Schwerbehindertenausweis vorzeigen zu müssen. Sie bastelte sich einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis - was definitiv cooler klingt als Teilhabeausweis. Aber Hannah ist ja auch nicht in der FDP.

  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Für mich persönlich ist das Wort Behinderung so normal wie die Tatsache, dass mein Sohn Willi eine hat. Ich bin ziemlich sicher, dass auch für Hannah der Umstand, dass sie das Downsyndrom hat, kein Problem darstellt. Die Gründe, warum betroffene Menschen und ihre Familien das Wort "behindert" nicht mehr hören mögen, liegen woanders.

Das Wort wird ständig als Schimpfwort missbraucht. Es gibt wohl keinen Schulhof, auf dem es nicht täglich jemandem entgegengebrüllt wird. Ich habe es sogar im Unterricht gehört und in meiner eigenen Familie ernsthaft darüber diskutieren müssen, ob es denn wirklich eine Diskriminierung sei. "Die Kinder sagen das halt so, es ist gar nicht böse gemeint."

Mag ja sein, dass man mit Worten wie "die Jacke ist voll behindert" oder "total schwul" niemanden diskriminieren WILL, aber man TUT es eben trotzdem! Das führt dazu, dass Menschen wie Hannah ihren Ausweis anschauen und sich schlecht fühlen. Umbenannt wurde der Schwerbehindertenausweis aber trotzdem nicht, und aus meiner Sicht hat das auch keinen Sinn. Dann schreien die Deppen eben in fünf Jahren "Brauchst du Teilhabe, oder was?" über den Schulhof.

Schwer in Ordnung, aber schwer nervig

Mir hat die Reaktion des Hamburger Versorgungsamts gut gefallen: Man stellte kurzerhand Hüllen mit dem Schriftzug Schwer-in-Ordnung-Ausweis her. Mittlerweile kann man solche auch kostenlos beim Sozialministerium anfordern. Sie bieten sogar eine Variante an mit den Worten "Meine Teilhabe". Ich hoffe allerdings, man bekommt die Hüllen auch ohne Behinderung, sonst wäre es ja wieder eine Diskriminierung!

Ich fände es toll, wenn man die Hüllen personalisieren lassen könnte. Für Willi würde ich dann einen "Schwer-nervig- Ausweis" bestellen. Willi kann einem wirklich mächtig auf den Senkel gehen. Ehrlich gesagt bin ich manchmal ziemlich frustriert, wenn ich mit Willi im Bus fahre und andere Leute mir schon auf einer Strecke von 20 Minuten demonstrieren, wie unerträglich anstrengend sie mein Kind finden.

Eigentlich meine ich, dass ich statt Vorwürfen oder abgewandtem Kopfschütteln vielmehr Aufmunterung und Zuspruch verdient hätte. Immerhin habe ich die Nerverei durchgängig an der Backe. Es ergibt sich die abstruse Situation, dass manche Mitmenschen für mich in dem Moment zur deutlich größeren Belastung werden als mein behinderter Sohn.

Statt einen Teilhabeausweis würde ich dann gerne Willis "Schwer-nervig- Ausweis" herumzeigen: Tut mir leid, Leute, aber der Junge hat nun mal ein Recht darauf, laut zu schreien, wenn sein Lieblingsplatz besetzt ist und der Busfahrer ständig abrupt in die Eisen geht.

Recht auf Teilhabe - am Alltag mit meinem behinderten Kind

Wenn ich mit Willi in ein offenes Orgelkonzert zur Marktzeit gehe, würde ich am liebsten an alle ANDEREN Zuhörer einen Teilhabeausweis aushändigen. Dieser Ausweis würde zu 30 Minuten Teilhabe am Alltag mit meinem behinderten Kind berechtigen - denn Willi wird nicht neben mir sitzen wollen. Verständlich, er ist in der Vorpubertät und muss fast den ganzen Tag mit Mutti herumhängen.

Zur Person
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Down-Syndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

Willi wird in dem Konzert öfter mal den Platz wechseln, weil ja verdammt viele Plätze in der Kirche frei sind und es überall anders klingt. Er wird mindestens zwei "Opas" die Hand auf den Arm legen und ihnen begeistert die Orgel zeigen und dazu ein zu lautes Geräusch machen. Er wird vielleicht auch kurz tanzen und sicher viel dirigieren. Manchen wird das Freude bereiten, andere wird es stören.

Die Aussage des Konzertverantwortlichen, "er kann gerne am Konzert teilhaben, solange er still hinten auf der Bank sitzt", klingt für mich wie blanker Hohn! Wenn Willi das könnte, wäre er gar nicht behindert und somit auf das gütig gewährte Teilhabe-Almosen auch gar nicht angewiesen.

Neulich durften Willi und ich bei der Probe eines Orchesters zuhören. Das war toll. Aber als wir 30 Minuten, bevor das eigentliche Konzert begann, die Kirche verlassen mussten und an den draußen wartenden Familien vorbeigingen, da schien mir der Wunsch nach Teilhabe irgendwie albern. Hier hätte Willi definitiv einen Ganzhabe-Ausweis gewollt!



insgesamt 48 Beiträge
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Hans.Meier 25.05.2019
1. Beeindruckend offen!
Danke für den Einblick, es legt ohne Drumherum reden offen, welchen Weg wir zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft noch vor uns haben. Teilhabe ist nebenbei bemerkt ein Begriff aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch und dem Sozialgesetzbuch, welches jedem Menschen ein Recht auf chancengleiche Teilhabe an verschiedensten Dingen garantieren soll (nicht ausschließlich auf Menschen mit Behinderung bezogen). Daher ist es nicht unbedingt fair, Lindner diesen Begriff vorzuwerfen. Er ist eher Symptom der durch unser Recht bestimmten Gesellschaft. Somit betrifft diese Kritik uns alle.
kelcht 25.05.2019
2.
Als Träger des grünen Ausweises hat mich das Wort Behindert als Schimpfwort das in Familie und Freundeskreis oft verwendet wurde weil das Rick und Morty auch machen, ist das dann sogar hipp und cool das unkorrekte B Wort zu verwenden. Was gewirkt hat? Die Antilopengang und zwar Danger Dan. Ich habe aus einem Sing dieses Künstler die Worte entnommen Behindert ist ein Schimpfwort Du Hurensohn und es dem Beileidiger umgehend an den Kopf geworfen. Seit dem nisch mehr ein Behinderter als Schimpfwort.
kelcht 25.05.2019
3. @#1
Echt ging das früher ohne Risiko? Man kenne Downies und bin mit ein paar von denen flüchtig befreundet. Einer schaut jetzt im Moment den FCB aber 3. Liga und Risikospiele schließt für mich auf eine gewisse Retadiertheit beim Verein bzw. den Fans.
Cäcilius 25.05.2019
4. Und was kommt als nächster Vorschlag zur Abhilfe des "Problems"?
Und was schlägt hansa_vor als nächste Möglichkeit zur Abhilfe des "Problems" Willi vor? Damit "Andere" nicht "leiden" müssen? Damit ein Mensch wie Willi nicht dem "gesunden Volkskörper" zur Last fällt? Vielleicht etwas zum Einatmen oder eine Spritze? Das hatten wir doch vor rund 80 Jahren schonmal im Lande. Das nannte sich damals "Aktion T4", auch als "Euthanasie" bezeichnet. Der Schritt vom Vorwurf gegenüber Eltern "so ein behindertes Kind hätten Sie doch verhindern können/müssen" zu "das ist lebensunwertes Leben" ist nur ganz klein. Wie sagte Brecht ganz richtig: "Dass keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
milla6 25.05.2019
5.
Ich hab zwei gesunde Jungs und könnte auch mindestens zweimal jeden Tag den "ich-bin-heute-nervig" Ausweis vorzeigen..... Das Problem sind nicht unsere Kinder (egal ob behindert oder nicht behindert).... das Problem ist das Umfeld welches immer weniger Freude an echter Lebensfreude, Individualität und immer weniger Toleranz gegenüber intensiven Gefühlslagen und Verhaltensweisen hat..... wehe man fällt auf.....
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