Ganz harte Schule Mein Sohn, der Zuckerdealer

Darf man als Mutter seinem Kind eine Honigstulle in die Brotdose packen? Unsere Kolumnistin entschied: Man darf. Dann prasselte der Ärger von Lehrern und Müttern auf sie ein. Sie hatte die Rechnung ohne die Zuckerpolizei gemacht.
Diese Pausenbrote würden wohl als gesund durchgehen

Diese Pausenbrote würden wohl als gesund durchgehen

Foto: imago images
Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath, Andrea Müller und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Ein paar Tage nach Bens zehntem Geburtstag lag ein handgeschriebener Zettel in seiner Brotdose. Ein - anonymer - Erzieher der Nachmittagsbetreuung schrieb: "Nachdem Ben letzte Woche bereits ein Honigbrot dabei hatte - achten Sie bitte darauf, dass Ihr Sohn zukünftig keine Süßigkeiten mehr mit in die GBS bringt. Und die auch noch an andere Kinder verteilt...." Keine Unterschrift.

Zu der Sache mit dem Honigbrot komme ich später noch.

Dass mein Sohn in Zeiten hysterischer Anti-Zucker-Militanz mit süßen Überresten seiner Geburtstagsparty handelt, liegt vielleicht am Händler-Gen seiner Urgroßeltern. Auch wenn es auf elterlicher, unpädagogischer Anleitung basiert - quasi als Konsequenz seiner Zucker-Party im Bonbonladen.

Rund vierzig übrig gebliebene, psychedelisch bunte, handgedrehte Lollis hatten den Jubilar veranlasst, die kollektive Saccharose-Überdosis in der Schule zu verteilen. So standen also sämtliche Mitschüler nachmittags Lollis kauend auf dem Schulhof herum, was die meisten Eltern lachend zur Kenntnis nahmen.

Bis auf eine Mutter.

Sie beschwerte sich beim Elternrat. "Dieser Junge" - gemeint ist Ben - habe nicht nur "häufiger Hubba-Bubba-Rollen in der Hosentasche, die er mitten auf dem Schulhof demonstrativ abrollt und im Rachen versenkt, um später ballongroße Blasen zu pusten", sondern, und das schlage dem Fass den Boden aus: Er habe Lollis an Kinder auf dem Pausenhof verteilt. Und manche sogar verkauft, so auch ihrem Sohn!

Auch das noch. Mein Sohn als Zuckerdealer!

Mir ist ja bekannt, dass Grundschul-Eltern in urbanen Stadtteilen inzwischen für die Abschaffung von Schulmilch auf die Straße gehen, Grund: zu viel Milchzucker. Am Prenzlauer Berg werden bei Einschulungen Verträge gegen Zucker unterzeichnet, im Ranzen liegen auch hier seit neuestem Merkzettel, auf denen steht, was in die Brotdose gehört (Vollkorn-Dinkel-Käse-Stulle) und was nicht (Hefezopf mit Honig).

Meine Freundin, alleinerziehende Mutter zweier Jungs und Ärztin, hatte neulich die Mail einer Grundschullehrerin in ihrem E-Mail-Eingang, die sie mir, empört über die Maßregelung, postwendend weitergeleitet hat:

"Liebe Frau S., zum Thema Schulfrühstück kurz Folgendes: In eine Brotdose gehört kein Kuchen und in die Trinkflasche ausschließlich Wasser. Bei Johann eine Ausnahme zu machen, wäre den anderen Kindern gegenüber ungerecht und schwer zu rechtfertigen. Gerne habe ich in Zukunft ein Auge auf Johanns Essverhalten in der Pause und kann ihn motivieren, den hoffentlich demnächst nur noch gesunden Inhalt seiner Brotdose zu essen. Ich denke, Sie verstehen das."

Die Nachricht der frisch der Schulbank entwachsenen Grundschullehrerin liest sich zwischen den Zeilen so: Na, gehören Sie angesichts ihres asozialen Verhaltens auch zu den Ignoranten oder gar zur Unterschicht, wo die Faktenlage über die Schädlichkeit von Zucker noch nicht angekommen ist? Was packen Sie ihrem Kind als Nächstes in die Brotdose? Ein Tütchen Gras?

Ganz abgesehen davon, dass Johanns Mutter jeden Abend, wenn sie aus dem Krankenhaus kommt, ihren Kindern warmes und gesundes Essen kocht. Und selbst, wenn Johann dicklich, kränklich oder mangelernährt wäre: Sind Lehrer und alle anderen Zuckergegner in diesem Land die Einzigen, die wissen, was unsere Kinder essen müssen? Ist es nicht übergriffig, sogar Eltern etwas untergewichtiger Kinder (wie Ben oder Johann) vorzuschreiben, dass für alle das Gleiche gilt - wie in einer Militärdiktatur? Wie im Sozialismus unter der Herrschaft der Staatspartei?

Zur Autorin
Foto: Yvonne Schmedemann

Aufgewachsen in Süddeutschland hat Andrea Müller als Katastrophenschülerin dann doch noch das Abi geschafft. Heute lebt sie mit ihren beiden Söhnen (10 und 15 Jahre alt) in Hamburg. Sie arbeitet als Gesellschafts-Journalistin für verschiedene Medien und ist wahnsinnig froh, dass sie selbst nicht mehr zur Schule muss.

Ich verstehe ja, dass sich die Zuckergegner auf der Seite der Guten und Gesunden wähnen, auf Seiten derer, die moralisch im Recht sind. Aber warum machen sie den Anti-Zucker-Terror zur Ersatzreligion? Es ist die Militanz des Zeitgeistes, die so nervt, weil sie einen unmündig macht und einem uralte Erkenntnisse immer wieder als neu verkauft.

Jeder weiß doch, dass in fast allen Lebensmitteln - auch in Tütensuppe, Fertigbolognese oder Tiefkühlpizza, Säften oder Fruchtjoghurts - massenweise Zucker drin ist. Und was hindert Eltern von Schulkindern, im Supermarkt die Zutatenliste von Fertigprodukten zu studieren, ehe sie ihren Sprösslingen überzuckerte Müsliriegel in die Brotdose packen? In der Annahme, das sei so richtig gesund?

Nein, ich plädiere nicht für Muffins statt Käsestulle in der Lunchbox, ich bin grundsätzlich für die maximale Eingrenzung von Gefahren im Schulalltag, für Initiativen der Gewaltfreiheit, Aufklärung über Drogen, Alkohol, Mobbing. Aber Eltern, die gegen Zucker als Feind in der Brotdose fighten und revoluzzermäßig im Schulhof Flugblätter verteilen, auf denen "Die Wahrheit über Milchzucker" steht? Die andere anschwärzen, weil ihre Kinder Kaugummis in der Hosentasche horten? Oder mit Lollis dealen?

Mein 15-Jähriger würde sagen: "Pah, was für Lappen!"

Gerade kam noch eine WhatsApp meiner Freundin: Sie hat die ersten Weihnachtskekse des Jahres in Johanns Brotdose gepackt. Jetzt wartet sie auf eine Mail aus der Schule.

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