Ganz harte Schule "Auf welches Gümmi kommst du?"

Gegen Ende der Grundschulzeit werden Kinder ständig gefragt: "Auf welches Gymnasium gehst du denn im Sommer?" Dass Erwachsene dauernd nachbohren, wirft allerdings eine ganz andere Frage auf.

Letzte Woche war ich mit unserer Tochter beim Arzt - Mittelohrentzündung. Die Ärztin versucht etwas Smalltalk mit Olivia während der Untersuchung.

"In welcher Klasse bist Du jetzt?"

"In der Vierten."

"Ach, auf welche Schule kommst Du denn im Sommer? Auf's WDG?"

WDG steht für Walddörfer Gymnasium. Es liegt direkt bei uns um die Ecke.

Olivia verneint. Also fragt die Ärztin weiter: "Auf's Meigym?"

Meigym ist der Spitzname für das Meiendorfer Gymnasium, aber Olivia hat keine Ahnung davon. Wir haben mit ihr nicht die Infoveranstaltungen aller im Umkreis unserer Wohnung liegenden Gymnasien besucht.

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Ich bin versucht, meine Tochter zu erlösen, indem ich die Frage für sie beantworte, bevor die Frau noch mehr Gymnasien aufzählt. Aber das darf man ja als Mutter nicht. Irgendwann antwortet Olivia ungewohnt leise: "Ich weiß gar nicht, wie meine neue Schule heißt, es ist die Stadtteilschule." Unterhaltung beendet.

Da wo wir wohnen, wird anscheinend vorausgesetzt, dass Kinder von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Auch den Kindern ist das so eingeimpft, so dass die Frage "Auf welches Gümmi kommst Du?" unter Olivias Freundinnen seit Mitte der dritten Klasse ganz alltäglich ist.

Ich wunderte mich, dass sie die Wörter überhaupt kannte. Aber in ihrer Grundschule waren das anscheinend die gängigen Horrorszenarien, neben "Macht nur so weiter, dann könnt ihr ja Friseurin oder Bäcker werden!"

Wir schoben also die Hausaufgaben beiseite und ich erklärte, so gut ich konnte, was ein Gymnasium ist und was "Abitur" bedeutet.

Na klar! Ein Jahr weniger Schule!

Wieder brach Olivia in Tränen aus: "Waaaaaas? Zwölf Jahre muss man zur Schule gehen!" Ich erläuterte, dass es auch die Stadtteilschule gäbe, an der man ebenfalls sein Abitur machen könne, dort aber nach 13. Jahren. Und plötzlich schien es Olivia einzuleuchten, warum man unbedingt aufs Gymnasium muss: Na klar! Ein Jahr weniger Schule!

Dann klärte ich Olivia darüber auf, dass aber auch ein Leben OHNE Abitur möglich ist - ja, dass man am Ende der 10. Klasse seinen Mittleren Schulabschluss machen oder sogar schon nach der 9. Klasse eine Ausbildung beginnen kann - hoffte aber insgeheim, dass uns letzteres nicht unbedingt betreffen möge.

Den ganzen Abend über fragte mich Olivia Berufe ab, die man ohne Abitur lernen kann. Friseurin oder Bäckerin fand sie eigentlich gar nicht schlecht, aber am Ende entschied sie sich doch für Bauarbeiterin oder Goldschmiedin - das wahrscheinlich aber nur in der Hoffnung, königliches Geschmeide mit nach Hause nehmen zu dürfen.

Jetzt, zum Ende der vierten Klasse, interessiert sich Olivia nicht mehr für Goldglitzer und fürs Abitur schon gar nicht. Ich finde das beruhigend, sie ist zehn Jahre alt! Leider nimmt das Schulsystem darauf wenig Rücksicht.

Nun, wo Olivia endlich ohne Bauchweh zur Schule fährt, könnte die Grundschulzeit für uns gern noch zwei Jahre andauern. Aber leider konnte der Hamburger Senat 2010 die Schulreform an dem Punkt nicht durchsetzen. Die Kinder werden in Hamburg also weiter nach der vierten Klasse getrennt, und die Eltern entscheiden, ob sie danach auf Stadtteilschulen oder Gymnasien gehen.

Meine Überzeugungen haben sich komplett verändert

Bevor ich Kinder hatte, habe ich diese Frage, auf welche Schule man sein Kind schickt, noch für eine politische Entscheidung gehalten. Und da wäre klar gewesen: Natürlich, es muss die Stadtteilschule sein, wo Kinder - unabhängig von ihrer Leistung - noch viele Jahre zusammen lernen können. Bei Olivia tue ich aus meiner Sicht also sogar das politisch Korrekte.

Aber würde es um gesellschaftliche Überzeugungen gehen, hätte ich meinen behinderten Sohn natürlich nicht in einer Sonderschule anmelden dürfen, sondern hätte Willi auf Biegen und Brechen inklusiv beschulen lassen müssen. Nach fast sechs Jahren Erfahrung mit einer Förderschule und vier Jahren mit der Regelschule haben sich meine Überzeugungen allerdings komplett verändert.

Zur Person
Foto: Matthias Müller

Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Down-Syndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

Während ich früher dachte, ich müsste für die Abschaffung der Förderschule sein, so scheint sie mir heute als glänzendes Vorbild bei Binnendifferenzierung, Sozialverhalten oder jahrgangsübergreifendem Lernen. Ausgerechnet die Existenzberechtigung der Förderschulen stellt man nun aber infrage - mit dem Argument, damit würden Kinder selektiert. Warum schafft man mit dem gleichen Argument nicht stattdessen die Gymnasien ab?

Am besten lösen wir einfach die Regelschulen komplett auf und unterrichten alle Kinder gemeinsam in Förderschul-Kleingruppen mit zusätzlicher Hilfe von Sozialpädagogen, Therapeuten und einer echten Bildung zum Anfassen!

Wäre unsere Tochter allerdings latent unterfordert und völlig problemlos durch die Grundschule geflutscht, hätte ich sie wahrscheinlich, politisch ganz unkorrekt, mit ihren Freundinnen auf dem Gümmi angemeldet und würde das jetzige Schulsystem möglicherweise ganz prima finden - bis auf die mangelhafte Förderung der Hochbegabten vielleicht.

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