50 Jahre Ganztagsschule Als Politiker das Ende der Familie fürchteten

1969 wurden die ersten Ganztagsschulen in Deutschland beschlossen. Bildungsforscher Klaus Klemm erklärt, woran es damals hakte - und warum Eltern und Pädagogen auch heute nicht immer dasselbe wollen.
Von Britta Mersch
Schulkinder in den Siebziger Jahren

Schulkinder in den Siebziger Jahren

Foto: Sparwasser/ fStop/ Getty Images

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen ganz gut aus. Es gibt Bundesländer wie Sachsen, das Saarland oder Hamburg, die Ganztagsschulen fast flächendeckend eingeführt haben. Und bundesweit besuchen heute rund 3,2 Millionen Schüler eine Ganztagsschule - das ist etwa die Hälfte aller Schüler in Deutschland.

Die Schulen mit Vor- und Nachmittagsunterricht werden kontinuierlich ausgebaut. Das zeigen aktuelle Zahlen der Kultusministerkonferenz . Und trotzdem läuft nicht alles optimal: Schon bei der Definition gibt es Streit.

Die Kultusministerkonferenz versteht unter Ganztagsschulen bereits Schulen, in denen im Primar- und Sekundarbereich 1 "an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für die Schülerinnen und Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst". Rein rechnerisch kommen manche Schulen also nicht über ein Angebot von bis zu 14 Uhr am Nachmittag hinaus.

Auch ist die Teilnahme am Nachmittagsprogramm in den meisten Ganztagsschulen, insbesondere an Grundschulen, freiwillig. Bei diesem so genannten offenen Ganztag können dann die Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder bis zum Nachmittag in der Schule lassen oder zur Mittagszeit abholen.

Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm findet das inkonsequent. Er wünscht sich mehr Mut, echte Ganztagsschulen einzuführen. Im Interview erklärt er, wo vor 50 Jahren die Geburtsfehler der Ganztagsschulen lagen - und warum die Kultusministerkonferenz am 3. Juli 1969 trotzdem richtig lag, als sie ein Experimentalprogramm für Ganztagsschulen in Deutschland einführte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klemm, wer Schulen verändern will, braucht ziemlich viel Beharrungsvermögen - zumal in Deutschland. War das vor 50 Jahren auch so, als die Kultusminister ihr Ganztagsschulprogramm beschlossen?

Klaus Klemm: Und ob! Man muss sich die Ausgangssituation ins Gedächtnis rufen. 1970 besuchten etwa 0,4 Prozent aller Schüler eine Ganztagsschule. Gleichzeitig gab es eine Diskussion über Ungleichheit im deutschen Bildungssystem. Das katholische Arbeitermädchen vom Lande als Inkarnation von Ungleichheit war damals in aller Munde. Damals hat der Deutsche Bildungsrat empfohlen, Ganztagsschulen und Gesamtschulen einzurichten. Da schwang immer die Idee mit, die Ungleichheit in der Bildungsbeteiligung aufzubrechen. Keiner hat geglaubt, man könne sie völlig verschwinden lassen. Aber zumindest aufbrechen und abschwächen.

SPIEGEL ONLINE: Und das stieß auf Widerstand?

Klemm: Viele glaubten damals, Kinder gehören nachmittags in ihre Familien und nicht in die Schule. Ich erinnere mich an ein Zitat aus einer Rede, die Lothar Späth, damals Ministerpräsident in Baden-Württemberg, 1980 gehalten hat. Da sagte er, die Ganztagsschule sei der Versuch, die Kinder aus den Familien herauszureißen. Das war eine heftige politische Kontroverse: "Ganztagsschule schadet der Familie", das war gängige Meinung - und diese Haltung ist zumindest in konservativen Kreisen erst sehr viel später aufgebrochen.

Eigentlich haben wir in westdeutschen Bundesländern bis Anfang 2000 eine starke Aversion gegen Ganztagsschulen gehabt. In den neuen Bundesländern war man weniger skeptisch. In der DDR hatte die frühkindliche Betreuung in Krippen und auch die begleitende Betreuung in Schulen und Horten Tradition.

ZUR PERSON

Klaus Klemm war bis 2007 Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen. Bis Ende 2006 war er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der PISA-Studien, 2010 wurde er in den Expertenkreis "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. berufen.

SPIEGEL ONLINE: Heute bestreitet auch in Westdeutschland kaum noch jemand die Notwendigkeit von Ganztagsschulen. Wie kam es zu diesem Umdenken?

Klemm: Das geht zu großen Teilen auf die Pisa-Studie zurück. Sie löste eine heftige Diskussion aus. Schon im Dezember 2001, kurz nach Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse, gab es ein Handlungsprogramm der Kultusministerkonferenz, in dem das Stichwort "Ausbau der Ganztagsschule" als Handlungsfeld formuliert wurde, mit dem man auf die miserablen Ergebnisse der Schüler bei Pisa reagieren wollte. Edelgard Bulmahn war damals Bundesbildungsministerin und Gerhard Schröder wollte sich zum zweiten Mal zum Kanzler wählen lassen. Die Ganztagsschule war damals das bildungspolitische Wahlkampfthema schlechthin.

SPIEGEL ONLINE: Für die SPD war das ein Erfolg: Schröder wurde wiedergewählt. Und zwischen 2003 und 2009 flossen vier Milliarden Euro in den Ausbau von Ganztagsschulen. Das Programm hatte den Titel "Zukunft Bildung und Betreuung".

Klemm: Tatsächlich war das ein Programm mit Zündstoff. Und es gab einen weiteren Grund für den Ausbau, der nichts mit Pädagogik zu tun hatte. Die Wirtschaft hatte das Potenzial von Frauen auf dem Arbeitsmarkt erkannt. Dass so viele Frauen gut ausgebildet wurden und dann zu Hause in der Familie blieben, wurde von der Wirtschaft massiv beklagt. Insofern bekam die pädagogische Diskussion einen ökonomischen Schub. Aus der 'unheiligen' Allianz von Ökonomie und Pädagogik wächst also manchmal auch etwas Gutes.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wurden die Ganztagsschulen weiterhin nur halbherzig umgesetzt. Bis heute zum Beispiel arbeiten viele Schulen mit einem offenen Konzept. Damit bleibt der Ganztag freiwillig und ist nicht verpflichtend.

Klemm: Damit vergeben sich die Ganztagsschulen ein ganz, ganz wichtiges Instrument. Wir alle wissen, dass man Unterricht in der sechsten oder siebten Stunde eigentlich sein lassen kann, weil die Kinder zu dieser Zeit in einem Aufnahmetief sind. In der gebundenen Ganztagsschule, wo alle Kinder am Nachmittag anwesend sind, kann man den Tag ganz anders gestalten und einen Teil des Unterrichts am Nachmittag anbieten. So könnte man sich dem biologischen Rhythmus von Heranwachsenden besser anpassen. Und man hätte mittags nicht die soziale Trennung, dass einige Kinder nach Hause gehen und andere in der Schule bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat die Politik den verpflichtenden Ganztag nicht konsequenter umgesetzt?

Klemm: Das liegt zum einen an den Kosten. An Schulen fehlen die Räumlichkeiten und das Personal. Wir wissen aber aus Elternumfragen, dass zwar 70 Prozent die Ganztagsschule wollen, aber nur etwa 40 Prozent davon das gebundene, also verpflichtende Konzept. Die Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder noch Zeit haben für andere Freizeitangebote wie Sport oder Musik. Das ist in Deutschland die große Barriere. Leider stehen pädagogische Argumente beim Ausbau von Ganztagsschulen nicht immer im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, um an dieser Situation etwas zu ändern?

Klemm: Schon vor zwei Jahren haben vier Stiftungen die Publikation "Mehr Schule wagen" veröffentlicht, an der ich mitgearbeitet habe. In dieser Publikation haben wir vier Handlungsfelder definiert. Wir haben zum Beispiel verlässliche Schulöffnungszeiten empfohlen, optimalerweise acht Stunden an fünf Tagen die Woche. So wird es möglich, den Unterricht mit den Angeboten des Ganztags optimal zu verzahnen. Außerdem brauchen wir zusätzliches Personal, Empfehlungen für Raumkonzepte, ausreichende Finanzmittel, um den Ganztag konsequent umzusetzen. Zu Beginn müsste man sicherlich mit Kompromissmodellen starten, doch mit diesen Änderungen hätte die Ganztagsschule echtes Potenzial.

SPIEGEL ONLINE: Und wie groß sind die Chancen, dass diese Änderungen auch wirklich umgesetzt werden?

Klemm: Gute Schulpolitik braucht mutige Kultusminister. Das war schon 1969 so - und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich hoffe einfach auf den Mut - und die Einsicht - der Verantwortlichen.

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