Ganztagsschulen Der Bikini-Effekt

Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier steckte ihre Lehrer in Quarantäne, damit sie sich nicht mit dem Ganztags-Virus infizieren - zu spät, denn das Vier-Milliarden-Programm zeigt überall Wirkung. Das Gezerre zwischen Bund und Ländern ist vielen Lehrern herzlich egal, kühn brechen sie die traditionelle Schule auf.

Von


Letzten Mittwoch war Bayern für Lehrer kein Freistaat mehr. Die weißblaue Kultusbürokratie verweigerte ihnen die Genehmigung für Dienstreisen ins benachbarte Baden-Württemberg. Im schwäbischen Bad Boll traf sich Deutschlands pädagogische Crème für die Schule von 8 bis 16.30 Uhr. Mit dem Ausreisestopp wollten die Beamten aber einen Erfahrungsaustausch bayerischer Lehrer mit Pädagogen anderer Bundesländer offenbar verhindern. Der Unterrichtsbezug der Boller Ganztagsschultagung, so heißt es in einem SPIEGEL ONLINE vorliegenden Schreiben, "erscheint nicht ausgeprägt genug".

Der lange Arm der Ministerin: Monika Hohlmeier hält wenig von Ganztagsschulen
AP

Der lange Arm der Ministerin: Monika Hohlmeier hält wenig von Ganztagsschulen

In Bayern gilt die Ganztagsschule, die allerlei reformpädagogische Experimente begünstigt, als unerwünscht bis verhasst. Von Anfang an gebärdete sich Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) als erbitterte Gegnerin der rot-grünen Ganztagspläne. Die Bundesregierung will ein Viertel der 40.000 deutschen Schulen zu verlässlicher Betreuung bis zum Nachmittag befähigen - und pumpt satte vier Milliarden Euro in das Investitionsprogramm.

Zwar werden auch im Süden fleißig neue Ganztagsschulen beantragt. Aber zur Fortbildung in der Evangelischen Akademie Bad Boll durfte Bayerns Lehrerschaft nicht. So lehnte das Regierungspräsidium die Dienstreise der Leiterin eines staatlichen Schulamtes ab: "Ein aktueller Handlungsbedarf" sei nicht gegeben. Und sogar einer bayerischen Schülersprecherin wurde die Fahrt zu den Ganztagspädagogen ausgeredet. Sie solle lieber zuhause bleiben und lernen, beschied ihr der Rektor - und informierte sicherheitshalber die Eltern der jungen Dame.

Weg vom starren Dreivierteltakt

Der Arm der Kultuschefin, das hat in Bayern Tradition, reicht hinunter bis in die Einzelschule fernab von München. Bloß keine Experimente, lautet die Devise. Und so falsch liegen Bayerns Behörden mit ihren Befürchtungen nicht. Zwar muss sich das Ganztagsschulprogramm des Bundes aus Verfassungsgründen auf Baumaßnahmen und Einrichtung beschränken. Aber stets wirkt sich die Erweiterung einer Halbtagsschule über den Mittag hinaus auch auf die Pädagogik aus. "Für mich ist das Ganztagsschulprogramm des Bundes erstmal Geld, das ich gut gebrauchen kann", berichtet Mathias Kessler von der Dorfackerschule in Tübingen. "Aber dieses Geld setzt pädagogisch ungeheuer viel in Bewegung, das bricht die traditionelle Schule auf."

Schüler: Abkehr vom starren Stundenplan
DDP

Schüler: Abkehr vom starren Stundenplan

In Kesslers Schule machte man sich bereits seit geraumer Zeit Gedanken über einen klügeren Umgang mit Hauptschülern. Die Fördermittel aus dem Hause von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) schaffen nun neue Räume - und bessere Möglichkeiten. Wenn die Dorfackerschule den Zuschlag bekommt, entstehen neben einer Cafeteria fürs Mittagessen auch Werkräume, ein Wintergarten und ein Zimmer für stilles Lernen. Oder einfach für Ruhe. "Wenn sie den ganzen Tag in der Schule verbringen", so Konrektor Kessler, "müssen die Kinder eine Rückzugsmöglichkeit haben." 250.000 Euro haben die Tübinger dafür in Berlin beantragt.

Kesslers Kollege Martin Bizer war nicht so bescheiden. Für das Stuttgarter Württemberg-Gymnasium erhält der neue Rektor demnächst stolze 2,5 Millionen Euro. Zwei Drittel davon schießt Berlin zu. In dem Gymnasium wird etwas verstärkt, was nicht selbstverständlich zur deutschen Schultradition gehört: Lernen und Gemütlichkeit. "Die Schule muss der Ort sein, an dem man sich wohl fühlt", sagt Bizer. Eine Cafeteria gibt es an dem 800-Schüler-Gymnasium schon seit 18 Jahren. Die Bundesmittel machen aus dem Provisorium nun einen vielseitig nutzbaren Speisesaal - und schaffen Raum.

"Bikini-Modell deckt nur das Nötigste ab"

Räume, Ruhe, Rhythmus - das sind die drei R, die das Lernen in Ganztagsschulen verändern. Die Halbtagsschule bedeutet den Versuch, im Dreiviertelstundentakt Wissensportionen in die Köpfe der Schüler zu füllen. Nun erlaubt es die Ganztagsschule neue Lernformen, zur Vermittlung soll Erfahrung hinzukommen. Und die Verlängerung des Schultages ermögliche auch seine Rhythmisierung, sagt dazu Manfred Spitzer. Für den Ulmer Hirnforscher heißt das: Abschied vom Lernen nach Plan. "Wir müssen in der Ganztagsschule den Stundenplan sein lassen. Schule kann endlich dem nachgehen, was den Schülern beim Lernen Spaß macht."

Grafik: Ganztagsschulen beliebt
DER SPIEGEL

Grafik: Ganztagsschulen beliebt

Die Cracks der Ganztagsschulszene allerdings sind enttäuscht vom Bundesprogramm - es lege zu wenig Wert auf pädagogische Qualität und verbinde den Unterricht am Vormittag zu wenig mit dem, was nachmittags geschehe. "Was dabei herauskommt, ist bloß ein Bikini-Modell", witzelt etwa Heinz Günter Holtappels vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung - "zwei unverbundene Teile, die nur das Nötigste abdecken." Viele Bundesländer indes nehmen exakt die Gegenposition ein. Nur zähneknirschend haben sie hingenommen, dass Bulmahns Investitionsprogramm überhaupt pädagogische Maßstäbe an neue Ganztagsschulen enthält.

Hier überzeugte Anhänger, dort klammheimliche Gegner - dem pädagogischen Mainstream ist das Gezerre einerlei. Landauf, landab werden die Möglichkeiten ausgelotet, Schule über den Vormittag hinaus zu verlängern und dabei zu verbessern. Der Impuls kommt von überall: Gymnasien versuchen, per Ganztagsprogramm ein bisschen von der Unterrichtszeit zu retten, die ihnen bei der Verkürzung von neun auf acht Jahre flöten geht. Kommunen sehen eine elegante Möglichkeit, ihre Halbtagsschulen baulich aufzuwerten - und nehmen die neuen pädagogischen Standards dabei gern in Kauf. Die wichtigste Kraft sind engagierte Lehrer. Aber auch Sportvereine und Kirchen fragen plötzlich freundlich bei Schulen an, ob man nicht zusammenarbeiten könne.

"Oben Waffengeklirr, unten Bewegung"

Selbst Gegner aus den unionsregierten Ländern, die lange gegen das Programm von Bulmahn und Kanzler Schröder opponierten, haben inzwischen die Fronten gewechselt. Vielen Ländern geht es ähnlich wie in Niedersachsen, wo die Mittel sind derart gefragt sind, dass bereits erste Förderbeträge für das Jahr 2005 vorgezogen werden. "Ich würde sofort 100 neue Ganztagsschulen genehmigen", sagte etwa Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) der Berliner "taz", "wenn mir der Bund 30 Millionen Euro für Personal gäbe."

Ganz ohne Schuldzuweisung und Häme geht's in Kultusfragen eben nicht. Das weiß auch Heike Kahl von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. "Oben gibt es viel Waffengeklirr zwischen Bund und Ländern, aber unten an der Basis der einzelnen Schule ist richtig viel in Bewegung gekommen", sagt die Geschäftsführerin jener Organisation, die nun eine Mittlerrolle zwischen den föderalen Streithähnen einnehmen soll.

Ihre Stiftung soll eine Datenbank über die neuen Schulen anlegen und zugleich Kontakte zu besonders gelungenen Beispielen ganztägiger Schulpraxis zu vermitteln. Hilfe ist also nah - auch für bayerische Pädagogen, die von ihrer Ministerin in Ganztagsquarantäne gehalten werden.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.