Modellrechnung Ganztagsschulen zahlen sich aus - auch für den Staat

Der Ausbau der Ganztagsbetreuung ist teuer. Doch das Geld ist bestens investiert, sagen Forscher. Sie sehen Vorteile für Kinder, Eltern - und die öffentlichen Kassen.
Grundschülerin in Baden-Württemberg (Archivbild)

Grundschülerin in Baden-Württemberg (Archivbild)

Foto: Felix Kästle/ dpa

Es ist ein zentrales Versprechen der Bundesregierung: Eltern sollen ab dem Jahr 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen bekommen, heißt es im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Allerdings fehlen dafür noch über eine Million Plätze. Zurzeit besuchen nur rund 40 Prozent der 2,8 Millionen Grundschüler eine Ganztagsschule.

Um die Ankündigungen umzusetzen, müssen die meisten Bundesländer gewaltig investieren. Denn die regionalen Unterschiede sind groß. In Hamburg liegt die Quote bei der Ganztagsbetreuung bei 98,2 Prozent, in Baden-Württemberg gerade einmal bei 16,7 Prozent.

Dass sich die Investition in zusätzliche Betreuung auszahlen würde, rechnet nun eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vor, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt.

Die Forschergruppe um die Ökonomen Tom Krebs und Martin Scheffel kommt in einer Modellrechnung zu dem Ergebnis, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung sowohl für Kinder als auch für Eltern und den Staatshaushalt positive Effekte hätte:

  • Kinder profitieren demnach von besseren Bildungschancen. Vor allem sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler, die etwa keinen Zugang zu Nachhilfe haben, könnten durch die Lernförderung höhere Abschlüsse erreichen, schreiben die Forscher.
    Das zahle sich auch finanziell aus: Die benachteiligten Kinder könnten dadurch ihre Einkommenschancen verbessern. Voraussetzung für den Erfolg sei allerdings, dass an den Ganztagsschulen qualifiziertes Personal eingesetzt wird und es pädagogisch wirksame Angebote gibt.
  • Eltern würden laut der Studie von der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren: "Die verbesserte Schulkindbetreuung unterstützt das Bemühen von Müttern, ihre Arbeitszeit auszuweiten und ihren Stundenlohn zu steigern." Bis zu 54.000 Vollzeitstellen könnten so bis 2030 entstehen.
  • Volkwirtschaftlich würden sich die Investitionen in absehbarer Zeit durch höhere Staatseinnahmen refinanzieren, schreiben die Forscher. Schließlich entstünden dank Ganztagsbetreuung zusätzliche und höherwertige Jobs, gleichzeitig würden dadurch die Sozialausgaben sinken.

Die Forscher nehmen für ihre Berechnung an, dass der Bund zusätzlich zu den versprochenen zwei Milliarden Euro Anschubfinanzierung für den Ausbau von 500.000 Ganztagsplätzen dieselbe Summe in der nächsten Wahlperiode zuschießt. Die Investitionen in den Ausbau von dann einer Million Plätzen sowie die zusätzlichen Ausgaben für Personalkosten würden sich binnen 17 Jahren amortisieren, berechnen die Wissenschaftler.

Schwächen der Studie

Da es sich um eine Modellrechnung handelt und die Forscher eine Zukunftsprognose erstellen, gibt es keine Garantie, dass die Annahmen so auch tatsächlich eintreffen. Das Modell beruht aber auf realen Daten. "Jede Annahme ist empirisch fundiert", betont Volkswirtin und Mitautorin Manuela Barisic. Zudem seien die Annahmen so gewählt, dass die Forscher die Effekte - etwa wie viele Mütter aufgrund des Betreuungsangebots mehr arbeiten - eher unter- als überschätzten.

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Dazu kommt: So positiv die Erkenntnisse der Wissenschaftler wirken, so unwahrscheinlich ist es, dass der flächendeckende Ausbau des Ganztags in den kommenden Jahren gelingt. Die Kommunen lehnen das Recht auf Ganztagsbetreuung ab. Es sei zum einen finanziell nicht machbar, gab der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, der neuen Bundesregierung im vergangenen Jahr mit auf den Weg. Er schätzte die Kosten bis 2025 auf bis zu 18 Milliarden Euro.

Damit übersteigt seine Annahme die der Bertelsmann Stiftung. Die Wissenschaftler gehen in ihrer Berechnung neben den vier Milliarden Euro Investitionskosten des Bundes von jährlich einer Milliarde Euro für zusätzliche Personalkosten aus.

Zum anderen fehle es an Personal. Der Lehrermangel in Deutschland ist schon jetzt groß, doch für den Ausbau würden zusätzliche Lehrkräfte benötigt. Laut Städte- und Gemeindebund würden bis zum Jahr 2025 mehr als 600.000 Erzieher und Lehrer gebraucht. Der Bildungsforscher Klaus Klemm geht von zusätzlich 102.000 Lehrkräften aus.

Um diese Probleme weiß auch Studienmitautor Dirk Zorn. Auch er bezweifelt, dass es bereits bis 2025 genügend Ganztagsplätze gibt, sagte er auf Anfrage des SPIEGEL. Die Politik müsse sich aber rasch zu einem konsequenten Ausbau bekennen. "Dazu gehört, dass die Kultusminister jetzt den zusätzlichen Bedarf an Lehrkräften für den Ganztagsausbau in ihren Lehrerbedarfsprognosen berücksichtigen", so Zorn.

Denn nur wenn jetzt neue Lehrer ausgebildet werden, seien sie in ein paar Jahren für die Grundschüler im Ganztagssystem da. Die Berechnung seines Forscherteams verliere bis dahin nicht an Gültigkeit.