Ganztagsschulen So machen's die Nachbarn

Nur vormittags zur Schule? International steht Deutschland damit fast allein. Ob Finnland, Frankreich oder Großbritannien - Länder, die bei der Pisa-Studie weit besser abschnitten, setzen ihre Schüler zur Mittagszeit nicht einfach vor die Tür.


Britische Schüler: Erst um 16 Uhr raus aus der hässlichen Uniform
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Britische Schüler: Erst um 16 Uhr raus aus der hässlichen Uniform

Im Zwist um Ganztagsschulen vertritt Sachsen-Anhalts Kultusminister eine entwaffnend simple Logik: "Wenn eine Ganztagsschule gut ist, ist sie den ganzen Tag gut, wenn sie schlecht ist, ist sie den ganzen Tag schlecht", findet Jan-Hendrik Olbertz. Sachsen-Anhalt gehört zu den unionsgeführten Ländern, die sich bei der Einrichtung von mehr Ganztagsschulen in Deutschland lange zierten.

Nach den verheerenden Pisa-Ergebnissen hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder den Ländern angeboten, vier Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsangeboten bereitzustellen. "Die große Aufgabe der kommenden vier Jahre heißt massive Investitionen in Ganztagsbetreuung", so Schröder. Zunächst lehnten die Unionsländer das Geschenk ab, weil sie auf ihre Zuständigkeiten in der Schulpolitik pochten. Dann lenkten sie doch ein.

Inzwischen sind sich Bildungspolitiker aller Parteien weitgehend einig, dass Ganztagsangebote mindestens eine interessante Alternative zur traditionellen Halbtagsschule sind. Denn vor allem in sozialen Brennpunkten ist dieser Schultyp offenkundig erfolgreich.

Kaum Angebote in Deutschland
DER SPIEGEL

Kaum Angebote in Deutschland

Zudem haben andere Länder Deutschland vorgemacht, wie gut Ganztagsschulen im Vergleich abschneiden: Ob Finnland oder Kanda, Neuseeland oder Südkorea - fast überall werden Kinder und Jugendliche auch nachmittags betreut. Und der Zusammenhang zwischen Ganztagsangeboten und guten Noten bei der internationalen Schulvergleichsstudie ist durchaus auffällig.

In Finnland etwa, dem Pisa-Siegerland und der neuen Wallfahrtsstätte wissbegieriger deutscher Bildungspolitiker, besucht jedes Kind neun Jahre lang eine Gesamtschule, die von der Kommune getragen wird. Die finnischen Schüler essen in der Schule kostenlos zu Mittag. Auf dem Land gehen sie anschließend nach Hause, in anderen Teilen Finnlands lernen sie nachmittags weiter.

In Großbritannien dagegen sind Ganztagsschulen Pflicht: Die britischen Schüler haben täglich bis 16 Uhr Unterricht, unabhängig davon, ob es sich um eine Privatschule oder eine öffentliche Schule handelt. Nach dem Mittagessen in der Schulkantine wird der Unterricht nachmittags mit Sport aufgelockert. Auch die Hausaufgaben erledigen die Kinder und Jugendlichen unter Aufsicht ihrer Lehrer in der Schule.

Modelle der Ganztagsbetreuung
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Modelle der Ganztagsbetreuung

Nur sieben Prozent aller britischen Schüler besuchen eine der knapp 170 Privatschulen des Landes. Diese Ausbildung kostet die Eltern im Schnitt zwischen 23.000 und 35.000 Euro. Aber ob staatliche oder private Schulen, England schnitt bei der Pisa-Studie vergleichsweise gut ab.

In Frankreich besuchen die Kinder die Schule von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr. Abends müssen sie dann noch Hausaufgaben machen. Einige Schulen haben dafür mittwochs, andere samstags frei. Nach dem Mittagessen wird der Unterricht nicht, wie in England, mit sportlichen Angeboten aufgelockert. Beim Pisa-Leistungsvergleich schnitt Frankreich insgesamt schlechter ab als Großbritannien, war aber in einigen Bereichen überdurchschnittlich gut.

In Österreich indes gibt es praktisch keine Ganztagsschulen - aber freiwillige Nachmittagsbetreuung ohne Unterricht, die auf steigendes Interesse triftt. Die Schüler lagen bei der Pisa-Studie zwischen Großbritannien und Frankreich.

Eltern: Wenig Zeit für Kinder
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Eltern: Wenig Zeit für Kinder

Anders die Luxemburger: Im Zwergstaat hat die Ganztagsschule offenbar keine echte Chance und sieht "zu sehr nach Verpflichtung aus", so ein Statement aus dem Erziehungsministerium. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, wollen die meisten luxemburgischen Eltern ihre Kinder lieber am Nachmittag zu Hause haben.

In Deutschland ist die Ganztagsschule bisher noch keine gängige Schulform: Im ganzen Bundesgebiet existieren 1650 Ganztagseinrichtungen von insgesamt 30.700 allgemein bildenden Schulen. Doch das könnte sich in den nächsten Jahren ändern - wenn die Bundesländer nach der Pisa-Blamage nicht nur weiter folgenlos palavern, sondern beherzt Reformen anpacken.




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