Gap Year Statt Dienstpflicht ein Probejahr

Wer mit der Schule fertig ist, weiß oft noch nicht so recht, wie er am besten ins Leben starten soll - und legt ein Gap Year ein. Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat einen anderen Vorschlag.

Studierende im Praktikum (Symbolbild)
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Studierende im Praktikum (Symbolbild)


Jugendpolitik ist Zukunftspolitik, und die kommt in der Bundesregierung der schwarz-roten Koalition in letzter Zeit zu kurz. Deshalb wird es höchste Zeit, zwei interessante politische Ideen wieder aus der Versenkung zu holen.

  • Annegret Kramp-Karrenbauer, damals noch CDU-Generalsekretärin, preschte vor einigen Monaten mit dem Vorschlag einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Männer und Frauen über 18 Jahren in den Bereichen Pflege, Soziales, Feuerwehr, Katastrophenschutz oder Entwicklungshilfe vor.
  • Martin Schulz brachte als Kanzlerkandidat der SPD vor rund zwei Jahren im Wahlkampf den Vorschlag ein, jungen Leuten nach dem Schulabschluss pauschal ein Startstipendium, eine Art Jugendrente, auszuzahlen.

Beide Ideen wurden aus heiterem Himmel in die Debatte geworfen, und es ist nicht erstaunlich, dass sie nach kurzer Zeit wieder vergessen waren. Aber: Beide Ideen sind wertvoll, weil sie gezielt auf die Förderung der jungen Generation abstellen, und sie lassen sich auch miteinander verknüpfen. Es lohnt sich, sie wieder aufzunehmen und weiterzuentwickeln.

ZUR PERSON
  • imago/Reiner Zensen
    Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance. Sein Forschungsinteresse gilt dem Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik. Er ist Mitglied des Leitungsteams mehrerer fortlaufender nationaler Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hurrelmann war Professor für Sozialisation an den Universitäten Essen und Bielefeld und Gründungsdekan der Bielefelder Fakultät für Gesundheitswissenschaften.

Beide Ideen treffen mit unterschiedlichem Ansatz einen Nerv: Es ist heute schwierig geworden, den Übergang von der Jugendzeit in das Erwachsenenleben zu gestalten. Untersuchungen wie die Shell-Jugendstudie zeigen, wie irritiert und unsicher viele junge Leute nach Abschluss der Schule sind. Sie fühlen sich überfordert, die Planung der nächsten Schritte im Lebenslauf vorzunehmen und die berufliche Ausrichtung zu bestimmen.

Deshalb entscheiden sich immer mehr von ihnen für eine Pufferzeit, ein Gap Year, um nach der Schulzeit erst mal Orientierung zu gewinnen. Sie reisen auf eigene Faust um die Welt, jobben mal hier und mal da, machen sich mehr oder weniger produktiv mit beruflichen Perspektiven oder Studiengängen vertraut. Das ist meist spontan improvisiert, wenig durchdacht, nichts Halbes und nichts Ganzes, und schon so mancher hat dabei den Rhythmus verloren und nicht wieder in ein geregeltes Alltagsleben zurückgefunden.

Allgemeine Dienstpflicht kaum durchsetzbar

Statt jedem einzelnen jungen Mann und jeder einzelnen jungen Frau die volle Verantwortung für die Gestaltung des Übergangs aufzubürden, sollte die Gesellschaft Angebote machen, wie diese Lebensphase gestaltet werden kann. Die Ideen von Kramp- Karrenbauer und Schulz setzen hier an. Sie erwägen verbindliche Übergangshilfen für Männer und Frauen und deren finanzielle Absicherung.

Der Haken am Vorschlag einer allgemeinen Dienstpflicht ist aber, dass er rechtlich kaum durchzusetzen ist und bei der jungen Generation als Fremdbestimmung erfahren wird. Und die Schwäche des Vorschlags eines Jugendstipendiums für alle ist, dass die Finanzierung nicht gesichert und die Zielrichtung nicht durchdacht ist.

Um diese beiden Schwachpunkte auszubügeln, sollte der Akzent nicht auf der Verpflichtung, sondern auf einem verbindlichen und attraktiven Angebot liegen, sollte es inhaltlich nicht nur um soziale Dienstleistungen, sondern auch um Berufsorientierung gehen. Und die finanziellen Anreize sollten gut platziert sein.

Vorschlag: ein Probejahr.

Verpflichtend für ein Jahr nimmt jeder junge Mann und jede junge Frau im Anschluss an die Schulzeit entweder die Position eines Auszubildenden auf Probe in öffentlichen Einrichtungen, zivilen Organisationen oder privaten Unternehmen oder alternativ eines Studierenden auf Probe in Fachhochschulen oder Universitäten ein.

Diese Tätigkeit wird entweder entlohnt oder mit einem Stipendium ausgestattet, einschließlich aller sozialen Versicherungsleistungen. Die bisherigen Angebote des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) und des Ökologischen Jahres (FÖJ) sollten in diesem Modell aufgehen.

Ein solches Modell bietet jungen Menschen eine strukturierte und sozial abgesicherte Variante eines Gap Year - und ermöglicht gleichzeitig authentische Einsichten in Arbeitsabläufe in Unternehmen oder Hochschulen. Es sichert den verbindlichen Einstieg in eine aussichtsreiche neue Position im Lebenslauf, hat aber nicht den schalen Geschmack eines Dienstpflichtjahrs.

Keine staatliche Vereinnahmung, sondern Orientierung

Vorteil eines Probejahres: Es kommt nicht wie eine staatliche Vereinnahmung daher, sondern wie ein öffentliches Angebot zur Unterstützung und Orientierung. Auch bei Unternehmen und Ausbildungseinrichtungen dürfte dieses Modell Zuspruch finden. Wer Arbeitsplätze zur Probe anbietet, hat einen guten Eindruck von den Fähigkeiten der Teilnehmer und kann sie besser verstehen. Wer Studiengänge zur Probe gestaltet, kann anschaulich für seine Programme werben.

Was kann von der Schulz-Idee noch eingebracht werden? Statt Stipendien mit der Gießkanne über alle zu verteilen, sollte über die Basisfinanzierung des Probejahres hinaus ein Teilbetrag als "Risikokapital" zur Verfügung stehen, das auf Antrag junger Menschen für Start-ups mit originellen, neuen sozialen und ökologischen Konzepten gezahlt wird. Das fördert Kreativität und Gründergeist.

Weiterer Vorteil: Ein Probejahr macht Ernst mit der in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten vom früheren Bundeskanzler Helmut Kohl immer wieder angeregten "Lehrstellengarantie". Die war immer nur ein Wahlkampfversprechen, wurde aber nie umgesetzt. Das Probejahr für alle aber sorgt dafür, dass nach der Schule tatsächlich jeder junge Mann und jede junge Frau verlässlich eine erste sozial anerkannte und entlohnte Position einnehmen kann.

Es ist ein wertvoll angelegtes Jahr, auch weil jeder, der in der Probezeit schon seinen endgültigen Weg gefunden hat, an Ort und Stelle bleiben und sich seine bisherigen Leistungen auf die Ausbildung oder als Studium anrechnen lassen kann.

insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
kaiosid 06.04.2019
1. strukturiert und sozial abgesichert...
Ich finde unstrukturiert und außerhalb des Gewohnten gibt neue Eindrücke. Also raus aus dem Umfeld und gucken, wie die Welt wirklich aussieht; das hilft ungemein, auch wenn das vielleicht nicht der Vollkaskomentalität und dem Diensteifer entspricht.
m82arcel 06.04.2019
2.
Klingt eigentlich ja ganz gut, wenn es tatsächlich finanzierbar ist. Nur den letzten Punkt mit der Anrechnung sehe ich ein bisschen kritisch. Ich finde, dass Probejahr sollte die Weiterbeschäftigung im gleichen Betrieb grundsätzlich ausschließen. Andernfalls würden Unternehmen es schlicht als erstes, staatlich finanziertes Lehrjahr nutzen und niemanden einstellen, der das Jahr nicht bei ihnen verbracht hat. Damit wäre es dann doch wieder eine wichtige Entscheidung für die Karriere, wo man das Jahr verbringt und der Gedanke des Ausprobierens ginge verloren. Gleiches gilt für ein Studium, wenn man sich anschließend fragen lassen muss, warum man denn nicht gleich "das richtige" studiert hat und sich so ein Jahr hätte sparen können.
jjr-62 06.04.2019
3. Klingt super - nein danke
Als mittlerweile alter Sack, der auf die heutige Jugend herabschaut, finde ich die Idee gut. Als heutiger junger Schulabgänger und wenn ich mich in meine Jugend zurück denke: gehts noch?
Nordstadtbewohner 06.04.2019
4. Meine Kinder sind nicht eure Verfügungsmasse
"sollte die Gesellschaft Angebote machen, wie diese Lebensphase gestaltet werden kann. Die Ideen von Kramp- Karrenbauer und Schulz setzen hier an." Das sehe ich als Vater von drei Kindern aber völlig anders. Die "Gesellschaft" ist letztlich eine diffuse Masse und aus dieser Masse heraus maßen sich Politiker an, über die Zukunft junger Menschen zu entscheiden. Was (meine) Kinder nach dem Abitur machen, ist allein deren Entscheidung und die der dazugehörigen Eltern. Es muss in Deutschland nicht alles per Gesetz vorgegeben werden. Schon heute können junge Menschen frei entscheiden, wohin sie im so genannten Gap Year gehen, leben und arbeiten wollen. Die im Artikel gemachten Vorschläge laufen alle darauf hinaus, dass die Generation 55+ mal wieder entscheidet, wie andere Menschen zu leben haben. Es wird Zeit, dass in Deutschland endlich wieder mehr Liberalismus einzieht, statt alles bis ins letzte Detail staatlich zu regeln.
Grünspahn 06.04.2019
5.
Warum sind heute mehr Jugendliche als früher damit überfordert, was sie nach der Schule machen wollen? Die Möglichkeiten sind heute nicht vielfältiger als vor 20 oder 30 Jahren. Zwar haben sich Berufsbilder gewandelt, aber das ist schon spätestens seit Beginn der Industrialisierung so, aber die groben Richtungen sind gleich geblieben. Sind heute Jugendliche unselbständiger als früher? Ich finde es gibt genug Angebote zur Lebensorientierung wie zB Berufsmessen, Studienorientierungstage usw.
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