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02. Oktober 2018, 09:30 Uhr

Neues Lernen

Muss das Kind wirklich aufs Gymnasium?

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Etliche Eltern schicken ihre Kinder dorthin, wo sie das Abitur auf sanftem Weg bekommen: auf Gemeinschaftsschulen. Die "Schule für alle" boomt - und verändert die deutsche Bildungslandschaft.

Adrians Eltern haben die Frage aller Fragen mit einem Nein beantworten: Muss mein Kind aufs Gymnasium?

Dabei könnte der 12-Jährige durchaus ein Gymnasium besuchen. Die Eltern aber entschieden sich für jene Schulform, die gerade das deutsche Bildungssystem erobert: die Gemeinschaftsschule. Dort lernen alle Kinder gemeinsam. Und der Deutschen liebster Abschluss wird sanft erreicht, selbstbestimmt. Ein "Slow Abi" sozusagen.

"In der normalen Schule bauen die Lehrer Druck auf, indem sie Prüfungen schreiben lassen und Noten geben", sagt Adrian. "Bei uns ist das ganz anders. Da bauen wir Schüler den Druck auf - wenn wir das wollen." Er wird in einigen Jahren einer der neuen Abiturienten sein, an der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe.

Bundesweit erlebt die Gemeinschaftsschule einen Höhenflug - was einer Bildungsrevolution gleich kommt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der "Schulen für alle" laut Statistischem Bundesamt mehr als verdreifacht: von knapp 670 Schulen im Jahr 2007 auf mehr als 2100 im vergangenen Schuljahr. Zum Vergleich: Es gibt in Deutschland 3100 Gymnasien.

Die Bildungsrepublik verändert sich grundlegend

Den Anfang machte im Jahr 2005 Schleswig-Holsteins damalige Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), indem sie das Tabu der Kultusminister brach und die gegliederte Schule infrage stellte. Sie ließ die Gemeinschaftsschule entwickeln - und gleichzeitig Haupt- und Realschulen auflösen. "Wir brauchen ersetzende Schulformen für Schularten, die sich überlebt haben", begründete der Erfinder der Gemeinschaftsschule, der Schulforscher Ernst Rösner, den Wechsel.

So setzte sich die Gemeinschaftsschule erst in Schleswig-Holstein durch, dann folgten Berlin und das Saarland, auch Sachsen-Anhalt und Thüringen führten sie ein, inzwischen breiten sich die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg aus. In Hamburg und Bremen finden sich ganz ähnliche Stadtteilschulen und Oberschulen.

So wird Wirklichkeit, was bereits in den Siebzigern als Gesamtschulreform geplant war und in einen erbitterten Schulstreit mündete: die Ablösung des dreigliedrigen Schulsystems. Während die Gemeinschaftsschulen boomen, schrumpfen Haupt- und Realschulen unaufhaltsam vor sich hin: Die Zahl der Realschulen sank seit 2007 um ein Drittel, die der Hauptschulen sogar um die Hälfte.

Die Bildungsrepublik verändert sich damit grundlegend. Nur blieb das lange unbemerkt, weil die meisten nur auf den Abiturboom und den Hauptschultod blickten - seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 verdoppelte sich die Zahl der Abiturienten, und die Hauptschulen verloren etwa 725.000 Schüler.

Was ist neu an den Gemeinschaftsschulen? Schüler werden nicht mehr nach Leistung getrennt, sondern lernen im gleichen Klassenzimmer. Es wird also anders gelernt - selbständig und möglichst individuell.

"Die Schüler erwartet eine Welt, in der sie eben nicht immer gesagt bekommen, was sie zu tun haben", sagt Micha Pallesche, der Leiter der Ernst-Reuter-Schule. "Die Schüler müssen sich selbst organisieren. Sie müssen versuchen, eigenständig zu arbeiten, indem sie kreativ werden und sich kollaborativ Teams zusammenstellen." Und in den Worten Adrians: "Ich kann mir meine Leistungsstufe selbst aussuchen, indem ich in einem Fach das gymnasiale Niveau wähle."

Nicht Fächer, sondern Freiheit

Die wohl experimentellste unter den Gemeinschaftsschulen liegt in Berlin. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum organisiert ihr Lernen nicht nach Fächern, sondern nach dem Freiheitsgrad ihrer Schüler. In "Lernbüros" bestimmen die Schüler das Tempo ihres Lernens, in den "Pulsaren" der Oberstufe entscheiden sie sogar über das Thema, das sie erforschen wollen. Die evangelische Gemeinschaftsschule hat bereits mehrere Abiturjahrgänge entlassen, deren Leistungen sich nicht vom Durchschnittsabitur an Berliner Gymnasien unterscheiden.

So weit sind noch nicht alle Gemeinschaftsschulen. Viele bekommen erst nach und nach eine Oberstufe - die aber ist essenziell für die Mischung. Eltern, die ihr Kind an einer der neuen Schulformen anmelden wollen, sollten darauf achten, dass es eine Oberstufe gibt oder ob zumindest eine Kooperation mit einem Gymnasium existiert.

Am wichtigsten ist jedoch der Blick auf den Lernstil der Schule: Wird dort individuell gelernt - oder spielen nach wie vor Noten und Gleichschritt die entscheidende Rolle? Gibt es Lernbüros oder Lernateliers, in denen die Schüler selbst entscheiden, was und wie sie lernen?

So oder so: Die neue Schulwelt wird offener - und spannend. Nicht nur für Adrian.

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