Fotostrecke

Aus für Schulprojekt: Wir waren Genforscher

Foto: Uni Hannover/HannoverGen

Niedersachsen Rot-Grün schließt Gentechnik-Labore in Schulen

Im Sommer ist Schluss mit Hightech im niedersächsischen Biounterricht: Die neue rot-grüne Landesregierung beendet im Anti-Gentechnik-Überschwang ein Schulprojekt, das unter Lobbyismusverdacht steht. Viele Schüler sind deshalb mächtig sauer.

Biotechnologie, Genetik, ganz schön harter Stoff für Oberstufenschüler. Da war die stellvertretende Direktorin Marietta Vollmer-Schöneberg froh, dass sie für ihre Hannoveraner Schule eine attraktive Förderung angeboten bekam: Eines von vier mit Hightech-Geräten vollgepackten Schullaboren für gentechnische Experimente wurde ihr geschenkt. Arbeitsmaterialien und Schulungen für die Biologielehrer inklusive.

"HannoverGEN" heißt die Initiative, für die in Niedersachsen 2008 vier Modellschulen von der damaligen Landesregierung ausgewählt wurden, darunter auch die Wilhelm-Raabe-Schule. Noch immer ist Vollmer-Schönberg von dem Projekt begeistert: "Die Schüler können die DNA von Chips und Waffeln analysieren und nach gentechnisch verändertem Mais suchen." Ein Aufwand, der im alltäglichen Biologieunterricht nicht zu leisten wäre, doch damit soll nun Schluss sein: Die neue rot-grüne Landesregierung hat sich in den Koalitionsvertrag geschrieben, "Niedersachsen gentechnikfrei zu halten". Eine Konsequenz: Die Förderung von "HannoverGEN" wird zum Juli eingestellt, die Labore geschlossen.

Knapp 1,16 Millionen Euro flossen bislang in das Projekt, gut ein Drittel kam von drei Ministerien, dem für Landwirtschaft, dem für Wissenschaft und dem für Schule. Weitere 60 Prozent gab die Stiftung Zukunfts- und Innovationsfonds Niedersachsen unter der Obhut des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums. Ein kleiner Prozentsatz kommt laut "HannoverGEN"-Webseite vom Saatguthersteller KWS und vom Verband der chemischen Industrie. Die mittlerweile abgewählte CDU-FDP-Koalition plante eine Ausweitung des Modellprojekts auf rund 50 Schulen für 13,3 Millionen Euro.

"Nachlabern, was meine Regierung vorlabert"

Auf Facebook haben einige zornige Schüler der Grünen-Landtagsfraktion Niedersachsen schon geschrieben, was sie von der neuen Linie halten: Einer schon den Schülern schimpft, es gehe wohl darum, dass er nur noch "das nachlaber, was meine Regierung mir vorlabert". Ein anderer verteidigt das Projekt "HannoverGEN": "Es ist ja nicht so, dass uns gezeigt wird, was man mit Gentechnologie alles 'tolles' machen kann, uns wird lediglich gezeigt, WAS Gentechnik überhaupt ist."

Christian Meyer (Grüne), neuer niedersächsischer Landwirtschaftsminister, sieht das anders: Für ihn ist "HannoverGEN" eine "PR-Maßnahme". Ein Problem hat Ressortchef Meyer vor allem mit dem Kopf hinter dem Projekt: Initiator ist Hans-Jörg Jacobsen, Abteilungsleiter am Institut für Pflanzengenetik und Professor an der Universität Hannover. Außerdem ist Jacobsen Vorstandsmitglied des "Wissenschaftlerkreises Grüne Gentechnik e.V.". Gegner werfen seinem Verein vor, eine Lobbyorganisation zu sein. Tatsächlich wird der Wissenschaftlerkreis unter anderem von Saatgutriesen wie BASF, Monsanto oder BayerCropScience gefördert.

Für den Grünen-Minister ist Jacobsen Chef eines Lobbyverbandes, der "für den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft wirbt". Deshalb sei das "Risiko zu hoch, dass Schüler im Unterricht nur einseitig informiert werden". Eine ausgewogene und kritische Auseinandersetzung zur "Agro-Gentechnik" werde es auch nach Schließung der Schullabore weiterhin geben. Auch Gentechnikgegner werfen "HannoverGEN" vor, es mit den Chancen zu übertreiben und die Risiken nicht ernst genug zu nehmen. Die Gentechnik-kritische Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hatte Materialien von der "HannoverGEN"-Webseite Anfang 2012 dem Biologen Heribert Wefers vorgelegt. Wefers, damals noch Umweltschutzreferent beim Bund Naturschutz, urteilte vernichtend: Das Material enthalte eine "voraussagbare und einseitige Bewertung der Agro-Gentechnik". Darin finde sich eine rein positive Bewertung gentechnisch veränderter Pflanzen, die "weder begründbar noch logisch" sei, so Wefers. Auch er hält vom Genetiker und "HannoverGEN"-Initiator Jacobsen wenig. Dieser sei sei der "ausgewiesenste und polemischste Lobbyist für Gentechnik".

Genforscher Jacobsen hingegen sieht im Koalitionsvertrag einen "Angriff auf die Forschungsfreiheit" und weist den Lobbyistenvorwurf zurück. Seine Mitarbeiterin Wiebke Rathje machen die Vorwürfe aus dem Landwirtschaftsministerium "fassungslos". Sie ist Teilprojektkoordinatorin fürs Experimentieren bei "HannoverGEN" und sagt, Ziel des Projektes sei es doch, "Schülern die Chancen und Risiken der Gentechnik zu erklären, damit sie sich eine eigene Meinung bilden können". Rathje bestätigt allerdings, dass die kritisierten Arbeitsblätter auf der Seite von "HannoverGEN" bis Februar 2012 zum Download bereitgestanden haben. Die seien aber von der Landesregierung gekommen, das tatsächlich verwendete Unterrichtsmaterial würde sich davon unterscheiden. In den Vorwürfen der Gentechnikkritiker sieht sie eine Kampagne von Anti-Gen-Aktivisten.

Chancen übertrieben, Risiken nicht ernst genommen?

Ganz so harsch waren die Reaktionen von "HannoverGEN" auf die Kritik zu Anfang allerdings nicht: Im Herbst 2012 schickte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts eine Mail an das Bündnis "Gentechnikfreie Landwirtschaft". Darin bedankte sie sich für die Wefers-Studie und lobt das Papier als "sehr differenziert und gewissenhaft". Beim Überfliegen habe sie "mehrere Punkte gesehen, bei denen wir sicher übereinstimmen, beziehungsweise gut ins Gespräch kommen können". Projektkoordinatorin Rathje sagt nun, nach gründlicher Lektüre sehe man das heute anders.

Unbestritten ist: "Grüne Gentechnik" gehört in Niedersachsen zum Bio-Lehrplan, praktische Arbeit im Labor ist aber "nicht obligatorisch", heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Die stellvertretende Schulleiterin Vollmer-Schöneberg sagt, die Teilnahme an "HannoverGEN" sei immer auf Initiative der Lehrer zurückgegangen. Künftig werden die Lehrer wieder ohne den akademischen Sachverstand von Jacobsens Gentechnikerteam lehren müssen. Und ohne das viele Geld vom Land und der Saatgutindustrie.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.