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Vertretungslehrer Gentleman: Reggae-Sänger als Religionslehrer

Foto: Frank Dünzl

Gentleman als Vertretungslehrer Glaube, Reggae, Hoffnung

Pastorensohn und Reggae-Musiker Gentleman ist als Vertretungslehrer eingesprungen: Für das Jugendmagazin "Spiesser" unterrichtete er evangelische Religion an einem Kölner Gymnasium. Doch anders als der Star beim Musizieren spüren die Achtklässler nur wenig Göttliches.

10.45 Uhr: Die Klasse wartet schon gesittet auf ihren Religionslehrer. Zielstrebig tritt Gentleman ein.

Gentleman: Hallooo! Ich bin euer neuer Lehrer.

Schweigen und erwartungsvolle Gesichter. Ein Schüler vorn lässt den Stift in seiner Hand kreisen.

Gentleman: Wer hat denn Lust anzufangen?

Es stehen Referate mit religiösen Grundfragen an. Tim und Willi diskutieren über den Sinn vom Glauben.

Tim: Man braucht einen Glauben, da die Menschen etwas brauchen, woran sie sich festhalten können.

Willi: Ja, aber man benötigt doch keinen Gott, um sich aussprechen zu können. Freunde geben mir mehr Antworten als Gott. Meiner Meinung nach braucht man keinen Glauben.

Gentleman: Aber du glaubst daran, dass du nichts glaubst?

Willi (vorsichtig): Ja.

Gentleman: Na, das ist ja auch ein Glauben. Eben der, dass man an nichts glaubt.

11.03 Uhr: Das Göttliche ist für Gentleman überall zu finden. Mal schauen, ob er die Klasse überzeugen kann.

Gentleman: Wenn ich Musik mache, spüre ich so was Göttliches. Welche Musik gefällt euch denn?

Helena: Manchmal Hip-Hop, manchmal Reggae, manchmal Soul. Also immer ein bisschen durchgemischt.

Gentleman: Und was empfindet ihr, wenn ihr Musik hört?

Tim: Meistens denkt man dabei nichts. Musik beschäftigt einen einfach.

Gentleman: Musik war auch immer eine Begleiterscheinung von allen Religionen. Habt ihr Musik in der Schule?

Allgemeines Nicken. Vereinzelt dringt ein "Ja" durch den Raum. Zeit für eine Provokation.

Gentleman: Und was macht ihr da? Blockflöte spielen?

Steffi: Nee, also bei uns in der Klasse gucken wir gerade "Grease".

Gentleman: Und was passiert da?

Steffi (holt tief Luft): Da ist so ein Typ und der gibt sich vor seinen Freunden ganz cool, aber eigentlich... (sie redet und redet und redet) ...und dann werden die Gefühle durch Musik ausgedrückt.

Da kennt sich Gentleman aus und fasst kurz und knapp zusammen.

Gentleman: Aha. Also ist es eine Liebesgeschichte.

11.19 Uhr: Nun gut, Gott ist also überall zu finden. Aber jetzt zu einer Grundsatzfrage für junge Christen.

Gentleman: Geht ihr in die Kirche?

Willi: Ich glaub nicht, dass da oben ein alter Herr sitzt, sondern eher jemand, der einem Kraft gibt, wenn man geknickt ist.

Gentleman: Das ist doch super!

Willi: Aber in die Kirche gehe ich eigentlich wegen meiner Eltern.

Gentleman: Ok. Ist wenigstens ehrlich.

11.23 Uhr: Von hinten kommt Gekicher. Die Schüler witzeln über Kirchenchöre.

Jan: Singen in der Kirche - das ist halt nur runtergedudelter Gesang. Meist fehlt da die Leidenschaft.

Gentleman: Ich finde, Leidenschaft entsteht automatisch, wenn man von etwas überzeugt ist. Das ist vielleicht auch die einzige Chance der Kirche, am Puls der Zeit zu bleiben, anstatt sich nur auf alte Traditionen zu verlassen.

Ok, die christliche Kirche ist angestaubt. Was macht die Kirche in Jamaika anders?

Gentleman: Die Botschaft auf Jamaika ist die gleiche. Die wird nur anders verbreitet. Ein Gospelchor, ein Pastor, der sich in Rage redet und Leute, die in Ekstase fallen. Ein kurzer Ausraster lockert Muskeln und Geist.

Gentleman wirft die Arme hoch und zappelt am Pult. Das schreit nach einer Glaubensfrage.

Steffi: Wurden Sie konfirmiert?

Gentleman: Wenn der Vater Pastor ist, kann man schwer Nein sagen. Was macht ihr denn im Konfirmandenunterricht?

Die Klasse schmunzelt. Ist schon klar, was jetzt kommt!

Willi: Da gehts um Sex. Und Liebe. Wir haben auch Kondome bekommen.

Gentleman: Das ist doch ok, oder nicht?

11.30 Uhr: Pausenglocke. Auf dem Flur wird's laut. Ein Haufen Fünftklässler reißt die Tür kurz auf. Der Vertretungslehrer bleibt gelassen und teilt einen Songtext an die Klasse aus.

Gentleman: In dem Lied gehts darum, dass man irgendwie auf Gott vertrauen kann. Was auch passiert, es ist schon alles in Ordnung - und jetzt gehts ab hier: Pause.

Gentleman bändigt die Horde, bewaffnet mit Stift und Autogrammkärtchen. Der Star als Erlöser. Und danach soll der Unterricht wieder normal weitergehen? Mal sehen...

Von "Spiesser"-Autorin Jennifer Busch, 18
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