Geschichte hautnah "Ich fühle keinen Hass auf Deutsche"

"Schnell, schnell, Holzkopf" - noch heute spuken Kommandos deutscher Soldaten im Kopf Dimas, der von Nazis verschleppt wurde. Jetzt dominiert wieder ein Deutscher das Leben des alten Russen: Raphael betreut ihn während seines Freiwilligen Sozialen Jahres in Moskau, ebenso wie Svenja Anna umsorgt.

Dass sie Jüdin ist, hat Anna ihr nie erzählt. Seit einem halben Jahr besucht Svenja Behrens, 21, die alte Dame in Moskau. Die Deutsche aus Scheeßel in Norddeutschland kommt einmal pro Woche für ein paar Stunden vorbei – um bei der 83-jährigen Russin sauber zu machen, um zu reden. "Swetka", nennt Anna sie, "Swetka, tu deine Arbeit, lass dich von mir nicht stören." Die Großmutter mit den streng zurückgekämmten grauen Haaren setzt sich dann in die Küche und schaut zu, wie Svenja die Fenster wischt, den Boden, die Holzkommode, in der das Porzellan so akkurat aufgereiht steht.

Anna fragt Svenja aus: Womit sie die Fenster putzt. Wie sie in Moskau ihre Freizeit verbringt. Ob sie endlich einen netten jungen Mann kennen gelernt habe, ob der sie liebt. Wie man in Deutschland heute mit den Juden umgehe. Ob Svenja auch keine Faschistin sei.

Svenja wundert sich dann ein bisschen, was es mit dieser freundlichen Dame auf sich hat, die sich gern unterhält, aber wenig von sich selbst offenbart und manchmal so merkwürdige Fragen stellt. Anna hat ihr auch nie erzählt, wie sie nur durch ein Wunder der Erschießung entging. Damals, als die Deutschen kamen. Wie Salz ihr Leben rettete.

Zwei Welten sind das. Seit etwa 15 Jahren leisten junge Deutsche ihr Freiwilliges Soziales Jahr oder den Zivildienst auch in Russland. Sie arbeiten mit Straßenkindern, in Heimen für Behinderte, in Krankenhäusern oder kümmern sich, wie Svenja, um Alte und Einsame. Die jungen Deutschen und die betagten Russen trennt fast ein ganzes Leben, die Sprache – und die Verletzungen des Krieges. Zwischen Schule und Studium suchen Abiturienten aus dem Westen das Abenteuer im wilden Osten, es zieht sie ins boomende, schillernde und mitunter abgründige Moskau. Svenja und 14 weitere Deutsche besuchen Menschen, die allein sind - und im langen Schatten ihrer Erinnerungen leben. Erinnerungen, die die Jungen nur aus Geschichtsbüchern kennen.

Todesangst vor der deutschen Patrouille

Ob sie nach Russland gekommen sei, um sich zu entschuldigen, ist Svenja oft gefragt worden. Das wollten alle fünf Damen wissen, die sie in ihrer Arbeitswoche besucht. Eine sagt ganz offen: "Mir haben die Deutschen damals alles genommen, dann können sie heute auch für mich schuften." Svenja ärgert das: "Ich bin hier, weil ich nach Russland wollte. Weil ich Moskau liebe."

Auch Großmutter Anna hat sie gefragt, ob sie um Entschuldigung bitten wolle. Wofür? Svenja weiß ja nichts von der Todesangst. Der Angst vor den Deutschen, die Annas Dorf unweit der Stadt Orjol durchkämmten. Als sie die Juden abholten.

"Überall hingen Flugblätter", erinnert sich Anna. Darauf stand: Wer Juden hilft, wird erschossen. Sie fand dennoch eine Familie, die sie versteckte und warnte, als eine Patrouille Haus für Haus durchsuchte. Doch ihr Versteck wurde verraten. Anna hebt den Blick nicht, während sie erzählt. Sie starrt auf ihre Hände, faltet ein Stofftaschentuch, faltet es immer wieder. Anna, damals 16, wartete in einem dunklen Raum der Dorfkommandantur, erwartete ihre Hinrichtung. Dann fragte der hagere deutsche Wehrmachtsoffizier, was es denn mit diesem verängstigten Mädchen in der Ecke auf sich habe.

"Margarita", sagt Anna und holt tief Luft, "hat mich damals gerettet und die Deutschen überlistet." Margarita, ein Mädchen aus ihrer Schule, arbeitete für die Besatzer als Übersetzerin. "Sie hat gesagt: Die braucht einen Passierschein, um im Nachbardorf Salz zu besorgen." Anna knetet das Tuch. Salz, sagt sie und lacht. So entkam sie dem Erschießungskommando. Nur vor dieser Angst, flüstert sie, gebe es kein Entrinnen: "Ich werde sie mein ganzes Leben nicht mehr los."

"Ach Schalopaj – mein kleiner Tunichtgut"

Der alte Dima spricht noch immer ein paar Brocken Deutsch, die Sprache seiner verlorenen Jugend. Ein Bär von einem Mann, 79 Jahre alt, schlohweißes Haar, buschige Augenbrauen. Als Raphael Wild, 20, ihn das erste Mal besuchte, kramte Dima nach einer selbstgemachten Visitenkarte, stellte sich vor: Dmitrij Gurjanowitsch Burenkow, pensionierter Redakteur, nie Mitglied der kommunistischen Partei. Drei Jahre hat er in deutschen Lagern gelitten.

Raphael, der ein Freiwilliges Soziales Jahr in Moskau anstelle des Wehrdienstes leistet, scheppert mit Kehrblech und Besen in die Küche. Dima tätschelt ihm den Kopf: "Ach Schalopaj – mein kleiner Tunichtgut." Der Alte liebt es, den Deutschen, der so fleißig seine Wohnung in Ordnung bringt, zu necken. Er lacht sein breitestes Lachen, dass in seinem Mund die silbernen Kronen blitzen. "Sollen wir vor die Tür gehen oder was", entgegnet Raphael mit gespielter Entrüstung. Dima schüttelt den Kopf, sagt: "Oh. Nein. Ich glaube, mit dir werde ich heute doch nicht mehr fertig." Die beiden feixen wie zwei Halbwüchsige - Raphael, der braun gebrannte Wehrdienstverweigerer im lässigen schwarzen Kapuzenpulli, und Dima, den deutsche Soldaten im Krieg bis nach Königsberg verschleppten.

"Schnell, schnell, du Holzkopf" - die Kommandos der Wachmänner, der peinliche Deutsche und ein anrührendes Lebewohl

Dima bekommt 5000 Rubel Rente im Monat, umgerechnet 150 Euro. Allein 800 Rubel kosten die Medikamente, die er seit dem Schlaganfall im vergangenen Jahr einnehmen muss. Er stottert ein wenig, wenn er sich aufregt, und wenn er über die Deutschen redet, zittern seine Finger. Im Februar 1942 rückten deutsche Truppen in sein Dorf bei Smolensk ein, erinnert sich Dima, nach der verlorenen Schlacht um Moskau: "Sie trugen Fackeln und gingen von Haus zu Haus, zündeten alles an, was auf ihrem Weg lag." Die Soldaten trieben die Dorfbewohner zusammen, die Arbeitsfähigen gesondert. "Ich wollte nicht weg", erzählt Dima. "Nur war ich, damals 14 Jahre, schon groß wie ein ausgewachsener Mann und kräftig."

Da erhebt sich der noch immer imposante Dima ein wenig tapsig von seinem Stuhl und zeigt grinsend, wie er damals die Knie beugte, um kleiner zu wirken. Wie ihm der deutsche Soldat, die Maschinenpistole in der Hand, in die Hacken trat und der russische Junge sein Dorf, seine Familie zurückließ. Die Deutschen brauchten kräftige Männer, die ihre Stellungen befestigen und Schützengräben ausheben konnten. Immer ganz nah der Kampflinie machten die Gefangenen auch den langen Rückzug der deutschen Heere aus dem Osten mit - von Russland über Weißrussland nach Polen, schließlich nach Königsberg.

"Oft konnten wir die russischen Soldaten auf der anderen Seite sogar rufen hören", erzählt Dima. Manchmal gerieten er und die anderen Verschleppten zwischen die Linien, kamen unter deutsches Feuer, auch unter russisches. "Die wussten ja nicht, dass wir dort lagen. Und Kugeln sind blind", sagt Dima. Viele versuchten zu fliehen, viele kamen dabei in den Minenfeldern um. Wen die Deutschen vorher erwischten, der musste sein eigenes Grab ausheben, wurde erschossen und verscharrt.

"Schnell, schnell", ruft Dima in seiner Moskauer Küche Raphael auf Deutsch zu, "schnell, zehn Minuten." Dima, der Junge aus dem Dorf bei Smolensk, verstand zunächst kein Wort Deutsch. "Schnell, schnell, du Holzkopf." Während der dreijährigen Gefangenschaft haben sich die Worte in sein Gedächtnis eingebrannt. Es ist ein eigentümliches Deutsch, in dem er ab und an mit Raphael spricht. Die Sprache der Soldaten: "Los, aufstehn. Einszweidrei."

"Kommst du zu meinem 80. Geburtstag?"

Dima spuken die Kommandos der Wachmänner noch immer durch den Kopf. Raphael aus Spandau hat die fremde Sprache mit Hilfe der russischen Ausgabe von Astrid Lindgrens "Karlsson vom Dach" gelernt. Trotz des Grabens der Geschichte, der Alte und der Junge, sie verstehen sich. Wie Enkel und Opa sitzen die beiden am Küchentisch, trinken Tee und knabbern Kekse, blödeln herum. Nur wenn Dima wieder anfängt, über den amerikanischen Imperialismus und Russlands Größe zu schwadronieren, dann schaut Raphael aus dem Fenster und ist lieber still.

Oft hat er versucht, mit Dima zu diskutieren, vergeblich. "Ich habe den Eindruck, dass er mir gar nicht zuhört. Es scheint gar nicht wichtig zu sein, dass ich da bin", seufzt Raphael. "Aber es ist ein krasses Gefühl: Plötzlich ist man ganz nah an dem, was man in den Geschichtsbüchern gelesen hat."

"Ich fühle keinen Hass auf die Deutschen", sinniert Dima, "es war Krieg, Krieg ist nun einmal grausam." Er streichelt Raphael sanft über den Arm. Nur seinen Freunden und Nachbarn mag er nicht gestehen, dass Raphael Deutscher ist. "Mein Enkel", so hat er ihn vorgestellt. Und druckst herum: "Die würden ja denken: Jetzt hat er einen Deutschen, da scheint es ihm ja damals gefallen zu haben."

Abschied. Raphael fliegt nach Hause. Sentimentalitäten ziemen sich nicht für einen alten Haudegen, also legt Dima Raphael ein letztes Mal jovial die Pranke auf die Schulter und sagt: "So, Söhnchen, dass du mir nicht noch meinen letzten Teelöffel klaust." Dann übermannt sie ihn doch, die Rührung, auch die Furcht, allein zurück zu bleiben. "Kommst du denn zu meinem Geburtstag?", fragt er, "ich werde doch bald 80." - "Ich schreibe dir", verspricht Raphael. Eine Umarmung, ein Kuss auf die Wange. "Denk mal an deinen alten Opa in Moskau", sagt Dima. Sie geben sich die Hand, der Junge und der Alte.

Dima hält sie fest, lange. Sehr lange.

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